Harburg
Großübung

Seevetals Feuerwehren proben den Großeinsatz

Über eine Leiter werden Personen von der Terrasse im Obergeschoss gerettet

Über eine Leiter werden Personen von der Terrasse im Obergeschoss gerettet

Foto: Christiane Tauer / HA

Freiwillige Retter wurden zur Großübung gerufen. Dass dem Alarm kein Ernstfall vorausging, erfuhren sie erst auf ihren Dienststellen

Beckedorf.  Dichter Rauch schlägt aus der Tür. Feuer in der Verpackungsabteilung! Die Schwaden ziehen durch das ganze Gebäude, vorsichtig geht ein Feuerwehrmann nach dem anderen hinein. Drei Personen sollen sich noch im Inneren befinden – aber wo? Ausgestattet mit Atemschutzgeräten und Wärmebildkamera suchen die Feuerwehrleute die Räume ab. Nicht mal die eigene Hand ist vor den Augen zu erkennen, so verraucht ist es. Ohne die Kamera wären sie verloren. Dort: An einen Schrank gelehnt, der erste Vermisste! Auf einer Trage wird er nach draußen gebracht. Sofort geht es wieder hinein, weitere Personen suchen.

„Feuer II Y“ lautete die codierte Meldung, die am Freitag um 17.45 Uhr an die Seevetaler Ortsfeuerwehren Beckedorf/Metzendorf, Hittfeld und Fleestedt ging. Die II steht für „großes Gebäude“, das Y für „Menschenleben in Gefahr“. Es war allerdings kein echter Alarm, der ausgelöst wurde, sondern lediglich eine Übung, über die die rund 50 Feuerwehrleute bei Eintreffen an ihren Feuerwehrstandorten informiert wurden. Trotzdem war jeder von ihnen verpflichtet, an der Übung teilzunehmen.

Die Firma Arcus Dichtelemente am Beckedorfer Bogen hatte sich bereiterklärt, ihre Räume für die Großübung zur Verfügung zu stellen. „Solche Einsatzorte sind nur schwer zu finden, weil viele Firmen Angst haben, dass etwas kaputt geht“, sagt Matthias Schwab. Der Beckedorfer Ortsbrandmeister hat die Übung vorbereitet und niemanden in die Pläne eingeweiht. Um den Betriebsablauf in der Firma nicht allzu sehr zu stören, hat er den späten Nachmittag als Zeitpunkt gewählt.

Grund dafür ist auch, dass die 14 Seevetaler Ortsfeuerwehren aus Freiwilligen bestehen, die einer regulären Arbeit nachgehen. Würde man sie tagsüber von ihren Arbeitsplätzen wegholen, wäre der Aufwand zu groß und das Verständnis der Chefs arg strapaziert. Klassische Übungsorte sind Abrissgebäude wie kürzlich ein Reetdachhaus in Over oder Rohbauten wie das Sportzentrum in Fleestedt. Dort fanden im März und Februar Übungen statt, die zum regelmäßigen Pflichtprogramm der Feuerwehr gehören und die Freiwilligen für den Ernstfall schulen sollen. „Es ist wichtig, die Zusammenarbeit der Kameraden, die Einsatztaktik und den Gebrauch der Technik immer wieder zu proben“, sagt Schwab.

Der Kontakt zur Firma Arcus kam über die Feier zum 20-jährigen Bestehen des Unternehmens im vergangenen Jahr zustande. „Wir hatten 600 Gäste zu uns eingeladen und waren in Sorge, dass durch irgendein Unglück einer der 480.000 Kartons in unserem Lager Feuer fängt“, sagt der kaufmännische Leiter und Prokurist Ingo Hupach. Die örtliche Feuerwehr stand ihm beratend zur Seite und bildete vor einigen Wochen außerdem elf der 40 Mitarbeiter zu Brandschutzhelfern aus. Als dann die Anfrage kam, bei ihnen einmal den Ernstfall zu proben, sagte Hupach nicht Nein.

Um kurz vor 18 Uhr steht er nun mit einigen anderen Mitarbeitern auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtet, wie sich die Feuerwehrleute als Erstes daran machen, die drei gemeldeten Vermissten im Gebäude zu suchen – in Wahrheit sind es Puppen, die vorher in den Räumen platziert wurden. „Menschenrettung hat bei jedem Einsatz oberste Priorität“, erklärt der stellvertretende Gemeindebrandmeister Andreas Brauel, der die fiktive Einsatzleitung innehat. Drei Männer mit extra markierten Westen stehen neben ihm. Es sind Gemeindeausbildungsleiter Dieter Kröger und sein Team, die die Arbeit der Feuerwehrleute beobachten und anschließend bewerten. „Meistens läuft es ganz gut“, sagt Kröger. Man wisse aber, dass viele bei einer Übung nicht 100 Prozent geben. Auch diesmal scheint das der Fall zu sein. Seelenruhig gehen einige der Einsatzkräfte vor dem Gebäude auf und ab, einige rollen die Wasserschläuche aus, andere legen sich ohne Hast ihr Atemschutzgerät an. „Hoffentlich würden die im Ernstfall etwas mehr Gas geben“, witzelt eine Arcus-Mitarbeiterin, die das Geschehen auf ihrem Handy festhält. Sie würden. Ganz sicher. Das kann ihr Kröger versprechen.

Eine knappe Dreiviertelstunde nach Einsatzbeginn, als alle Puppen aus dem Gebäudeinneren nach draußen getragen und eine Handvoll Arcus-Statisten, die sich auf die große Terrasse im Obergeschoss geflüchtet haben, nach unten gebracht sind, rollen die Feuerwehrleute die Schläuche wieder zusammen. „Elf gerettete Personen“, meldet ein Kamerad an Einsatzleiter Brauel.

Druckbelüfter werden vorne am Haupteingang und hinten im Lager aufgebaut. Sie sollen den Rauch vertreiben, der aus einer Nebelmaschine, wie man sie auch aus Diskotheken kennt, ins Gebäude geblasen wurde. Dieter Kröger zieht eine erste Bilanz. „Die Menschenrettung lief gut“, sagt er. Bei der Kommunikation untereinander habe es allerdings einige kleine Probleme gegeben, was vor allem am neuen Digitalfunk lag.

Auch Ingo Hupach ist im Aufbruch begriffen. Er muss sich keine Sorgen machen, in den Räumen ist durch die Übung kein Schaden entstanden. Nur der klebrige Boden fällt ihm auf – ein Nebeneffekt der Nebelmaschine. „Das Problem haben wir nach unseren Betriebsfeiern auch immer“, sagt er und grinst. Er wird wohl die Reinigungskräfte anrufen müssen und sie bitten, eine Extraschicht am Wochenende zu schieben.