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Wilhelmsburg

Schule unterrichtet per Smartphone

Lena Grabowski (l.) und Lena Wolff (beide 20), angehende Medizinische Fachangestellte, sind begeistert vom Lernen mit dem Smartphone

Lena Grabowski (l.) und Lena Wolff (beide 20), angehende Medizinische Fachangestellte, sind begeistert vom Lernen mit dem Smartphone

Foto: Katharina Geßler / HA

Angehende Arzthelferinnen der Berufsschule W 4 entdecken individuelles, digitales Lernen im Event-Lernraum.

Wilhelmsburg.  Reinhard Arndt, Leiter der Staatlichen Schule Gesundheitspflege W 4 in Wilhelmsburg hat einen Traum: „Lernen soll hier so einen Spaß machen, dass die Schülerinnen weinen, wenn die Ferien beginnen.“ Er ist überzeugt, dass er diesem Ziel jetzt einen Riesenschritt nähergekommen ist. Digitales Lernen ist eines der Zauberwörter in diesem Zusammenhang. Event-Lernraum ein anderes. Zusammen ergibt das Lernen 4.0 im next:classroom.

Für alle, die nur Bahnhof verstehen: In der Wilhelmsburger Berufsschule wurde ein Raum eingerichtet, der bestückt ist mit einer beeindruckenden Großplastik und einem kunstvollen Wandrelief des menschlichen Körpers. Mit Hilfe einer speziell für Mobilgeräte programmierten Lern-Software, die von dem Hamburger Unternehmen edu:cube GmbH entwickelt wurde, erleben die angehenden Arzthelferinnen der W 4 jetzt eine völlig neue Dimension des Lernens.

Über ihre eigenen Smartphones und die n:cr-LMS-App (next:classroom Learning Management System App) erforschen sie spielerisch die multimedial aufbereiteten Themengebiete ihres Lehrplans.

So kommt es, dass Lena Wolff und Lena Grabowski, beide 20 Jahre alt und in der Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten (MFA)/Arzthelferin, vor dem bunten, dreidimensionalen Relief stehen, die Smartphones auf Herz oder Leber des menschlichen Körpers gerichtet, der an der Wand hängt, und alles Wissenswerte über das jeweilige Organ taucht auf dem Display ihres Handys auf: Texte, Bilder, Videos.

Das Relief, das vordergründig das Innere des Menschen zeigt, ist randvoll mit dem Stoff mehrerer 1000 Unterrichtsstunden. Hinterlegt wurden die Inhalte nach Absprache mit den Lehrern der Berufsschule, angepasst an das jeweilige Niveau der Schüler in den unterschiedlichen Klassen.

Neben 950 Medizinischen Fachangestellten, werden an der W 4 knapp 900 Zahnmedizinische und 100 Tiermedizinische Fachangestellte unterrichtet. Lehrerin Andrea Hinsch, Leiterin der entsprechenden Abteilung, ist von den neuen Möglichkeiten begeistert: „Wir holen die Schülerinnen da ab, wo sie sind.“

Lena Grabowski und Lena Wolff bestätigen das: „Wir legen unsere Handys sowieso nie aus der Hand.“ Steffen Schuster, Pädagoge und Geschäftsführer von edu:cube, hat sich genau das für die Entwicklung des next:classroom zunutze gemacht. Mit Hilfe eines individuellen Portfolio können die Schüler direkt sehen, welche Fortschritte sie machen, welchen Stoff sie bereits abhaken können und welchen sie noch beackern müssen. Den Lehrern gibt die Lernsoftware Tools an die Hand, die ihnen einen Überblick über den Stand der Klasse und des einzelnen Schülers ermöglichen.

Nur etwa die Hälfte des Unterrichts ist im Klassenverband geplant. Den Rest 0rganisieren die Schülerinnen individuell und eigenverantwortlich, ganz so wie es schon seit 2010 zum Konzept dieser Berufsschule gehört. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich das Lernen nicht an den Defiziten, sondern an den Erfolgen orientieren soll.

Der next:classroom ist die konsequente Fortschreibung dieses Gedankens mit digitalen Mitteln, multimedial und spielerisch. Wie bei Videospielen können die Schülerinnen beispielsweise Lernpfade beschreiten, bei denen sie unterschiedliche Level durchlaufen: Lösen sie eine Aufgabe richtig, öffnet sich eine Schatzkiste mit Gold.

Der Lohn für die Besten: der Einzug ins Schloss des Wissens. Und, um den Reiz noch zu erhöhen, können sie sich zu Gruppen zusammenschließen oder auch gegeneinander antreten. Ist der Lernstoff erst mal im Handy gespeichert, kann er bearbeitet werden, wo immer die Schülerinnen sich aufhalten: ob in der Klasse, im Schulflur oder auf dem Pausenhof. „Als Schulleiter und Lehrer muss man da ganz schön umdenken“, sagt Reinhard Arndt.

Rund 100.000 Euro hat das Projekt gekostet, die Hälfte steuert die Berufsschule bei. Dass sich die Investition lohnt, davon ist Arndt überzeugt, zumal sich diese Form des Lernen 4.0 ideal in das Selbstlernkonzept der Schule einfügt. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand kein Smartphone besitzt, stehen Leihgeräte zur Verfügung.

Und sollte jemand absolut keine Lust auf digitales Lernen haben, ist auch das kein Problem: sämtliche Unterrichtsmaterialien gibt es auch analog, will sagen: auf Papier und in Büchern. Doch es sieht ganz so aus, als würde der next:classroom spätestens nach den Sommerferien volle Fahrt aufnehmen. Bis dahin sind dann auch sämtliche 75 Lehrer geschult.