Ermittlungen

Schüsse in Harburg: War Zwangsheirat das Mordmotiv?

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André Zand-Vakili

Boban K. wurde in Harburg in seinem Auto erschossen. Angeblich wollte er die Hochzeit seiner Tochter verhindern. Kriminologe warnt.

Harburg.  Es war eine Hinrichtung wie in einem amerikanischen Gangster-Film. An der Steinikestraße, gleich gegenüber einem Haus der Jugend, fielen Schüsse aus einem Kleinwagen. Die Kugeln galten Boban K. (43), der gerade in sein Mercedes Coupé gestiegen war. In Kopf und Hals getroffen, sackte der Mann zusammen. Ein Notarzt konnte vor Ort nur noch den Tod des vierfachen Familienvaters feststellen. Aus dem Umfeld des Opfers wurde schnell ein Verdacht geäußert: Der Mann wurde erschossen, weil er eine seiner beiden Töchter nicht für eine Zwangsheirat freigeben wollte.

Es war etwa 20 Minuten vor 8 Uhr, als ein dunkler Fiat Cinquecento in die Steinikestraße einbog. Zu dem Zeitpunkt war bereits viel Verkehr auf der Straße. Unter anderem kamen Schüler und Lehrer der nahen Sprachheilschule zum Unterricht. Dann knallten plötzlich Schüsse. Das Glas der Seitenscheibe auf der Fahrerseite des Mercedes splitterte. Der 43-Jährige kippte rücklings aus dem Fahrzeug und blieb, mit den Fußen noch im Fahrzeug, auf dem Asphalt liegen. Eintreffende Rettungskräfte versuchten noch den Mann zu reanimieren. Vergeblich.

Mobiles Einsatzkommando stürmt Wohnhaus

Die Polizei leitete eine Sofortfahndung ein, an der sich 30 Peterwagen­besatzungen beteiligten. Über dem Tatort kreiste der Polizeihubschrauber. Im Rahmen der Fahndung stoppte ein Peterwagen der Wache Harburg an der Bremer Straße einen VW Polo. Die beiden Insassen, zwei 20 und 27 Jahre alte Männer, die wie das Opfer aus Serbien stammen, wurden festgenommen. Einen von ihnen hält die Polizei für den Schützen. Zuvor hatten Beamte bereits den Fiat entdeckt, aus dem geschossen wurde. Er stand verlassen an der Straße Erlenhöhe.

Noch am Vormittag stürmte das Mobile Einsatzkommando mit drei Gruppen, zusammen gut 25 Mann, das Wohnhaus der Großfamilie, zu der die beiden festgenommenen Tatverdächtigen gehören. Es liegt an der Rickelstraße, einer ruhigen Ringstraße im Stadtteil Eißendorf, mit Einfamilienhäusern, gepflegten Gärten und Fahnenmasten, an denen die Deutschlandflagge weht. Das Haus der Familie hebt sich ab. Es wirkt verwahrloster, in der Garage, die zur Straße zeigt, stapelt sich offensichtlicher Unrat, der von Beamten durchsucht werden musste, weil vermutet wurde, dass sich darin jemand versteckt. Im Gebäude stießen die Beamten unter anderem auf zwei Frauen und einen älteren Mann. Eine der Frauen kam unter Polizeibegleitung ins Krankenhaus, weil sie einen Schwächeanfall erlitt.

Familie des Opfers wurde in Sicherheit gebracht

Laut Bekannten des Opfers soll es zwischen Boban K., der den Namen seiner Frau angenommen hatte, und Teilen seiner Sippe bereits seit Längerem Streit gegeben haben. Demnach ging es um eine der beiden Töchter, die der Mann mit seiner Frau hatte. Boban K. wollte nicht, dass sie, wie von dem anderen Familienflügel gefordert, verheiratet wird. Er soll, so sagen Bekannte, darauf gepocht haben, dass sie erst ihren Berufsweg einschlagen und selbst entscheiden soll, wann und wen sie heiratet. Ob das auch das Motiv der Todesschüsse ist, konnte oder wollte die Polizei nicht sagen.

Die Familie des Opfers, die in einer Wohnung unmittelbar am Tatort wohnt, war nach den Schüssen in Sicherheit gebracht und betreut worden. Wie tief der Konflikt zwischen den Flügeln der Großfamilie ist, zeigte sich später. Als Angehörige von Opfer und mutmaßlichen Tätern in der Polizeiwache in Harburg aufeinandertrafen, kam es zu tumultartigen Szenen. Beamte hatten sie dort eigentlich vernehmen wollen.

Kriminologe warnt vor ähnlichen Taten für die Zukunft

Betreut werden mussten auch Schüler und Lehrer der Sprachheilschule an der Baererstraße. Die Schulbehörde schickte ein Team. Auch Stadtteilpolizisten kümmerten sich um die Kinder, von denen mehrere miterleben mussten, wie der Mann niedergeschossen wurde.

Der Kriminologe der Leuphana Universität in Lüneburg, Dr. Wolf-Reinhard Kemper, sieht als Auslöser solcher Taten ein „diffuses Ehrgefühl“. „In einigen Kulturkreisen gibt es Vorstellungen von Ehre, die den meisten Westeuropäern verschlossen bleiben“, sagt Kemper. Dazu komme der hohe Grad der Bewaffnung. „Gerade in diesen Kulturkreisen üben Waffen eine besondere Faszination aus“, sagt er. Die meisten in der Regel illegal besorgten Schusswaffen, die auch benutzt werden, werden bei Streitigkeiten innerhalb solcher Familien eingesetzt.“

Kemper geht davon aus, dass die Zahl der illegalen Schusswaffen in Deutschland die Zahl der legalen und angemeldeten Waffen, die in Privat­besitz sind, um ein Vielfaches übersteigt. Der Einsatz solcher Waffen erfolge oft ohne jede Rücksichtnahme auf Unbeteiligte. Das zeigte sich sowohl bei den Todesschüssen in Bergedorf am vergangenen Sonntag wie auch jetzt in Harburg. „Es ist schon erstaunlich, dass bei einer Auseinandersetzung unter Rockern, bei der Ende letzten Jahres eine Schusswaffe eingesetzt wurde, in großem Umfang repressiv gegen die identifizierten Gruppierungen vorgegangen und eine Sonderkommission gebildet wurde. Jetzt aber werden Taten hingenommen, bei denen mindestens eine gleich große Gefährdung Dritter bestand“, sagt Kemper. Auch dafür hat er eine Erklärung. „Es gibt einfach Gruppen, die will man, vor allem in dieser Zeit, nicht anfassen.“ Eines hält er ebenfalls für sicher. „Das wird nicht die letzte Tat dieser Art gewesen sein. Wir werden uns auf so etwas in Zukunft sogar vermehrt einstellen müssen.“

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