Stadtentwicklung

Schönheitskur für Winsen

| Lesedauer: 9 Minuten
Rolf Zamponi
Diese Computergrafik zeigt, wie der Kirchplatz in Winsen einmal aussehen soll

Diese Computergrafik zeigt, wie der Kirchplatz in Winsen einmal aussehen soll

Foto: Pressefotot / HA

Wie die Kreisstadt mit drei Ausbau-Programmen bis zum Jahr 2030 neu gestaltet werden soll.

Winsen.  Mit drei öffentlichen Förderprogrammen und gleichzeitigen Anreizen für Eigentümer für Investitionen will sich die Stadt Winsen für das übernächste Jahrzehnt neu aufstellen. Über die Städtebauförderung, den Masterplan Bahnhof und Bahnhofsumfeld sowie die Dorfentwicklung Winsener Marsch könnten mehr als 20 Millionen Euro in die Kreisstadt an die Luhe fließen. Bürgermeister André Wiese hat sein Team inzwischen zusammengestellt, betrachtet den Ausbau sogar als Chefsache. Im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt nimmt Wiese Stellung zu Projekten, Finanzierung und Zeitplänen.

Hamburger Abendblatt: Winsen investiert in die Ganztagsgrundschulen, trägt Kosten für Flüchtlinge mit: Ist es da vernünftig, jetzt auch noch die Innenstadt, den Bahnhofsbereich und vier Dörfer zusätzlich zu sanieren?

André Wiese: Ein klares Ja. Denn wir haben uns über Jahrzehnte nicht um diese Programme bemüht. Wir brauchen sie aber, um die Aufgaben finanziell zu schaffen. Vom Abwarten ist selten etwas besser geworden. Dagegen sind seit dem Beginn des Innenstadt-Projekts Winsen 2030 die unterschiedlichsten Akteure aus der Stadt ins Gespräch gekommen. Und unser Förderantrag war erfolgreich: Das Land hat Anfang April zugestimmt.

Das Signal zum Aufbruch?

Wiese : Eine Grundlage dafür, etwas für den Erhalt der historischen Gebäude zu tun, Wasser in der Innenstadt erlebbar zu machen und das Parken neu zu ordnen: Auf einigen großen Flächen statt auf überall verteilten Plätzen. Insgesamt wird die Stadt nicht Grundstücke für eigene Projekte neu kaufen, sondern es privaten Eigentümern ermöglichen, zu investieren.

Was soll sich ändern?

Wiese : Stichwort Kirchplatz: Der ist heute eine Steinwüste. Viele Winsener wünschen sich hier einen neuen Treffpunkt. Gemeinsam mit der Kirchengemeinde St. Marien, der das Grundstück zur Hälfte gehört, soll hier mehr als eine Million Euro investiert werden. Wasser und Platz für die Gastronomie werden eine Rolle spielen. Für den Platz wollen wir einen Architekten-Wettbewerb ausschreiben.

Die Rathausstraße gilt als gute Stube der Stadt...

Wiese : ... durch die wir dringend mal durchgehen müssen. Auch private Wohnzimmer bleiben nicht 30 Jahre wie sie sind. Das Pflaster muss aufgenommen werden, der südliche Bereich ist für den Wochenmarkt baulich nicht geeignet und die anschließende Altstadt ist nicht barrierefrei, obwohl dort viele alte Menschen wohnen.

Das Förderprogramm betrifft Bau, Steine, Erden. Aber böse formuliert ist man derzeit in der Innenstadt nach Ladenschluss sehr einsam.

Wiese : Tatsächlich brauchen wir mehr Leben in der Innenstadt. Es muss ein Konzept her, das festlegt, wo Restaurants draußen Stühle aufstellen können, wo gewohnt und wo eingekauft werden kann. Einsamkeit ade.

Wie schnell geht das?

Wiese : Der Rat soll im Juni das genaue Sanierungsgebiet beschließen und im Oktober noch in alter Besetzung ein Fachbüro als Sanierungsträger ausschreiben. Der Rahmenplan wird bis zum Frühjahr 2017 stehen. Bis dahin können schon städtebauliche Wettbewerbe ausgeschrieben sein. Die Bagger für größere Baumaßnahmen werden erst 2018 anrücken.

Wie reden die Bürger mit?

Wiese : Es wird ein 30-köpfiger Sanierungsbeirat gebildet, in dem neben Verwaltung und Politik die Polizei, Einzelhändler, Grundstückeigentümer oder der Seniorenbeirat vertreten sein werden. Als Bürgermeister werde ich zum Gremium gehören. Eine charmante Innenstadt ist Chefsache.

Lassen Sie uns über Geld reden.

Wiese : Zunächst gibt die Stadt 3,2 Millionen und Bund sowie Land 9,7 Millionen Euro als Fördermittel. Der Rat hat zusätzlich 1,5 Stellen in der Verwaltung bewilligt. Wir rechen für die Innenstadt mit einem Planungszeitraum von acht Jahren. Wenn wir uns nicht gegenseitig blockieren, lassen sich zusätzliche Fördergelder einwerben. Wenn wir kon­struktiv sind, ist eine siebenstellige Summe möglich.

