Harburg
Hittfeld

„Großes Los“ wurde zur Niete

Der ehemalige Bürgermeister Hermann Meyer (links) und Gemeindedirektor Hermann Schaller am Roulette-Tisch

Der ehemalige Bürgermeister Hermann Meyer (links) und Gemeindedirektor Hermann Schaller am Roulette-Tisch

Foto: Privat / HA

Als in Hittfeld noch die Roulette-Kugel rollte,sprudelten die Steuereinnahmen. Der Ort konnte sich Anschaffungen leisten, von denen andere nur träumten. Heute ist das anders.

Hittfeld.  Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als die Kugel noch rollte. Durch Hittfeld zog ein Hauch von Baden-Baden, die Spielbank lockte Menschen aller Couleur in das kleine Örtchen vor den Toren Hamburgs, die Einnahmen sprudelten. Roulette, Black Jack, Baccara – das Glück­spiel war aus finanzieller Sicht ein echter Glückstreffer und ließ Seevetal gerüchteweise zur reichsten Gemeinde Niedersachsens aufsteigen. Noch heute wird in Politik und Verwaltung fast wehmütig von den goldenen Jahren gesprochen, etwa wenn man sich fragt, woher bloß die Millionen für die Sanierung des Veranstaltungszentrums Burg Seevetal oder für die Unterhaltung der Straßen kommen sollen.

Ja, damals in den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren wäre das kein Problem gewesen. Ein Blick auf die Spielbankeinnahmen zeigt, wie dick das Polster der Gemeinde war. 1976 zum Beispiel: umgerechnet 2,6 Millionen Euro, 1986: umgerechnet 1,9 Millionen Euro, und selbst 2003, ein Jahr, bevor Roulette und Co. in Hittfeld aufgegeben und die Gewinne des verbliebenen Automatenkasinos komplett an das Land Niedersachsen gingen, waren es noch 1,2 Millionen Euro.

Aber wie konnte das kleine Hittfeld überhaupt zum Schauplatz des Großen Spiels werden? Es dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass im benachbarten Karoxbostel, dort, wo heute das Hotel Derboven ist, bereits bis 1966 eine Spielbank stand, die behördlich verboten wurde. Als das Land Niedersachsen dann einige Jahre später reguläre Konzessionen für Spielbanken vergab, erinnerte man sich offensichtlich dieser Tradition und wollte auch die Nähe zu Hamburg ausnutzen, das damals über keine Spielbank verfügte.

Am 27. März 1975, Gründonnerstag, um 22.19 Uhr war der damalige Bürgermeister Hermann Meyer derjenige, der die erste – goldene – Kugel in Hittfeld warf. So ist es in alten Zeitungsberichten zu lesen, die Seevetals Gemeindearchivar Søren Sahling aufbewahrt hat. Meyer wollte beweisen, „dass wir hier keine Kühe am Kasino vorbeitreiben“ und ließ das ganz große Besteck auffahren.

Champagner, Hummer, Lachs und Heidemastputer wurden den geladenen Gästen gereicht, darunter der sowjetische Generalkonsul und Schauspielerin Helga Feddersen. Standort des Kasinos war der ehemalige Saal des Gasthauses Krohwinkel an der Kirchstraße, der für 750.000 Mark umgebaut wurde und heute noch das Kasino beherbergt.

In der Anfangszeit sollen 1700 Gäste pro Tag die Spielbank besucht haben. Das Publikum aus Hamburg wurde in zweistündlichen Busverbindungen vom ZOB direkt nach Hittfeld gebracht, reiche Damen, Hausfrauen, Geschäftsleute, Glücksritter. Erst als Hamburg 1978 eine eigene Spielbank erhielt, ebbte der Zustrom von nördlich der Elbe etwas ab.

Hermann Meyer junior, der Sohn des bereits verstorbenen ehemaligen Bürgermeisters, kann sich noch genau an jene Roulette-Jahre erinnern. „Man kam nur mit Krawatte rein, und wer keine hatte, konnte unten bei den Toilettenfrauen welche aus einem Schrank bekommen“, erzählt er. Er selbst sei nur dann im Kasino gewesen, wenn er Freunden und Verwandten, die ihn besuchten, etwas von der großen weiten Welt in seinem Heimatort zeigen wollte. Seine Frau Hannelore sitzt neben ihm am Tisch und nickt. „Das war immer ziemlich aufregend.“

Manche Spieler, die von weither kamen, sollen sich eine Woche in Hittfelder Hotels eingemietet haben, um täglich spielen zu können. Das Kasino prägte das Leben im Ort zusehends, manche Hittfelder Friseure, so Meyer, sollen sogar Jetons als Zahlungsmittel akzeptiert haben. Auch für Bauwillige wurde Hittfeld auf einmal attraktiv, neue Wohngebiete entstanden, im Ortskern siedelten sich Banken, Boutiquen und schicke Restaurants an, jeder wollte ein Stück vom Spielbank-Kuchen abhaben.

