Harburg
Moisburg

Milchbauern fürchten um Existenz

Trügerische Idylle: Bauer Heinz Otto und Anette Eickhoff

Trügerische Idylle: Bauer Heinz Otto und Anette Eickhoff

Foto: Jörg Riefenstahl / HA

Dumpingpreise für Milch machen den Landwirten im Landkreis Harburg zu schaffen. Familienbetriebe stehen vor dem Aus.

Moisburg.  Milchbauern im Landkreis Harburg bangen um ihre Existenz. Dramatisch gesunkene Preise auf 20 Cent pro Liter Frischmilch führen über kurz oder lang viele von ihnen in den Ruin. Davon sind Bauern im Harburger Umland und Branchenexperten überzeugt. Wenn sich nichts Grundsätzliches ändert, sei damit zu rechnen, dass in den nächsten zwei Jahren jeder vierte Milchviehbetrieb in der Region seine Tore für immer schließt, lautet die Prognose.

Wir haben mit einem Milchbauern in Moisburg, einem Branchenvertreter und einem ehemaligen Milchbauern in Appelbeck gesprochen. Über ihre persönliche Situation auf dem Hof, ihre Einschätzung der Lage und darüber, was passieren muss, damit kleine Milchbauern in der Krise wirtschaftlich überleben können. Einhelliger Tenor: Für viele gibt es kaum noch Hoffnung. Ein beispielloses Höfesterben stehe bevor.

In Moisburg steht Landwirt Heinz-Otto Eickhoff, 57, mit seiner Frau Anette im saftigen Gras zwischen den schwarzbunten Milchkühen. Ländliche Idylle, glückliche Kühe, alles in Ordnung, könnte man meinen. Aber der Schein trügt: „Die Existenzangst ist da. Ich kann nicht garantieren, ob wir auf unserem Hof in sechs Monaten noch melken werden“, sagt der Milchbauer. „Der Milchpreis soll von 21 auf 19 Cent gesenkt werden. Wir bräuchten aber mindestens 33 bis 35 Cent, um unsere Kosten zu decken. Und insgesamt 40 Cent, um davon zu leben“, sagt der Vater von zwei Töchtern.

Mareike, 17, und Kim, 16 helfen auf dem elterlichen Hof ab und zu mit. Mit 31 Milchkühen, 74 Zuchtrindern und 75 Hektar Fläche ist es ein kleiner Haupterwerbsbetrieb. Die Gründe für den radikalen Preisverfall sieht Eickhoff vor allem im Wegfall der Milchquote Anfang 2015, aber auch im Importstopp Russlands für Agrarprodukte aus der EU und die geringere Nachfrage aus Fernost infolge der Wirtschaftsschwäche Chinas.

„Nach dem Ende der Quote haben viele Milchviehbetriebe die Anzahl ihrer Milchkühe verdoppelt, von 100 auf 200, von 150 auf 300“, erzählt Eickhoff. Weil heute jeder soviel Milch liefern könne, wie er wolle, gebe es in der EU zu viel Milch. Hinzu komme, dass die „Wertschätzung von Agrarprodukten in der Öffentlichkeit abnimmt“, so der Bauer. Wenn Discounter wie Aldi, Lidl und Co die Milch schon für
46 Cent pro Liter anböten, und alle bedenkenlos zugreifen, sei das nicht in Ordnung. „Der Einzelhandel benutzt die Milch als Zugmagnet für seine Kunden“, sagt Eickhoff.

Vom Erlös fließen 16 Cent an die Molkerei, sieben Cent an den Handel, drei Cent gehen als Mehrwertsteuer an den Staat. Für den Landwirt bleiben 20 Cent übrig – die Hälfte dessen, was Eickhoff eigentlich bräuchte, um seinen Betrieb wirtschaftlich zu führen. Nach seiner Rechnung müsste der Liter Milch im Verkauf mindestens 75 Cent bringen, damit 40 Cent für den Bauern, 20 Cent für die Molkerei, zehn Cent für den Handel und fünf Cent Steuern übrig bleiben. „Damit wären wir zufrieden“, so der Landwirt.

Er rechnet aber nicht damit, dass der Milchpreis in absehbarer Zeit steigen wird. „Der Preis wird erst wieder steigen, wenn genügend Landwirte ihre Tore geschlossen haben. Und Molkereien neue Absatzmärkte erschließen.“ So wie etwa in Süddeutschland, wo kleine Molkereien flexibel auf den Markt reagieren und Nischenprodukte wie Berchtesgadener Heumilch oder Bergbauernkäse anbieten. Die Masse aber wolle billig, da macht sich Eickhoff nichts vor.

Eine Umstellung seines Hofes auf die mit 50 Cent pro Liter lukrativere Biomilch würde drei Jahre dauern – zu lange für Eickhoff und ähnliche Betriebe. Monat für Monat macht er 3000 Euro Verlust, aufs Jahr gerechnet 36 000 Euro. Bisher hat er den Verlust mit seiner Färsenaufzucht aufgefangen. Aber auch die Preise dafür sind im Keller.

Statt 1300 Euro im vorigen Jahr gibt es jetzt nur noch 1000 Euro pro Rind. An Investitionen wie eine Siloplatte für 75 000 Euro ist da gar nicht zu denken, und vom Milchgipfel in Berlin sei „nicht viel zu erwarten“, sagt der Landwirt. Er denkt bereits ernsthaft darüber nach, sich demnächst einen neuen Job zu suchen.

Die Verbraucher hätten es in der Hand, für Milch aus der Region, wie sie Rewe und Edeka anbieten, mehr zu zahlen. Aber oft bleibe es bei Lippenbekenntnissen. „Wir müssen weg vom System immer mehr, immer mehr, immer billiger, immer billiger“, sagt Landwirt Henning Mißfeld, 35, aus Appelbeck. „Milch ist ein hochwertiges Nahrungsmittel. Es kann nicht sein, dass der Liter weniger kostet als eine Plastiktüte oder eine Flasche Mineralwasser.“ Mißfeld hat seine 250 Rinder, davon 65 Milchkühe, 2009 zur großen Milchkrise verkauft. Ein schmerzhafter Schritt, aber der Richtige.

Seitdem konzentriert sich Mißfeld mit seinem 300 Hektar Hof auf Getreideanbau und ist mit drei Traktoren und einem Angestellten Dienstleister für Bauern, für die er sät, düngt und Pflanzenschutz versprüht. „Das Problem mit den Milchpreisen wird sich erst regulieren, wenn wir weniger Kühe haben. Es wird ein Höfesterben geben, wie wir es in Deutschland noch nicht erlebt haben.“ Nicht alle hätten das Glück, umstellen zu können wie er vor sieben Jahren.

„Wer viel Grünland hat, etwa 60 Prozent, muss melken“, ergänzt Heinrich Wentzien, 65, stellvertretender Kreisvorsitzender im Landvolk-Verband Lüneburger Heide/Harburg. „Jeder vierte Milchbetrieb wird in den nächsten zwei Jahren wegfallen“, prognostiziert er.

Das Fatale: Selbst Bauern mit 100 Milchkühen, die in ihre Höfe investiert hätten, würden bei den Preisen im Jahr rund 150 000 Euro „verbrennen“. Das könne man vielleicht ein Jahr überbrücken, wenn man mit der Bank rede. „Aber länger nicht. Die haben ein Existenzproblem.“