Harburg
Wilhelmsburg

Hier singen Alt und Jung gemeinsam

Alt und Jung stehen am Sonnabend im Rahmen des Sommerfestes des Generationenhauses gemeinsam auf der Bühne

Alt und Jung stehen am Sonnabend im Rahmen des Sommerfestes des Generationenhauses gemeinsam auf der Bühne

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Im Generationenhaus der Bonifatiusschule lernen Kinder und Senioren täglich zusammen. Jetzt treten sie auf.

Und plötzlich vergisst Harry die Schmerzen in den Schultern, die Beine, die oft müde sind. Der Körper entspannt sich, die Augen fokussieren. Tief holt er Luft und singt. Aus vollem Herzen. Genau wie die Kinder auf der Bühne. Herr Vierke, den alle nur Harry nennen, ist 84, die Kinder um ihn herum zwischen fünf und sechs. Aber wenn sie gemeinsam singen, die Alten und Jungen vom Generationenhaus in Wilhelmsburg, ist das Alter egal. Für einen Moment spielt die Zeit keine Rolle.

Die Kinder, das sind die Vorschüler der katholischen Bonifatiusschule. Sie sind im sogenannten Generationenhaus an der Krieterstraße untergebracht, gleich gegenüber dem Malteserstift. Derzeit sind es 17. Wenn sie draußen spielen, können ihnen die Bewohner vom Aufenthaltsraum zuschauen. Doch noch lieber kommen die Kinder zu ihnen hinein.

Um Zeit zu teilen, gemeinsam zu forschen und zu musizieren. Seit fünf Jahren gibt es das Generationenhaus. Und ebenso lange gibt es den Chor der Generationen. Am morgigen Sonnabend stehen die kleinen und großen Sänger wieder gemeinsam auf der Bühne. Die Vorschüler spielen ihr Jahresstück. Und der Chor von fünf bis 100 sorgt für die musikalische Untermalung.

Alt und jung gemeinsam? Eigentlich selbstverständlich. Anfang und Ende gehören schließlich zum Menschsein dazu. Doch so ein Projekt wie das Generationenhaus ist in Hamburg bislang einmalig. Denn im Gegensatz zu anderen Einrichtungen, in denen die Kinder die Alten gelegentlich besuchen, ist die gemeinsam verbrachte Zeit hier nicht die Ausnahme – sie ist die Regel. Die Kinder und die Alten lernen am Vormittag gemeinsam. Jeden Tag.

Neben dem Chor gibt es die offene Erzählrunde über das Früher und Heute, die Computerwerkstatt, das Science Lab und die Besuche im Altenheim. „Das Projekt hält die Alten am Leben. Und die Kinder erfahren hier eine Welt, die ihnen heutzutage oft verschlossen bleibt“, sagt Ingrid Stegmann. Die Sozialpädagogin und Musikerin ist die treibende Kraft in diesem Miteinander von Alt und Jung.

Das Ziel sei lebenslanges, gemeinsames Lernen, so die 54-Jährige „Wir wollen Gelegenheiten und Räume schaffen, in denen Generationenbegegnungen stattfinden, die geprägt sind vom gegenseitigen Respekt, vom Spaß am gemeinsamen Tun und von der Bereitschaft, voneinander und miteinander zu lernen.“

Für die Kinder sind die Alten so vertraut wie Oma und Opa. Für die Senioren sind sie so nah wie die eigenen Enkel. Wolfgang zum Beispiel. Er sitzt im Rollstuhl und ist eine tragende Stimme im Chor. Von seinen 7,50 Euro Taschengeld in der Woche kauft er den Kindern immer zwei Tüten Süßigkeiten. Weil die Begeisterung der Kinder seine größte Freude ist.

Inzwischen engagieren sich viele Wilhelmsburger ehrenamtlich, Schulen kooperieren, Kindergärten suchen Kontakt zum Generationenhaus. Und doch ist Ingrid Stegmann der Dreh- und Angelpunkt, wenn es darum geht, Sponsoren zu gewinnen, Nachbarn zu begeistern oder eben ein Sommerfest auf die Beine zu stellen. Seit Wochen probt sie gemeinsam mit den Kindern und den Senioren aus dem Stadtteil für die Aufführung am Sonnabend.

Sie will alle ins Boot holen, weil sie weiß, dass jeder vom Singen profitiert. Und von der gemeinsam verbrachten Zeit lernen kann. „Die alten Menschen erfahren Freude, Lebensmut, Entdeckungsfreude“, sagt Ingrid Stegmann. „Die Kinder lernen, hinter die Dinge zu schauen, sich nicht zufrieden zu geben, weiterzumachen. Sie erfahren Mut und Respekt, dass Trauer, Missgeschicke und Rückschläge zum Leben gehören und jeder richtig ist, genau so, wie er ist.“

Das Musical ist das beste Beispiel für derartige Lebensweisheiten. Zum einen lehrt die Geschichte, die die Vorschüler spielen, dass man sich nicht mit anderen vergleichen muss (s. Infokasten). Zum anderen zeigt sich ausgerechnet jetzt, kurz vor der Aufführung, dass nicht alles perfekt laufen kann. Vier Kinder fehlen wegen Krankheit.

Und weil der Fahrstuhl im Altenheim ausgefallen ist, können viele der hochbetagten Sänger nun nicht dabei sein. Also müssen Rollen umbesetzt werden. Und es muss improvisiert werden.

Die Kinder bleiben optimistisch. Sie wissen, dass man manchmal improvisieren muss, um ans Ziel zu kommen. Sie tun das instinktiv. Die Alten notgedrungen. Oma Wally ist das beste Beispiel dafür. Noch vor ein paar Monaten hat sie im Chor mitgesungen. Dann wurde es schlechter mit dem Gehen. Und schließlich konnte sie nicht mehr zum Singen kommen.

Was sie aber kann, ist Kontakt halten. Also hat sie ihr Krankenbett umstellen lassen, so, dass sie aus dem Terrassenfenster auf den Generationenspielplatz sehen kann. Sie hat dann das Gefühl, dabei zu sein. Und manchmal winken ihr die Kinder beim Spielen zu.