Wenzendorf

Familie Matthies setzt auf Wildblumen

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Bianca Wilkens
Ute Matthies (v.l.) und ihre Töchter Ilka und Henrike in einem Blütenmeer der wilden Malve

Ute Matthies (v.l.) und ihre Töchter Ilka und Henrike in einem Blütenmeer der wilden Malve

Foto: Bianca Wilkens / HA

Statt Kartoffeln und Getreidebauen die Wenzendorfer Landwirte auch Sonderkulturen wie Weihnachtsbäume und Rollrasen an.

Wenzendorf.  Es ist ein ungewöhnliches Bild. Wildblumen in glühenden Farben bilden auf mehreren Hektar einen bunten Teppich in der Gemeinde Wenzendorf. Dort, wo die Bauern auf Ackerpflanzen setzen, geht Familie Matthies andere Wege. Das Unternehmen baut nicht nur Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben, sondern verstärkt auch Sonderkulturen an. Matthies hat sich bereits vor Jahren zum Spezialisten für Rollrasen entwickelt, was ihnen inzwischen mehr Geld einbringt als ihre Ackerpflanzen.

Jetzt wird es zunehmend bunt auf den Matthies-Flächen. Zu Beginn, vor fünf Jahren, baute Matthies noch auf 2,5 Hektar Wildpflanzenarten an. Heute sind es acht Hektar, auf denen 25 unterschiedliche Wildpflanzenarten wachsen. Dass das so ist, hat vor allem mit politischen Entscheidungen im fernen Brüssel zu tun. Alarmiert vom ungebrochenen Rückgang der Artenvielfalt hat die Europäische Union eine Biodiversitätsstrategie aufgelegt. Teil dieser neuen Strategie ist die naturnahe, standorttypische Begrünung. Das heißt: Wann immer als Ausgleich für den Bau von Häusern und Straßen Flächen begrünt werden müssen, dürfen dort nur standorttypische Pflanzen wachsen, um eine Verfälschung der heimischen Arten zu stoppen.

Das hat sich in einer Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes aus dem Jahr 2010 niedergeschlagen. Danach ist das Ausbringen von Pflanzen gebietsfremder Arten in der freien Natur ohne Genehmigung nicht gestattet. Noch ist es eine Übergangsregelung, aber 2020 ist sie verpflichtend.

Schnell erkannte Matthies, welche Marktlücke sich da auftat. „Jeder, der etwas baut, muss ja Ausgleichsflächen schaffen“, sagt Geschäftsführerin Ute Matthies, 53. Also entwickelte der Familienbetrieb mit dem Anbau von regionalen Wildblumen ein weiteres Standbein. „Da wir ja schon durch den Anbau von Rollrasen und Weihnachtsbäumen Erfahrung mit Sonderkulturen haben, trauten wir uns da ran“, sagt Juniorchefin Henrike Matthies, 26. Dennoch: Ein nicht ganz einfaches Unterfangen.

Ute Matthies und ihre Töchter Henrike und Ilka, 12, stehen vor einem Feld, auf dem wilde Malve sprießt, und deuten auf das Unkraut dazwischen. Kamille, Kreuzkraut und die Melde tun alles, um sich den Acker zurück zu erkämpfen. „Das Beikraut“, sagt Henrike Matthies, „ wollen wir nicht haben, weil es schneller wächst und den Blumen dann das Licht nimmt.“ Also machen die Mitarbeiter der Firma Matthies das, was jeder gute Gärtner macht: Jäten. Maschinell ist es nicht möglich, das würde den Anbau zerstören.

In mehreren Etappen bearbeiten die Saisonarbeiter das Feld mit der Hacke. Später, wenn die Blumen hoch gewachsen sind, muss das Unkraut mit der Hand herausgezogen werden. So fallen pro Jahr und Hektar 200 Arbeitsstunden an. Zum Vergleich: der Getreideanbau erfordert acht Arbeitsstunden pro Jahr und Hektar. „Das können wir auch nur machen, weil wir das Personal dafür haben“, sagt Henrike Matthies.

Unwägbarkeiten gibt es trotzdem. Matthies kann weder Fachbücher noch auf Berater, wie es sie im Getreideanbau gibt, heranziehen. „Also legen wir eine Bauchlandung hin oder wir haben Glück“, sagt sie. Die Erntemenge ist kaum einzuschätzen. Es kann vorkommen, dass ein Drittel des Anbaus misslingt. Die Saat fällt dann einfach aus. So wollte in der Vergangenheit beispielsweise der wilde Thymian nicht recht wachsen, genauso wenig wie die Braunelle. „Ob der Gelbklee funktioniert oder nicht, ist auch jedes Jahr eine Überraschung“, sagt Henrike Matthies. Manchmal ist das Unkraut zu hartnäckig oder Pilze und Schädlinge befallen die Blumen. Die Agrarbetriebswirtin versucht dann, sich nicht zu grämen.

Im Juli ist Haupterntezeit. Auch eine Herausforderung, da die Wildblumen keine einheitliche Reife haben. Ute Matthies erinnert sich noch gut an den Aufwand, den sie im ersten Jahr betrieben haben. Während große Maschinen und viel PS heute die Landwirtschaft prägen, griff Matthies wie im 18. Jahrhundert zu Handschere und Eimer, um die Wildblumensaat zu ernten.

Inzwischen kommt aber der Mähdrescher bei der Wildblumenernte zum Einsatz. Der Trick ist, nachts oder frühmorgens aufs Feld zu fahren. „Dann klebt die Saat am Kelch fest und springt beim Ernten nicht raus“, erläutert Ute Matthies.

Auf den Feldern von Matthies wachsen ausschließlich heimische Wildblumen, unter anderem Arten der Malve, Nelke, Johanniskraut, Natternkopf. Sie zählen zu den Wildblumen des Nordwestdeutschen Tieflandes. Denn was in den süddeutschen Bergen wächst, darf noch lange nicht im Norden gedeihen. Beim Anbau arbeitet Matthies eng mit der Rieger-Hofmann GmbH in Blaufelden zusammen, die seit 30 Jahren auf dem Gebiet aktiv ist. Matthies beliefert den Züchter mit der Saat. Rieger-Hofmann reinigt und trocknet sie, fertigt daraus Saatmischungen an und verkauft sie. Matthies liefert also die Basis für die Mischungen, verkauft die Saat aber nicht selbst.

Der Anbau hat noch einen schönen Nebeneffekt: So bunt wie die Wildblumen auf den Feldern sind, so viele Insekten ziehen sie an. Wildbienen tummeln sich zwischen den kniehohen Blumen und erfüllen die Luft mit einem fortwährenden Summen. „Ich habe noch nie so viele unterschiedliche Bienenarten gesehen“, sagt Ute Matthies.

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