Harburg
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Harburger Seeadler-Dame ist frisch verliebt

Start in eine neue Partnerschaft: Das „verwitwete“ Seeadler-Weibchen vom Brutrevier an der Alten Süderelbe fliegt los, der neue Partner schaut ihr zu

Start in eine neue Partnerschaft: Das „verwitwete“ Seeadler-Weibchen vom Brutrevier an der Alten Süderelbe fliegt los, der neue Partner schaut ihr zu

Foto: Torsten Demuth www.Natur-in-Ham / Torsten Demuth

Partner wurde bei der Futtersuche von Rotorblatt erschlagen. Weibchen wartete zwei Wochen vergeblich auf ihn. Nun ist ein neuer da.

Die Brutsaison begann für das Seeadler-Paar an der Alten Süderelbe verheißungsvoll. Seit 2014 zogen die beiden Adler in dem Revier Jungen groß, erst eines, im Folgejahr dann zwei. Sie sind eines von drei Seeadler-Paaren in Hamburg. Zunächst sah alles gut aus, das Weibchen bebrütete ihre Eier. Doch am 8. März und weitere 13 Tage wartete es vergebens auf seinen Partner. Dann verließ es das Nest und suchte einen neuen Lebensgefährten.

Der Vogel verschwand schlagartig nach oben aus dem Blickfeld

Was genau passiert war, beobachtete Hermann Jonetzki: Am 8. März ist der Brückenbauspezialist beruflich auf der Hohen Schaar südöstlich der Kattwykbrücke unterwegs. Gegen 12.30 Uhr entdeckt der Ingenieur einen auffällig großen Greifvogel am Himmel und greift zu seinem Fernglas.

Er identifiziert ihn als Seeadler. Dieser fliegt Richtung Hohe Schaar, wo zwei Windräder stehen und sich gerade kräftig drehen. Was dann geschieht, beschreibt Jonetzki in einem Bericht an die Staatliche Vogelschutzwarte Hamburg: „Während der Beobachtung im Fernglas verschwand der Vogel schlagartig nach oben aus dem Blickfeld. Dabei war ein Geräusch wahrzunehmen.“

Um einen Überblick über das Geschehen zu bekommen, sieht Jonetzki über sein Fernglas hinweg: Er beobachtet ein in seine Richtung fallendes Etwas – „der Aufschlag am Boden in rund 35 Meter Entfernung war deutlich zu hören“. Es ist der Seeadler. Ein Rotorblatt hatte ihn erfasst und getötet. Jonetzki rekonstruiert aus seinen Beobachtungen, dass das Flügelblatt an seinem Hochpunkt den Vogel erfasst haben musste. Der Ingenieur errechnet, dass der tödliche Schlag mit rund 260 Kilometer pro Stunde, also mit ICE-Geschwindigkeit erfolgt sein musste.

Jonetzki organisiert sich einen Plastiksack und Handschuhe, um den Adlerkadaver zu bergen. „Sein Körper war ganz schlaff, er fühlte sich an wie ein Beutel mit Legosteinen“, sagt er. Der Schlag mit dem Rotorblatt und der anschließende Aufprall auf den Boden hatten das Vogelskelett in tausend Stücke zerbrochen. dem gut acht Kilometer entfernten Adlerhorst scheint die Welt zu diesem Zeitpunkt noch in Ordnung.

Das 2010 am Selenter See geborene und beringte Weibchen sitzt auf seinen Eiern und wartet auf den Partner. Adlerpaare bleiben viele Jahre, oft ein Leben lang zusammen. Im Winter wurde kräftig gebalzt und das Nest weiter ausgebaut – der Nachwuchs kann kommen. Geduldig hütet das Weibchen das gemeinsame Nest, doch ihr Partner kehrt nicht zurück. Mehr als eine Woche später beobachten Naturschützer, dass die Adlerdame weiterhin stundenlang ihr Gelege bebrütet.

Hin- und wieder stößt sie Kontaktrufe aus, aber sie verhallen ungehört. Nur zwei Jungadler, vermutlich der Nachwuchs aus dem Vorjahr, lassen sich am Horst sehen. Mal verjagt das Weibchen die beiden, mal lässt es die Youngsters in der Nähe des Horstes sitzen. Weitere Tage des Wartens vergehen. Das Weibchen verlässt nun häufiger sein Nest, deckt zuvor die Eier aber gründlich zu.

Am 22. März gibt sie die Brut auf – allein könnte sie die Jungen nicht durchbringen. Noch Tage darauf fliegt sie sporadisch das Nest an, stößt Kontaktrufe aus – vergebens. Am 26. März protokolliert Torsten Demuth: „Ein im Gebiet bisher unbekanntes erwachsenes Männchen ist anwesend.“ Der Naturfotograf, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Vogelschutzwarte Hamburg, verbringt derzeit einen Großteil seiner Zeit im Beobachtungsstand beim Adlerhorst.

Für einige Tage werden beide Tiere nicht gesehen. Aber am 29. März beobachten zwei andere Vogelkundler zwei ausgewachsene Adler am verlassenen Horst, einen männlichen und einen weiblichen.

Tatsächlich ist das Weibchen mit einem neuen Partner zurückgekommen. Die beiden scheinen sich zu verstehen. „Wir haben jetzt bereits sechs Paarungen beobachten können, und beide zeigen sich regelmäßig auf dem Nest“, sagt Torsten Demuth. Ein echtes Happyend hat die Geschichte aber noch nicht. Denn Adlerexperten bezweifeln, dass das neue Paar in diesem Jahr noch brüten wird.

Der Nachwuchs an der alten Süderelbe ist 2016 also voraussichtlich verloren – bei der weiterhin seltenen Vogelart zählt der Bruterfolg jedes einzelnen Paares. „Seeadler sind nicht darauf eingestellt, mehrere Bruten im Jahr zu machen“, sagt Demuth. „Das Weibchen war schon am Brüten.

Sein Körper ist hormonell vermutlich nicht in der Lage, noch einmal Eier zu produzieren.“ Er bleibe dennoch optimistisch, sagt der Vogelkundler: „Es ist zwar eher unwahrscheinlich, dass ein zweites Mal gebrütet wird, aber vielleicht klappt es ja noch.“

Ironie der Geschichte: Die beiden Windräder auf der Hohen Schaar ließ im Jahr 2000 Prof. Fritz Vahrenholt auf dem Gelände der Shell-Raffinerie aufstellen. Der ehemalige Hamburger Umweltsenator (1991–1997) war damals als Vorstandsmitglied des Mineralölkonzerns unter anderem für erneuerbare Energien zuständig. Heute leitet Vahrenholt die Deutsche Wildtier Stiftung in Hamburg und kämpft vehement gegen den Ausbau der Windenergie. Sein Hauptargument: Windräder stellen eine Gefahr vor allem für Greifvögel und Fledermäuse dar.

Auf seiner Website www.natur-in-hamburg.de berichtet Torsten Demuth im Blog über die aktuellen Entwicklungen am Adlerhorst