Harburg
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Einer, der durch die Hölle ging und darüber schrieb

Zwei Bücher hat der gebürtige Berliner Harald Beer, der seit Jahrzehnten in Harburg lebt, geschrieben: „Schreien hilft Dir nicht...“ (2010) und „Auch ich war ein Nazi“, das jetzt erschienen ist

Zwei Bücher hat der gebürtige Berliner Harald Beer, der seit Jahrzehnten in Harburg lebt, geschrieben: „Schreien hilft Dir nicht...“ (2010) und „Auch ich war ein Nazi“, das jetzt erschienen ist

Foto: Katharina Geßler / HA

Harald Beer, 88, landete als 17-Jähriger in den Fängen des sowjetischen Geheimdienstes und hat jetzt ein Buch geschrieben.

Harburg.  Was der Harburger Harald Beer, 88, an Schrecklichem erlebt hat, übersteigt bei weitem das Vorstellungsvermögen – vor allem derjenigen, die selbst nie Krieg und Terror erlebt haben. Als angeblicher Spion fällt er 1948 der Willkür des sowjetischen Geheimdienstes zum Opfer, landet für drei Jahre in einem Speziallager: ein Ort des Grauens auf dem Gelände des einstigen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Erinnerungen an diese Zeit hat Beer jetzt in einem Buch veröffentlicht: „Auch ich war ein Nazi“.

Dabei war Beer erst 17 Jahre alt, als der Nazi-Spuk zu Ende ging. Heute schreibt er: „Ich beschuldige mich nicht für etwas, was ich getan habe, aber ich schäme mich für das, was ich nicht getan habe!“ Seine größte Hoffnung ist, dass andere aus dem, was er erlebt hat, lernen: „Im Wunsch, dass meine Einsichten ein Baustein werden, den Weg in eine besser Zukunft zu befestigen.“

Wolfgang Benz, Historiker und international anerkannter Vertreter der NS-Forschung, schreibt in seinem Vorwort: „Kindheit und Jugend des Offizierssohnes waren nicht ungewöhnlich – Hitlerjugend, Kadettenanstalt, Kinderlandverschickung, Soldat des letzten Aufgebotes.“ Der gebürtige Berliner Beer jubelte den Nationalsozialisten zu wie alle in seiner Umgebung und war 1945 noch bereit, für Führer, Volk und Vaterland zu sterben.

Erst als er selbst Opfer des stalinistischen Terrors wurde, begriff er das fürchterliche Leid der Verfolgten des Nazi-Regimes. Heute bekennt Beer: „Ich war ein Wegschauer. Ich verdrängte das aufkeimende Erkennen der Unmenschlichkeit. Ich rebellierte nicht.“ Aber war er auch ein Nazi? Harald Beer sagt: „Ich war einer der Mitschuldigen. Meine damalige Jugend, die Gnade der späten Geburt, ist keine Entschuldigung – nur eine Ausrede.“

Für Historiker Benz ist Beers Buch ein einzigartiges Dokument der Aus­ein­andersetzung mit dem NS-Regime: „Das Reflektieren der eigenen Rolle (...) macht es zum wichtigen Dokument der Erinnerung.“

„Lesenswert“, so auch das Urteil von Dietmar Woidke (SPD), seit 2013 Ministerpräsident von Brandenburg. „Man sieht mit Schrecken, wohin Wegschauen, mangelndes Engagement, Beschönigungen führen können: in eine Katastrophe, der sich auch der Einzelne am Ende nicht zu entziehen vermag“, schreibt der Ministerpräsident im Geleitwort zu Beers Buch.

Den unerbittlichen Überlebenskampf im Speziallager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD in Sachsenhausen hat Harald Beer in der dritten Person und im Präsens geschrieben. Von den 60.000 Menschen – etwa ein Viertel von ihnen zwischen 15 und 19 Jahre alt – starb jeder Fünfte! Beer selbst war von Ruhr befallen, hatte sämtliche Lebensenergie verloren. Er überlebt, weil Mithäftlinge ihm helfen.

Im Gegensatz dazu: seine Kindheitserinnerungen in der Ich-Form, Gedanken, die ihm in der Hölle von Sachsenhausen helfen, wenigstens für kurze Zeit Kälte, Hunger und Angst zu verdrängen. Auch Ulrike Poppe, Brandenburgs Beauftrage zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, haben Beers Aufzeichnungen beeindruckt.

Sie glaubt, das Buch könnte helfen, dass sämtliche Strömungen, ideologische wie menschenrechtliche, zu allererst danach beurteilt werden, welchen Stellenwert sie der Würde des Menschen einräumen.

Das genau ist Harald Beers Traum. Drei Jahre lang hat er an dem Buch gearbeitet, zahllose Sachbücher, Akten und Dokumente gewälzt, im Internet recherchiert, persönliche Erinnerungen abgeklopft, sich den Schrecken von damals gestellt: „Das Schreiben ist zu meinem Lebensinhalt geworden“, sagt er. Dass die Vergangenheit irgendwann jeden einholt, ist für Harald Beer weit mehr als eine Binse: ihm ist sie Verpflichtung und Mission gleichermaßen.

Ein jeder, das wünscht er sich heute mehr denn je, soll sich bewusst machen, dass er immer und jederzeit Verantwortung trägt für das, was um ihn herum geschieht: Weggucken ist nicht! Wer das tut, muss sich irgendwann fragen lassen, warum er nichts unternommen hat – zum Beispiel gegen rechte Populisten oder um den Menschen zu helfen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, in der Hoffnung, dass sie hier ein menschenwürdiges Dasein führen können.

Harald Beer, dessen erstes Erinnerungs-Buch „Schreien hilft dir nicht...“ vor fünf Jahren erschienen ist, wird jedenfalls weiter schreiben. Im ersten Buch bereits verarbeitet ist die Zeit seiner zweiten Gefangenschaft. Von 1961 bis 1963 saß er in DDR-Gefängnissen, verurteilt als Fluchthelfer.

Auch sonst bietet sein Leben noch reichlich Stoff: er hat im Hamburger Hafen gearbeitet, Politik in Berlin studiert, Führungskräfte der Versicherungsbranche geschult, und, und, und. Dass er ohne Rollator kaum noch gehen kann und wirkt wie ein gütiger alter Herr, für den ein Butterkeks zum Tee größtes Glück bedeutet, täuscht nicht darüber hinweg, dass sein Tatendrang ungebrochen ist: Jeden Tag sitzt er an seinem PC, recherchiert und schreibt.

Auch ich war ein Nazi, Harald Beer, Leipziger Universitätsverlag, 251 Seiten , Preis: 19,90 Euro, ISBN 978-3-96023-024-3