Harburg
Airbus op Platt

„De Wingbox mutt stabiler ween as de Rump“

Günter Lucas verklort de Lüüd, wo Airbus in Finkwarder de groten Fleegers baut

Günter Lucas verklort de Lüüd, wo Airbus in Finkwarder de groten Fleegers baut

Foto: Lars Hansen / xl

Hochtechnologie auf Niederdeutsch:Günter Lucas führt Reisegruppen durch das Airbus-Werk in Finkenwerder – op Platt

Finkenwerder.  Nachmittags um Vier am Neßtor, dem Haupteingang von Airbus. Vor dem Gebäude links neben dem Tor hat sich eine Menschentraube gebildet. Funkkopfhörer werden ausgeteilt. Zwei Reiseleiter ordnen ihre Gruppen. Günter Lucas hat die kleinere, gut 30 Gäste. Dafür sind seine Schäfchen älter. Es ist kaum jemand dabei, dem nicht sogar der Finanzminister die Rente gönnen würde. Ein paar haben Enkel mit, aber die Generation dazwischen fehlt fast völlig – bis auf zwei Reporter. Die sind da, weil diese Airbus-Werksführung etwas besonderes ist: Sie findet auf plattdeutsch statt. Dafür ist es jetzt wichtig, dass jeder den richtigen Funkkopfhörer hat: Die meisten Teilnehmer der anderen Gruppe würden Günter Lucas’ Erklärungen und Anweisungen nicht verstehen.

Organisiert hat die niederdeutsche Führung der Hamburger Plattdeutschrat, eine Dachorganisation der vielen Plattdeutschvereine in der Stadt. Die Führung am Freitag ist Teil des Plattdeutschtages, den der Rat in diesem Jahr zum ersten Mal organisiert hat. Eigentlich ist der Sonnabend der große Tag, aber sonnabends gibt es keime Führungen.

Ein Hightech-Unternehmen in einer Sprache erklärt, die man heutzutage mit alten Zeiten assoziiert und mit Leuten, die die Scholle entweder fischen oder pflügen? Ob und wie das geht, interessiert nicht nur die Reporter, sondern auch viele Teilnehmer, nur sind die viel zuversichtlicher: „Wi hebbt in Hamborch jo ook Schlachtscheepen un Supertankers op plattdüütsch baut“, sagt Rentner Walter Harms aus Bramfeld, „dat weer ook Hightech, bloots öller!“

Zunächst bleiben beide Gruppen zusammen. Mit einem Bus geht es auf das Werksgelände. Günter Lucas und sein hochdeutscher Kollege erklären gleichzeitig. Die Funkkopfhörer sorgen dafür, dass die jeweiligen Worte nur bei der jeweiligen Gruppe ankommen. Erst am Besucherpavillon geht es in getrennte Vortragsräume.

Günter Lucas’ Platt hat einen starken Holsteiner Einschlag. Kein Wunder: Der Gästeführer stammt aus Itzehoe. Von den 30 Leuten, die Werksführungen machen – allesamt frühere Flugzeugbauer, kann eine Handvoll plattdeutsch. „Das reicht aber auch. Die Nachfrage nach plattdeutschen Führungen ist nicht so groß“, sagt Lucas, „wir machen höchstens zwei im Jahr – insgesamt. Die Herausforderung dabei ist, die Routine zu behalten.“

Mangelnde Routine merkt man ihm nicht an. Er erklärt munter drauflos, als spräche er in einer der drei Airbus-Sprachen Deutsch, Englisch oder Französisch. Dabei werden zwei Dinge deutlich. Erstens: Wo dem Plattdeutschen die Worte fehlen, verhält es sich wie jede andere Sprache auch und leiht sich woanders Fremdwörter aus. Zweitens: Aus dem englischen geborgte Begriffe klingen auf Plattdeutsch viel natürlicher, als hochdeutsche, selbst dann, wenn diese Worte einfach nur aus Latein oder Altgriechisch weitergereicht wurden. „Composite Materials“ schwingt in einem plattdeutschen Satz viel harmonischer mit, als „Verbundmaterialien“. Das liegt daran, dass Englisch und Platt eng verwandt sind, während Hochdeutsch eine Zwangsehe aus Niederdeutsch und Alemannisch ist, in der die südliche Sprache die Hosen und die nördliche die Pantoffeln anhat.

Drei Werkshallen und das Freilicht-Fliegermuseum stehen auf dem Programm. Stets dabei: Eine Dame vom Werksschutz, die wie ein guter Schäferhund freundlich und bestimmt dafür sorgt, dass alle auf den Wegen bleiben und niemand verloren geht, denn das Gelände ist groß und jemanden wiederzufinden, würde dauern. Außerdem zeigt Airbus gerne, wie toll man hier im Allgemeinen Flugzeuge bauen kann, die Details behält man aber doch lieber für sich.

Wenn Günter Lucas erklärt, hört es sich an, als würde er hier selbst noch mitbauen. Der Identifikationsfaktor geht über die Ruhestandsgrenze heraus. Die Gäste lassen sich mitreißen, bewundern beispielsweise das große Schiebepuzzle, das in der A-320-Fertigung „getaktete Produktion“ heißt. Lucas erklärt, wo hier die Rumpfsegmente zusammengesetzt werden: „Heer, baben de Flansch, wo naher de Flögels an kommt, föögt wi dat vördere un dat achtere Segment tosomen. De Flögels kummen övrigens nich an de Rumpf-Deele, dat is een eigen Element: de Wingbox. De mutt stabiler ween as de Rump, weil de heele Fleeger naher op de Wingbox liggt.“

Die Airbus-Mitarbeiter lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn hier Gruppen hindurch geführt werden. So lange die Besucher auf dem Weg bleiben stehen sie nicht im Weg. Erstaunt beobachten die Gäste, wie eine tonnenschwere Transportplattform millimeterhoch über dem Hallenboden angeschwebt kommt. „Düsse Deel ward mit Druckluft beweegt, as wie so’n Hovercraft“, erklärt Lucas. „Dormit bringt wi de Rump na de Station dor achtern, wo de Flögels anmonteert warr’n.“

Zweieinhalb Stunden lang erzählt Günter Lucas, wie die Düsenflieger gebaut werden. Am Ende hat man nicht den Eindruck, als sei er schon fertig. Er wirkt, als könne er noch einmal so lange weitererzählen. Mindestens.

Seine Gäste sind zufrieden: „Ick harr de Tour villicht ook op Hookdütsch mitmokt“, sagt Walter Harms, „man op platt mookt dat twee Mol soveel Spoß!“

Airbus-Werksführungen sind zu buchen über den Vermittler Globetrotter unter der Hotline 0900/524 72 87 und per Internet: https://werksfuehrung.de/de/airbus-touren