Harburg
Gesundheit

Aufnahmestopp bei Harburgs Hausärzten

Gut gefüllte Wartezimmer sind bei Deutschlands Hausärzten die Regel

Gut gefüllte Wartezimmer sind bei Deutschlands Hausärzten die Regel

Foto: Christian Kielmann

Die Beurteilung der Versorgung mit Ärzten im Bezirk Harburg reicht von „inakzeptabel“ bis „luxuriös“.

Harburg.  Die Gesundheitspolitiker der Bezirksversammlung Harburg stehen vor einem Dilemma: Während die Bevölkerung in Harburg und Neugraben über eine unzureichende medizinische Versorgung klagt und Bürger von Aufnahmestopps bei Hausärzten berichten, bescheinigt die Statistik der Freien und Hansestadt Hamburg eine im Vergleich zum übrigen Deutschland luxuriöse Versorgung mit Ärzten.

Nach ungewöhnlich offenen Worten des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, im Gesundheitsausschuss der Bezirksversammlung Harburg, bleibt nach einem 90 Minuten langen, teilweise streitbaren Gespräch der Eindruck zurück: Besser als heute wird die Versorgung mit Ärzten in Harburg und Neugraben in den nächsten Jahren offensichtlich nicht werden. Die Kassenärztliche Vereinigung ist für die vertragsärztliche Versorgung der Versicherten der Gesetzlichen Krankenversicherungen zuständig.

In Hamburg, und das gelte auch für das übrige Deutschland, fehlen Vertragsärzte, die eine Praxis übernehmen wollen. Es mangele an Nachwuchs. Das sei im Moment ein Riesenproblem, so der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KV). „Ich habe keine Armee von Ärzten, die in Neugraben eine Praxis eröffnen möchten“, entgegnet Walter Plassmann Forderungen aus dem Stadtteil. Früher habe die Kassenärztliche Vereinigung 20 bis 70 Bewerber gehabt, wenn sie eine Zulassung ausgeschrieben habe. Heute sei er froh, wenn er auch nur eine Bewerbung erhalte, sagt Plassmann.

Die Bürgerinitiative Neugraben-Fischbek argumentiert mit der Möglichkeit der Sonderbedarfszuweisung, um trotz Zulassungsbeschränkung zusätzliche Vertragsärzte in den Stadtteil zu bekommen. Nirgendwo wächst Hamburg stärker als in Neugraben-Fischbek. In drei von der IBA Hamburg entwickelten Neubaugebieten werden voraussichtlich von dem Jahr 2020 an 10.000 neue Einwohner leben.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Hamburg arbeite zwar mit dem Instrument der Sonderbedarfszuweisung. Ärzte seien aber wie Unternehmer und könnten nicht gezwungen werden, in einem bestimmten Stadtteil eine Praxis zu eröffnen, betont Walter Plassmann. Er dürfe auch keine Prämien ausloben, weil Hamburg bei der medizinischen Versorgung nicht als unterversorgt gilt.

Und selbst wenn diese Mittel möglich wären, bliebe das grundlegende Problem: „Wir laufen in einen Ärztemangel hinein. Wir haben ein Nachwuchsproblem“, sagt Walter Plassmann. Die rein statistischen Zahlen bescheinigen Hamburg eine vergleichsweise komfortable Versorgung mit Ärzten.

Mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren verfüge die Hansestadt über die jüngste Ärzteschaft in Deutschland. „Nicht eine hausärztliche Praxis hat geschlossen in Hamburg, das sind Traumverhältnisse im Vergleich zum übrigen Deutschland“, erklärt Walter Plassmann.

Ein ähnliches Bild zeichnet die Behörde für Gesundheit: In den Jahren 2005 bis 2015 habe die Zahl der Vertragsärzte sogar zugenommen. „In Harburg hat sich die Situation nicht verschlechtert. Es gibt hier keine katastrophale ärztliche Versorgung, sagt Peter Rath, Fachabteilungsleiter Sozialversicherung. Lediglich bei Augenärzten und Psychotherapeuten sei die Versorgung in dem Stadtteil „nicht so gut“, weiß er.

Die Ärztin Eftichia Olowson-Saviolaki (SPD) berichtet anders aus Harburg: Viele Hausarztpraxen hätten Aufnahmestopps. Auf einen Termin bei Fachärzten müssten Patienten lange warten. „Bei Kardiologen mindestens sechs Monate“, sagt sie.

Während die Gesundheitsbehörde kein Problem darin sieht, dass Patienten aus Harburg und Neugraben eine Praxis in der Hamburger Innenstadt oder Eppendorf aufsuchen, widerspricht Barbara Lewy (Neue Liberale). 27 Prozent der Bevölkerung in Neugraben sei 60 Jahre oder älter. Für die sei Mobilität ein Problem.

Der Ausschussvorsitzende Sven Uwe Ihling (Die Linke) spricht von einem „inakzeptablen Zustand“. Menschen aus Hartz-IV-Haushalten würden möglicherweise keinen Arzt aufsuchen, um Kosten für eine Fahrkarte zu vermeiden.

Claudia Loss (SPD) fordert die Kassenärztliche Vereinigung auf, Lösungen zu nennen. Eine könnte in Zeiten des Ärztemangels so aussehen: „Wir bringen weitergebildete Arzthelferinnen in die Hausbesuche“, sagt Walter Plassmann.