Harburg
Wiedersehen

Die gute, alte Raczka-Rutsche und ihre Geschichten

Schwelgten beim Raczka-Rutschen-Treffen in Erinnerungen: die ehemaligen Verkäuferinnen Maike Cohrs, Renate Suck, Christa Wolgast, Edda Rock (vorn v. l. ), Ursula Steinbach, Sabine Laboga, Rita Kraemer und Herta Passau

Schwelgten beim Raczka-Rutschen-Treffen in Erinnerungen: die ehemaligen Verkäuferinnen Maike Cohrs, Renate Suck, Christa Wolgast, Edda Rock (vorn v. l. ), Ursula Steinbach, Sabine Laboga, Rita Kraemer und Herta Passau

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Das Raczka-Rutschen-Treffen von Abendblatt und Freilichtmuseum wurde zum Wiedersehen der einstigen Verkäuferinnen des Schuhgeschäftes

Ehestorf.  Plötzlich ist es, als würden noch einmal die vielen Lichter angehen, Ballerinas, Pumps, Sandalen und Stiefeletten sich in den gläsernen Regalen spiegeln, zwischen denen freundliche Verkäuferinnen in dunkelblauen Kitteln wie die Bienen hin- und herschwirren, beladen mit Kartons, in denen die neuesten Trends aus Portugal, Spanien und Italien lagern. Ganz hinten im Laden steht vor buntbemalter Wand die blaue Rutsche aus Holz, geschwungen wie ein Elefantenrüssel. Und davor dreht sich im Schritttempo das kleine Karussell mit der Rakete, den Fahrrädern und dem blauen Auto. Herta Passau zupft ihren Kittel zurecht. Dann geht sie auf die Kundin zu, deren Töchter sich bereits auf der Rutsche tummeln. „Herzlich Willkommen bei Raczka“, hört sie sich sagen. „Was darf ich heute für Sie tun?“

Sie hat diesen Satz lange nicht mehr gesagt. Zwei Jahrzehnte sind vergangen seit Schließung des Schuhhauses Raczka in der Lüneburger Straße und dem Raczka-Rutschen-Treffen am vergangenen Sonnabend, an dem die Erinnerungen wieder hochkamen. Das Abendblatt und das Freilichtmuseum am Kiekeberg hatten alle ehemaligen Raczka-Fans aufgerufen, an der Rutsche, die Mittelpunkt der großen Spielzeugausstellung ist, ein Stück Harburg-Geschichte lebendig werden zu lassen. Doch neben den Kunden kamen vor allem die ehemaligen Mitarbeiterinnen. In den Handtaschen Fotos aus vergangener Zeit, in den Köpfen Anekdoten und Geschichten aus dem Harburg der fünfziger bis neunziger Jahre.

Ursula Steinbach ist mit ihren 83 Jahren eine der Ältesten. Gemeinsam mit Kollegin Renate Suck hat sie 1951 bei Raczka angefangen. Die beiden Damen erinnern sich an ein Harburg in Trümmern, an Mittagspausen im Liegestuhl hinter dem Laden an der Lüneburger Straße, die damals noch Wilstorfer Straße hieß, an Wiesen und Gärten statt grauer Betonwände. An den kleinen Kater Sotche, der zum Schuhhaus gehörte und für den sie täglich Abfallfisch von Mimi Kirchner holen mussten. Die Kolleginnen Herta Passau und Christa Wolgast, die von 1979 an bei Raczka Kinderschuhe verkauften, haben nie vergessen, welch Überzeugungskraft es bedurfte, um die Kinder für eine Schuhanprobe von der Rutsche zu locken. „Mit gutem Zureden und Verhandlungen, dass anschließend noch mindestens drei Mal gerutscht werden dürfe, haben wir es aber jedesmal geschafft“, sagt Herta Passau.

Bei Raczka gab es alles. Sogar Winterstiefel im Sommer, die im vierten Stock auf dem Dachboden gelagert wurden und die Verkäuferinnen so manches Mal zum Schwitzen brachten. „Wenn es um Turnschuhe ging, kam Uwe Seeler persönlich mit dem Adidas-Koffer und führte uns die neuesten Modelle vor“, erinnert sich Rita Kraemer, heute 80 Jahre alt. Für Moderatorin Heidrun von Goessel mussten extra große Damenschuhe in Größe 42 herangeschafft werden. Und Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe kam stets mit Personenschutz und seinen zwei Söhnen zum Schuhkauf.

Als die Inhaber Wolfgang und Jürgen Raczka 1996 das Geschäft verkauften, ging eine Ära zu Ende. „Harburg hat sich seitdem sehr verändert“, sagt Mitarbeiterin Edda Rock mit Bedauern. „Inhabergeführte Geschäfte wie Feuerhahn, Pelz-Morgener, Herrenausstatter Sander und Marquardt - alle weg.“ Die Damen in der Runde nicken betroffen. Sie hätten gern noch ein paar Jahre weitergemacht. Auch, weil sie sich selbst bei Raczka mit guten Schuhen einkleiden durften. Wo sie heute Schuhe kaufen? „Manchmal kommen sie per Post“, gesteht Ex-Mitarbeiterin Maike Cohrs. „So was wie Raczka gibt’s hier nicht mehr.“