Was sollen die privaten Eigentümer einbringen?

Wiese : Es gibt in Winsen zahlreiche Menschen, die gern in ihrer Heimat investieren möchten. Wer einen Mehrwert für die Stadt schafft, etwa Fassaden saniert und alte Bausubstanz erhält, hat Chancen auf Zuschüsse. Die Hürden sind hier nicht so hoch wie im öffentlichen Bereich. Gefördert werden kann bis in den sechsstelligen Bereich. Die ersten Zuschüsse könnten im ersten Quartal 2017 fließen.

Der Bahnhof, die Bahnhofsstraße und das Umfeld ließen sich nicht in das Programm einbeziehen. Warum?

Wiese : Das Land hat uns als Newcomer geraten, nicht gleich das gesamte Stadtgebiet für die Förderung anzumelden. Schließlich hat sich Winsen seit 30 Jahren nicht mehr um ein solches Förderprogramm beworben.

Der Bahnhofsbereich lässt sich aber bei einer Stadtentwicklung kaum ausschließen, oder?

Wiese : Natürlich nicht. Nirgendwo in der Stadt sind zwischen vier Uhr morgens und 23 Uhr abends so viele Menschen wie am Bahnhof. Deshalb haben wir uns für den Masterplan entschieden und uns dazu ein Bremer Planungsbüro ins Boot geholt. Winsen ist Pendlerstadt und die Pendler sollen mit einem guten Gefühl rund um den Bahnhof unterwegs sein. Für Ende Mai ist der erste öffentliche Dialog geplant (siehe Info-Kasten).

Was geschieht konkret?

Wiese : Wir müssen an die Unterführung unter den Gleisen ran. Sie ist 30 Jahr alt, nicht mehr zeitgemäß und viele Passanten fühlen sich dort nicht sicher. Wir brauchen eine neue Passage, die Fußgänger und Radfahrer sicher leitet und dafür sorgt, dass die Bahn weniger als Trennlinie der Stadt empfunden wird. Schließlich wohnen im Süden der Stadt inzwischen 5000 der 35.000 Menschen. Dazu muss am Bahnhof auch für Fremde deutlich sein, wie sie in die City kommen. Viele stehen da heute ein wenig ratlos.

Im April hat die Verwaltung die Eigentümer an der Bahnhofstraße nach ihren Vorstellungen gefragt. Wie hoch war der Rücklauf?

Wiese : Es gibt mehrere hundert Eigentümer, ein Drittel hat sich gemeldet. Eine gute Quote. Wir wollten wissen, wie hoch die Neigung der Anwohner ist zu investieren. Die Antworten werten wir bis zum Sommer aus.

Welche Summen und Zuschüsse werden für den Ausbau am Bahnhof nötig sein?

Wiese : Das sehen wir, wenn der Masterplan 2017 fertig ist. Wir müssen mit Bahn und Land über Zuschüsse verhandeln. Die gibt es für die Verlagerung von Verkehr vom Auto auf die Schiene. Ich gehe davon aus, dass auch der im Herbst neu gewählte Stadtrat die Idee des Plans vorantreiben wird.

Wie weit ist der Plan, die vier Dörfer in der Winsener Marsch, Hoopte, Stöckte, Laßrönne und Tönnhausen, neu zu gestalten?

Wiese : Die Bürgerbeteiligung wird Ende Juni abgeschlossen. Im Oktober soll der Dorfentwicklungsplan für die vier Ortsteile im Norden der Stadt fertig sein. Die Menschen dort, ob Alteingesessene oder Neubürger, ob jung oder alt identifizieren sich mit ihrem Wohnort. Das wurde bei den Begehungen und Infoabenden klar. Jetzt geht es darum, Treffpunkte zu schaffen, um sichere Verkehrswege und wie in der Stadt Winsen selbst um die Sanierung älterer, ortsprägender Gebäude.

Wie sieht es hier mit der Finanzierung aus?

Wiese : Es geht um Gelder der Europäischen Union, die vom Jahr 2017 an fließen könnten. Die Höhe der Zuschüsse kann bis zu 63 Prozent betragen. Entscheidend ist der 15. Februar 2017. Bis dahin können wir mit dem Land verhandeln, wie viele Projekte sich anmelden lassen.

Gibt es eine erste Schätzung, was finanziell möglich ist?

Wiese : Bislang gab es für einzelne Ortsteile bei der Dorfentwicklung 600.000 bis 900.000 Euro. Mal sehen, was für unsere vier Ortsteile drin ist.

Die Zukunft Winsens ist damit abgesteckt?

Wiese : Ja, wenn wir möglichst viele Ideen verwirklichen und unsere Chancen nicht untereinander zerreden. Es wird nicht ein Prestigeprojekt geben, das alle glücklich macht. Dazu sind die Menschen in der Stadt und in den Ortsteilen und ihre Bedürfnisse zu unterschiedlich. Eine Philosophie zu entwickeln, bringt nichts. Wir müssen für alle Neues auf den Weg bringen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg