Harburg
Seevetal

ADFC: Die Radwege in Harburg sind katastrophal

Eigentlich verpflichtet das blaue Verkehrsschild Karin Sager, den Radweg zu benutzen. Doch der sei so schlecht, dass sie lieber rechts auf der Fahrbahn fährt

Eigentlich verpflichtet das blaue Verkehrsschild Karin Sager, den Radweg zu benutzen. Doch der sei so schlecht, dass sie lieber rechts auf der Fahrbahn fährt

Foto: Bianca Wilkens / HA

43 Prozent der Kreisstraßen im Landkreis Harburg sind sanierungsbedürftig. Kosten für Instandsetzung laut ADFC: 16 Millionen Euro.

Seevetal.  Unter Senioren kursiert eine nicht ganz ernst gemeinte Regel: Wer beim Radfahren im Landkreis Harburg plaudern will, sollte lieber das Gebiss rausnehmen. Sonst fällt es raus. Ein Witz mit einem wahren Kern. Jahrelang haben das Land und der Landkreis Harburg die Instandsetzung der Radwege im Landkreis Harburg vernachlässigt.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) im Landkreis Harburg spricht von einem katastrophalen Zustand. Eine Tour mit Karin Sager, Vorsitzende des ADFC im Landkreis Harburg, durch die Gemeinde Seevetal zeigt: das Radfahren ist in der Tat kein Spaß.

Das zeigt sich schon am kurzen Abschnitt auf der Hittfelder Landstraße zwischen der Kirchstraße und dem Kreisel Richtung Autobahn 1. Die Wege sind mit tiefen Löchern und Huckel durchzogen. Die Seiten sind zum Teil weggebrochen.

Das Paradoxe: Ein Schild macht auf die Gefahren aufmerksam, zugleich verpflichtet aber ein weiteres Verkehrsschild die Fahrradfahrer, die Holperpiste zu nutzen. „Kann man Radfahrer zwingen, sich auf Gefahrenstellen zu begeben, obwohl es direkt daneben eine glatte Fahrbahn gibt, die sie sich mit Autos teilen können?“, fragt Karin Sager.

Die zuständige Landesverkehrsbehörde in Lüneburg sagt, ja. „Wo wir Radwege haben, ist es aus unserer Sicht auch sinnvoll, die Radfahrer darauf zu leiten“, sagt Annette Padberg, stellvertretende Leiterin der niedersächsischen Verkehrsbehörde für Straßenbau und Verkehr in Lüneburg. Bei den Gefahrenstellen handele es sich um Ausnahmen. „Wenn wir die nicht ad hoc beheben können, müssen wir mit einer Beschilderung darauf hinweisen.“

Ausnahmen? Keineswegs. Einem Radfahrer begegnen diese Gefahrenschilder allein auf der etwa 15 Kilometer langen Strecke von Hittfeld über Helmstorf, Harmstorf und Ramelsloh wieder zurück nach Hittfeld immer wieder. Auch andernorts im Kreis, ganz gleich, ob es sich um Land- oder Kreisstraßen handelt.

„Größtenteils sind die ausgewiesenen Radwege als Gefahrenstelle beschildert“, sagt Karin Sager. „Viele sind außerdem zu eng und von Büschen bewachsen.“ Sie muss es wissen. Die 57-Jährige aus Asendorf ist seit zehn Jahren autolos. Sie legt jede Strecke bis zu 25 Kilometer mit dem Fahrrad zurück, Sommer wie Winter.

Dem Landkreis Harburg ist der schlechte Zustand der Radwege durchaus bekannt. Schon 2013 erkannte der Kreis, dass 43 Prozent der insgesamt 300 Kilometer Radwege an Kreisstraßen sanierungsbedürftig sind. Doch wegen des angespannten Haushalts wurden die Reparaturen zunächst zurückgestellt. „2017 und 2018 soll es dann richtig los gehen“, sagt Johannes Freudewald, Pressesprecher des Landkreises.

Hohe Investitionen sind dafür nötig. Nach ersten Schätzungen kostet es 16 Millionen Euro, die 130 Kilometer zu sanieren. „Die Wege sind aber in einem so schlechten Zustand, dass die Summe wahrscheinlich nicht ausreicht“, sagt Freudewald. Der Landkreis analysiert derzeit zudem, ob und wie viele Radtouristen im Kreis unterwegs sind und wie viele Menschen das Radverkehrsnetz im Alltag nutzen.

Radfahren liegt im Trend. Der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad wird massiv beworben. Die Stadt Hamburg hat das Ziel ausgerufen, Fahrradstadt zu werden ähnlich wie Amsterdam. Denn mehr Radfahrer bedeuten weniger Autofahrer. Und das wiederum heißt: weniger Stau. „Nur in den Städten und Dörfern im Landkreis hat man das nicht erkannt“, sagt Karin Sager.

Seit langem fordert der ADFC neben der Sanierung der Radwege, dass der Verkehr innerorts neu aufgeteilt wird und die Radfahrer nicht mehr an die Seite gedrängt werden. „Es muss normal werden, dass sowohl Autofahrer als auch Radfahrer auf der Straße fahren“, sagt Sager. Der Landkreis hat inzwischen angekündigt, mehr Fahrradschutzstreifen anzulegen. Doch es ist noch ein langer Weg zu einem Miteinander zwischen Radlern und Autofahrern.

Der Platz auf der Straße ist hart umkämpft. Als Karin Sager auf der Kirchstraße in Hittfeld unterwegs ist, verhält sie sich vorschriftsmäßig, da dort kein Radweg ausgewiesen ist. Ein Autofahrer muss hinter ihr her fahren. Bei jedem Meter steigt seine Ungeduld. Er tritt aufs Gaspedal, bremst wieder ab.

Er sitzt ihr im Nacken, bis die Gegenfahrbahn frei ist und er mit aufheulendem Motor knapp neben ihr vorbei fährt. Nichts, was Sager überrascht. „Autofahrer bedrängen einen immer wieder. Daher haben viele Radfahren Angst“, sagt Sager