Harburg
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Bezirk mäht Freiluftkunstwerk in den Rasen

Nicht weiter verwildert, als andere Flächen im öffentlichen Raum: Das Kunstwerk „Niemandes Land“

Nicht weiter verwildert, als andere Flächen im öffentlichen Raum: Das Kunstwerk „Niemandes Land“

Foto: Lars Hansen / xl

„Niemandes Land“ am alten Harburger Friedhof soll unberührt bleiben. Doch des Künstlers Wille wird ignoriert.

Harburg.  Darf man Kunst mähen? Diese Frage beschäftigt derzeit die Harburger Bezirkspolitik. Der Grund: Das Bezirksamt fühlt sich auch für „Niemandes Land“ zuständig. Dabei ist das Seinlassen Teil der Kunstaktion.

Das Gras steht hoch. Dazwischen Hahnenfuß, Gänseblümchen, Kreuzkraut. Man könnte beinahe von Verwilderung sprechen, würde der umliegende Rasen nicht fast genauso aussehen. Der Pflegezustand des 12 mal 12 Meter großen Stücks Harburg auf den Terrassen des alten Friedhofs unterscheidet sich kaum von dem seiner Umgebung. Doch eigentlich soll sich „Niemandes Land“ vom öffentlichen Grün drum herum abheben: Es ist ein Kunstwerk und soll in Ruhe gelassen werden. Was das heißt, darüber gibt es im Bezirksamt, in der Kunstszene, in der Politik und in China offensichtlich unterschiedliche Auffassungen.

1993 hatte der Künstler Piet Trantel „Niemandes Land“ geschaffen. Er schüttete einen quadratischen Erdwall auf, der die Grenzen des Werks definiert. Diese 144 Quadratmeter sollten fortan sich selbst überlassen bleiben. Die Idee des Unterlassens taucht in Trantels Werk des Öfteren auf. So rief er den 8. Mai – ein historisch nicht unbedeutendes Datum – zum „internatiuonalen Tag des Nicht-Tuns“ aus oder beteiligte sich an einer Kunstschau, bei der zehn Künstler keine Werke ausstellten und das Publikum sich vor leeren Wänden seinen Teil dachte.

Im Fall von „Niemandes Land“ ist nicht so sehr das Unterlassen, sondern das Sich-Selbst-Überlassen das Konzept. „.Durch meinen bildhauerischen Eingriff in das Stadtgebiet beabsichtige ich, dem All ein Winziges von dem, was wir so frech und selbstverständlich nutzen, zurückzugeben, damit es dann niemandem gehöre und nie wieder berührt würde“, beschrieb Trantel das Werk damals.

Zu diesem Zweck wurde das Quadrat sogar aus dem Grundbuch ausgetragen. Ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang – „Niemandes Land“ ist also auch ein verwaltungsrechtliches Kunstwerk. In den 23 Jahren, seit Trantel die Erdwälle im natürlichen Schüttwinkel auf das Flurstück aufbrachte, hätte hier eigentlich eine kleine Mikrolandschaft mit Sträuchern und jungen Bäumen von selbst entstehen müssen. Das ist jedoch offensichtlich nicht passiert.

Auf Anregung des Vereins Südkultur, der selbst keine parlamentarischen Rechte hat, stellte nun die CDU eine Anfrage an die Bezirksverwaltung, ob das Bezirksamt etwa regelmäßig Veränderungen an dem Kunstwerk vornehme. Verändern würde man das Kunstwerk keineswegs, hieß es in der Antwort des Bezirksamts. Wohl aber würde die Stadt als Eigentümerin der Fläche hier Gartenpflege betreiben.

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Ralf-Dieter Fischer, ist fassungslos: „Das geht nicht“, sagt er. „Es soll hier ja ausdrücklich kein Eingriff stattfinden. Außerdem ist die Stadt ja gar nicht Eigentümerin der Fläche. Die ist ja aus dem Grundbuch ausgetragen.“

Fischer kann sich vorstellen, dass seine Fraktion einen Antrag stellt, der die Bezirksversammlung verdonnert, dem Willen des Künstlers Genüge zu tun.

Trantel, mittlerweile Kunstprofessor im chinesischen Yinzhou, sieht das gelassener: „Teil des Konzeptes ist ja auch, dass selbst ich keine eigenen Rechte an ,Niemandes Land’ habe“, sagt er. „ich könnte mich höchstens auf Urheberrechte berufen. Aber Veränderung ist Teil des Werks. An regelmäßige Gartenpflege habe ich dabei jedoch nicht gedacht.“

Bezirkspressesprecherin Bettina Maak betont, dass in den 23 Jahren, die es das Kunstwerk nunmehr gibt, stets gepflegt wurde und niemand dies moniert habe: „Wenn das Kunstwerk nun wieder in den Focus rückt und die Pflegearbeiten als Eingriff verstanden werden, sind wir durchaus lernfähig.“