Harburg

Lieber HSV, stell dir vor, es ist Relegation ...

... und du bist nicht dabei. Gut für die Nerven, aber dennoch eine Verletzung unseres Grundrechts auf sportliche Dramen

Gestern Abend auch Relegation geguckt? Frankfurt gegen Nürnberg, zwei Traditionsclubs im Kampf um den letzten freien Platz in der Bundesliga. Wichtig, keine Frage. Und doch für uns Hamburger in etwa so spannend wie einst der Dia-Vortrag beim Onkel. Der immer dann, wenn das nächste verwackelte Bild seiner Alpen-Klettertour auf der Raufaser-Tapete flimmerte, mit bebender Stimme reportierte: „Das war so knapp. Ein paar Zentimeter weiter, und wir wären abgestürzt.“

Ist er natürlich nicht. Und wir erst recht nicht. Denn wir waren bei der Klettertour nicht einmal dabei. Genauso ist es jetzt bei der Relegation. Am späten Montagabend, nach dem Rückspiel, wird in der Nürnberger Arena geweint, gelacht, gejubelt werden. Aber kein Marcelo Díaz wird – wie 2015 geschehen in der 94. Minute – einen Freistoß ins Karlsruher Netz zirkeln und damit den sicheren Abstieg des HSV verhindern. Kein Jaroslav Drobny wird wie 2014 nach der Relegation gegen Fürth für großartige Paraden zum Retter des Bundesliga-Dinos geschlagen. Bei den geschätzten Kollegen einer großen Tageszeitung war die Sehnsucht nach dem Relegations-Triple so groß, dass sie den Vorbericht auf das gestrige Spiel mit einem Foto des HSV-Profis Nicolai Müller illustrierten.

Nützt alles nichts. Wir Hamburger gucken diesmal nur zu, niemand wird mehr Glücksschweinchen statt Sterne auf die Rautentrikots nähen. Relegation ist für uns jetzt in etwa so prickelnd wie koffeinfreier Kaffee oder alkoholfreies Bier. Übrigens auch für die, die dem Dino schon seit Jahren einen möglichst qualvollen Tod wünschen. Nein, was war das lustig, dem HSV-Fan schon mal den Routenplaner für die Fahrt nach Sandhausen aufs Mannschaftsposter im Büro zu pinnen.

Für unseren Adrenalin-Kick kann jetzt nur noch einer sorgen. Joachim Löw, unser Bundes-Jogi. Bei der EM in Frankreich brauchen wir jetzt die volle Dröhnung. Verlängerungen, Elfmeterschießen, Rote Karten, egal, Hauptsache, Dramen. Mit Happy End natürlich, alles andere wäre ja noch schöner.

Herr Löw, bitte übernehmen Sie.