Serie

Zusammen erfolgreich: Der Rocker und seine Röhre

| Lesedauer: 10 Minuten
Hanna Kastendieck
Uli und Susi Salm lieben Tiere. Sie haben drei Hunde und zwei Pferde

Uli und Susi Salm lieben Tiere. Sie haben drei Hunde und zwei Pferde

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die große Abendblatt-Serie über „erfolgreiche Paare im Hamburger Süden“. Teil 11: Zwick-Betreiber Uli und Susi Salm aus Helmstorf.

Der Hochzeitsantrag ging so: Uli und Susi hocken an einem Mittwochabend auf’m Sofa zu Hause in Harmstorf. Uli: „Ich finde, wir sollten morgen mal heiraten.“ Susi guckt Uli mit großen Augen an, nimmt ihn in den Arm und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Okay, weißt du was, wir gehen dann morgen mal zum Standesamt.“

Gesagt, getan. Innerhalb von drei Stunden wurden die nötigen Papiere zusammengekramt, rumtelefoniert, gefaxt, und schon standen die beiden Musiker vorm Standesamt in Jesteburg. Ganz allein. Das war am 12. Juni 2008.

Sie mögen es nicht, ewig auf einer Sache rumzukauen. Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben. Zu zögern und zu zaudern, statt zu handeln. Viel lieber packen sie die Dinge an. Vieles aus dem Bauch heraus. Und ganz spontan. Den Blick immer nach vorn gerichtet. „Ich bin kein Vergangenheitsmensch“, sagt Susi Salm. „Dafür ist das Leben zu kurz.“

Also jetzt. Leben. Und anpacken. Das ist die Devise von Uli und Susi Salm. Das Paar, zu Hause im Seevetal, betreibt in Hamburg und Lüneburg vier Rockin’ Restaurants, besser bekannt unter dem Namen „Zwick“. Darüber hinaus stehen sie mit der Band „Rudolf Rock und die Schocker“ gemeinsam auf der Bühne. Bandgründer Uli als Bassist, Susi als Sängerin. Stets mit Volldampf, als gäbe es kein Morgen.

Sie haben immer schon Gas gegeben. Jeder für sich als Musiker. Susi auch als Schauspielerin, er als Gastronom. Doch seitdem sie zusammen sind, fährt das Paar auf der Überholspur. Sie haben innerhalb von drei Jahren neben der Urzelle, dem Zwick am Mittelweg, drei weitere Dependancen in St. Pauli, Altona und Lüneburg eröffnet. Und sie feiern auch nach 30 Jahren einen Bühnenerfolg nach dem anderen.

Sie hat schon immer gern gesungen. Als kleines Mädchen nutzt sie den Innenhof zwischen den alten Mietshäusern an der Horner Rennbahn als Bühne. Eine Oper nach der anderen schmettert sie die steilen Betonwände herauf. Manchmal applaudieren die Bewohner. Manchmal schließen sie verärgert das Fenster. Susi ist das egal. Sie will singen. Soviel steht fest. Er mag die Geige nicht. Aber die Eltern wollen, dass er spielt. Also gibt sich Uli geschlagen. Während die älteren Schwestern am Klavier sitzen, kratzt der Achtjährige mit dem Bogen auf den Saiten. Wenn keiner zuhört, zupft er sie, als wäre sie ein Bass. Das ist sein Instrument. Und weil Uli einer ist, der macht, was er will und der „die besten Eltern hatte, die man sich nur wünschen kann“, setzt er seinen Traum um. Er lernt Bass, spielt mit 13 – im Jahr 1962 – in seiner ersten Band. Fünf Jahre später steht er als Mitglied der Band Chikago Sect auf der Bühne des Star-Clubs an der Reeperbahn.

Es vergehen 39 Jahre, bis aus Susi und Uli ein Paar wird. Weil sie – wie in Musikerkreisen üblich – zwar immer mal voneinander hören, sich ihre Wege aber erst im Jahr 2006 so richtig kreuzen. Doch für die große Liebe ist es nie zu spät. Da sind sich die beiden einig. Und darüber, dass es ein großes Glück ist, jemanden zu finden, der in allem zu einem passt. Uli wächst in Uelzen auf. In einer Zeit, als die Skiffle-Welle nach Deutschland schwappt, die der Schotte Lonnie Donegan losgetreten hat und die eine ganze Musikergeneration beeinflusste. Aber weil die neuen Platten in Uelzen oft nicht zu kaufen sind, treibt er sich in Hamburg rum. Er sucht sich eine Wohnung in Pöseldorf, das damals noch ein bezahlbarer Kiez ist, studiert Jura, macht Musik.

Susi hat eine Ausbildung zur Koloratursopranistin gemacht

Nebenan wohnt Otto Waalkes, ein Haus weiter Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen. Die Jungs treffen sich im Zwick, ihrer Stammkneipe. 1976 ruft Uli mit Ulf Krüger die Band „Rudolf Rock und die Schocker“ ins Leben. Susi ist damals 18, macht gerade eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Doch die Schicksale der Patienten gehen ihr zu nah. Als ihre Tochter Jana auf die Welt kommt, beschließt sie, umzusatteln. Sie will singen – und zwar professionell. Also lässt sie sich zur Koloratursopranistin ausbilden. Nebenbei macht sie mit ihrem Mann Tanzmusik. Die beiden tingeln an den Wochenenden über die Dörfer. Susi rockt. Und das Publikum gröhlt. „Da habe ich meine Stimme in die Grütze gehauen“, sagt sie.

