Harburg

„Al Wasat“ ist stark gegen Gewalt

Prävention – Islamisches Institut in Harburg zieht nach seinem ersten Jahr positive Bilanz – und geht neue Wege

Das Modellprojekt „Al Wasat“ zum Schutz muslimischer Jugendlicher vor Radikalisierung ist eine Erfolgsgeschichte. Das ist die Kernaussage der Zwischenbilanz des Islamisch-Wissenschaftlichen Bildungsinstituts in Harburg (IWB), das das in Deutschland bisher einmalige, mit Bundesmitteln geförderte Projekt Anfang des Jahres in Harburg ins Leben gerufen hat (wir berichteten).

In den fünftägigen „Al-Wasat“-Workshops lernen Erwachsene, die im privaten oder beruflichen Alltag mit Jugendlichen zu tun haben, mit den Themen Islam und Islamismus umzugehen und radikale Tendenzen früh zu erkennen. 23 von 25 erstmalig in Harburg angebotenen Seminaren sind absolviert. „Wir sind mit dem Verlauf und dem Feedback zufrieden“, sagte die Politologin und Kommunikationswissenschaftlerin Rukiye Öksüz, die für die Konzeption von Fortbildungen und Workshops für Jugendliche zuständig ist (siehe Beistück rechts).

In Zeiten des Internets laufen immer mehr Jugendliche Gefahr, in die Fänge fundamentalistischer Ideologen und religiöser Hassprediger zu geraten. Salafismus und Islamismus sind Stichworte, die Eltern, Erziehern, Lehrern, Sozialarbeitern und zunehmend der Harburger Polizei Sorge bereiten. „Wir wollen verhindern, dass sich Jugendliche radikalen Gruppen anschließen“, sagt der promovierte Islamwissenschaftler Ali-Özgür Özdil, der das Projekt „Al Wasat“ („Die Mitte“) leitet. Er setzt auf konsequente Aufklärung über den Islam, Islamismus, Dschihad und Salafismus. In Seminaren, Gesprächen und nicht zuletzt einem für alle offenen Haus (Stader Straße 2 bis 4), an das sich Eltern und Jugendliche jederzeit wenden könnten, wenn sie Rat und Hilfe suchten, so der Islamwissenschaftler.

„Als erstes haben wir Anfang des Jahres Angebote für Lehrer, Imame und Eltern geschnürt“, erinnert sich Özdil. Die Mütter kamen, nicht aber die Väter. „Daraufhin sind wir direkt in die Moscheen gegangen und haben die Eltern dort ,face to face’ angesprochen, während ihre Kinder spielten“, berichtet der Islamwissenschaftler. Ein wichtiger Anlaufpunkt war die Hagia-Sophia-Moschee in Wilhelmsburg, ein weiterer die Zentrummoschee in St. Georg. „Wir sprechen auch die Imame an, wenn es Fallbeispiele oder Probleme gibt. Das kann man während einer Fortbildung nicht machen.“

Das Interesse an den „Al Wasat“-Seminaren sei angesichts der Zuwanderung bei Sozialarbeitern und der Polizei „extrem groß“, berichtet Veysel Celik, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim IWB. „Sie haben erkannt, dass sie sich mit Glaubensfragen wie dem Islam bisher kaum befasst haben.“ Lediglich 0,01 Prozent der Muslime seien radikal, ergänzt Özdil. Die Seminare seien aber kein Allheilmittel: Teilnehmer kritisierten, dass sie jede Menge Theorie, aber wenig praktische Tipps erhielten. „Ein Polizist fragte mich, ,wie kann ich das alles in der Praxis umsetzen’?“, sagt Özdil. Ganz so einfach ist das nicht. „Ein Seminar von fünf mal drei Stunden macht einen nicht zum Präventionsexperten.“

Deshalb geht „Al Wasat“ nach den Ferien noch einen Schritt weiter – mit neuen Konstellationen. „Wir bilden erstmals gemischte Gruppen aus Lehrern, Polizisten, Sozialarbitern, Imamen, Eltern und Jugendlichen.“ Inhaltlich geht es um Themen wie Fremdenfeindlichkeit und darum, wie sich der Blick auf die Muslime verändert. „61 Prozent der Deutschen sagen, sie haben gar keinen Kontakt zu Muslimen“, betont Özdil. Es gehe darum, Vorurteile und Klischees abzubauen – beispielsweise über das Kopftuch tragen, das fälschlicherweise immer noch von vielen mit Attributen wie „ungebildet“ oder „verschlossen“ verbunden werde. Und es gehe darum, Verständnis füreinander zu wecken und sich gegenseitig zu respektieren. „Respekt ist die Voraussetzung, um über Meinungsverschiedenheiten zu streiten“, betont der Leiter des Instituts.

Nähere Informationen und Termine: „Al-Wasat – Die Mitte“, Stader Straße 2-4, Telefon