Hans-Joachim Röhrs, von 1972 bis 1978 erster Gemeindedirektor der neuen Einheitsgemeinde Seevetal und danach bis 1994 Oberkreisdirektor, ist sich ebenfalls bewusst, was die Gemeinde an der Spielbank hatte – obwohl er als Privatmann nie dort gewesen ist. „Es waren gewaltige Summen, ich weiß noch, dass wir damals zum Beispiel für zwei Millionen Mark den Meyermanns Hof kauften“, erinnert er sich. Heute ist dort der Bauhof der Gemeinde untergebracht.

Auch das Hittfelder Hallenbad oder die Anfang der 80er-Jahre errichtete Burg Seevetal verdanken ihre Existenz quasi der Roulette-Kugel. Jeder in Seevetal dachte: Jetzt haben wir das große Los gezogen, so Röhrs. Man war sich sicher, dass es ewig so weiter ginge.

Doch das sollte ein Irrtum sein. Nicht nur, dass immer wieder dramatische Überfälle und die persönlichen Schicksale der Spielsüchtigen Schatten auf den Glücksspielbetrieb warfen. Das „unersetzliche Juwel“, wie der damalige Gemeindedirektor Rainer Timmermann 1993 im Hamburger Abendblatt die Spielbank bezeichnete – sie hatte ihm im Jahr zuvor 3,7 Millionen Mark an Einnahmen beschert –, erlebte einige Jahre später einen Skandal, von dem es sich nicht mehr erholen sollte.

Im Januar 1999 beschlagnahmten Beamte des Landeskriminalamts Hannover einen Roulette-Kessel. Er sei manipuliert worden, so der Verdacht, der sich später bestätigte. Croupiers und Spieler sollen gemeinsame Sache gemacht und sich den erschlichenen Gewinn geteilt haben. Später wurden 13 Mitarbeiter vom Dienst suspendiert. Es hieß, dass die Betrügereien bereits 1990 begonnen hätten und insgesamt ein Schaden von bis zu zehn Millionen Mark entstanden sei. Nachgewiesen werden konnte aber niemandem etwas.

Die Spielbank versuchte in der Folgezeit, ihr Image aufzupolieren. Die flächendeckende Videoüberwachung kam in den Jahren 2000/2001 ebenso wie neue Roulette-Kessel mit höheren Sicherheitsstandards und neues Personal. Doch alle Mühe lohnte sich nicht. Da die Umsätze am Roulette-Tisch dramatisch eingebrochen waren und das Automatenspiel mehr als 82 Prozent der Gewinne erwirtschaftete, zugleich aber 85 der rund 110 Arbeitsplätze am Roulette-Tisch angesiedelt waren, wurde im Jahr 2004 schließlich das Große Spiel geschlossen.

Seither ist das „Aquamarin Casino Seevetal“, wie die Spielbank seit 2005 heißt, eine reine Automatenspielbank. Roulette-Tische mit einem echten Kessel sind zwar noch da, doch statt einer von Menschenhand geworfenen Kugel gibt es nur Elektronik an einem schnöden Touchscreen. „Die Kessel sind TÜV-geprüft, für die zertifizierten Spiele liegen Freigaben von der Spielbankaufsicht des Landes Niedersachsen vor“, sagt Marketingbeauftragter Christian Rommel.

Geht man durch die Räume, kann man das Mondäne vergangener Zeiten nur erahnen. Der Dresscode lautet „gepflegte Freizeitkleidung“, nur zu Silvester wird gern der feine Zwirn hervorgeholt. An den Tischen sitzen an diesem Nachmittag ältere Semester, viele Frauen. Das Automatenspiel ist eher Männersache. „Abends und am Wochenende kommen auch viele Jüngere und Berufstätige“, sagt Rommel.

Auch das Zwielichtige, Halbseidene ist nicht mehr wirklich spürbar, allerspätestens seit 2015 die Vollerfassung der Kundendaten eingeführt wurde. Dass im Saal geraucht werden darf, ist fast das Verwegenste, was das Kasino zu bieten hat.

Ist die Spielbank also nur noch eine bessere Spielhalle, wie es sie überall zu Dutzenden gibt? „Bei uns sind höhere Einsätze und höhere Gewinne möglich“, sagt Rommel. Hinzu kommt die strengere Einlasskontrolle und das doch ein wenig exklusivere Ambiente, das pro Jahr 50.000 bis 55.000 Besucher anzieht.

Finanziell gesehen profitiert die Gemeinde Seevetal aber stärker von den Gewerbesteuer zahlenden Spielhallen als von der Spielbank, die ihr exakt nichts einbringt. Die Hälfte des jährlichen Bruttospielertrags in Höhe von fünf bis sechs Millionen Euro geht ausschließlich ans Land. Einzig der TSV Eintracht Hittfeld und der Präventionsrat Seevetal erhalten regelmäßig kleine Finanzspritzen.

Für Bürgermeisterin Martina Oertzen dürfte es heute nur schwer vorstellbar sein, sich mit ihren Gesprächspartnern am Roulette-Tisch fotografieren zu lassen, wie es ihr Vorgänger Hermann Meyer früher gern tat. Sein Sohn bringt es auf den Punkt: „Damals war die Spielbank im Ort präsent.“ Heute sehe man die Sache eher so: Ob sie jetzt da ist oder nicht, ist aus Seevetaler Sicht eigentlich egal.