Für die Rockmusik, die sie macht, ist ihre Reibeisenstimme jedoch genau richtig. Das findet auch Uli, als er sie in den 90ern das erste Mal auf der Bühne hört. Sie gefällt ihm, auch als Frau. Doch zum Kennenlernen kommt es nicht. Zuviel hat er um die Ohren, feiert mit den Schockern einen Erfolg nach dem anderen, schreibt Texte, die noch heute jeder kennt, etwa „Die Dinosaurier werden immer trauriger“ oder „Heiner der Weiner“.

1991 kauft er das Zwick in Pöseldorf, „sein Wohnzimmer“. Während Uli die Kneipe auf Vordermann bringt, tingelt Susi mit „Susis Schlagersextett“ mit Olli Dittrich und „Franny and the Fireballs“ quer durch Deutschland. Nebenbei tritt sie in Musicals auf, spielt die Hauptrolle der Eloise in der Beat-Revue „Yesterday“. Mit Olli Dittrich und Ralf Hartmann gründet sie das Comedy-Trio „Die Affen“, tritt damit in der Fernsehshow „Olli-Tiere-Sensationen“ auf. Sie geht mit Bastian Pastewka, Dittrich und Ralf Hartmann auf Tournee. Und eines Tages sitzt Uli im Publikum. Noch einmal will er sich die Chance nicht entgehen lassen, diese Frau kennenzulernen. Kurzerhand bittet er sie, als Aushilfssängerin in seiner Band aufzutreten. Als 2006 Roncalli-Direktor Bernhard Paul Ulis Band für seine Dinner-Show in München bucht, ist Susi mit im Boot. „Und da hat’s geknallt“, sagt Uli. Er macht ihr eine Liebeserklärung. Sie ist entsetzt. „Mit einem aus der Band? Niemals“, denkt sie.

Doch einer wie Uli lässt nicht locker. Er führt sie aus, lädt sie an den Tegernsee ein. Und plötzlich weiß Susi, dass Uli der Richtige ist. Band hin oder her. Weil er tickt wie sie, spontan ist und weltoffen. „Wir schießen beide aus der Hüfte“, sagt sie, „machen Sachen, wo andere den Schwanz einziehen. Bei uns knallt ein Ding nach dem anderen.“

Und jeder ist für den anderen ein Volltreffer. Weil sie sich gegenseitig anspornen und begeistern können. Der eine kein „Wenn“ und der andere kein „Aber“ kennt. Sondern beide nur ein „Ja, das geht“, sowohl in Sachen Musik, als auch in der Gastronomie. Und privat. Als Susi spontan mit Bobby, dem weißen Retriever, aus dem Tierheim Ramelsloh nach Hause kommt, schließt Uli das Tier sofort ins Herz. Er stellt keine Fragen, weil er seine Frau versteht. „Ich hätte genauso gehandelt“, sagt er. Drei Hunde und ein Pferd haben sie inzwischen gerettet. Es stand als Fohlen völlig abgemagert und einsam auf einem Acker auf Mallorca. Das Tier ging ihnen so nah, dass sie es kurzerhand nach Deutschland gebracht haben. Jetzt steht es auf der Koppel gleich gegenüber.

Das Musikerpaar brauchtdie Ruhe auf dem Land

Hier, jenseits der Stadtgrenzen, haben sie sich ein Refugium geschaffen, in das sie sich zurückziehen nach langen Nächten auf der Bühne. Hier tanken sie auf. Am Pool unter Palmen. Ihr Haus, ein Stück lebendige Musikgeschichte. An den Wänden alte Plattencover, Zeitungsartikel, Fotos und Instrumente überall. Vor allem Bässe. 650 Stück hat Uli in seiner Laufbahn gesammelt. Mehr hat wohl keiner.

Auch, wenn sie das Bad in der Menge lieben, oder gerade deshalb, brauchen die Ruhe auf dem Land. Und gönnen sich den Luxus eines Büros mit Blick auf die Felder. Von hier aus steuert Uli die Geschäfte, macht das Controlling, den Bürokram, die Verhandlungen mit Brauereien. Sie betreut das Personal, fährt auch mal nachts ins Zwick, wenn sie gebraucht wird. Und regelmäßig rocken die beiden als Gastband die „Queen Mary“ mit ihrem Hit-Mix von „Herzilein“ über „Ring of Fire“ bis „Proud Mary“.

Ans Aufhören denkt keiner von beiden. Auch wenn Uli in zwei Jahren seinen 70. feiert und die blonden Haare inzwischen schneeweiß sind. „Ich halte nichts von Rentnerei“, sagt er. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Der Tag ist jung. Die Sonne scheint. „Was wollen wir heute machen?“, fragt er. – „An die Elbe nach Blankenese? Auf den Golfplatz nach Winsen?“, sagt sie. Oder zum Griechen nach Jesteburg? Dort fand nämlich auch das Hochzeitsessen vor acht Jahren statt. Ganz spontan. Natürlich!

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