Harburg
Feuerwehrjubiläum

Als Harburger in zwei Stunden Rettungssanitäter wurden

S-Bahn-Unglück am Berliner  Tor  am 5. Oktober 1961: 28 Menschen kamen damals ums Leben, etwa 100 wurden zum Teil schwer verletzt

S-Bahn-Unglück am Berliner Tor am 5. Oktober 1961: 28 Menschen kamen damals ums Leben, etwa 100 wurden zum Teil schwer verletzt

Foto: Archiv Morgenpost

Seit 70 Jahren gehört der Rettungsdienst zur Feuerwehr. Zwei Harburger erzählen von den Anfängen. Ausstellung zum Jubiläum.

Harburg.  Die Hamburger Feuerwehr feiert in diesen Tagen ein ganz besonderes Jubiläum: Seit 70 Jahren gehört der Rettungsdienst zur Feuerwehr dazu. Vielen Menschen hat er seitdem das Leben gerettet. Eine Ausstellung zeigt außergewöhnliche Fälle in der Geschichte des Rettungsdienstes – und beleuchtet dessen rasante Entwicklung von damals bis heute.

Wie war es eigentlich damals bei der Feuerwehr? „Retter der ersten Stunde“, die während ihrer Laufbahn zeitweise bei der Feuerwehr in Harburg stationiert waren, erzählen Kurioses, Unglaubliches und ihre spektakulärsten Rettungseinsätze wie das S-Bahn-Unglück am Berliner Tor von 1961 und die schwere Kesselexplosion auf dem Schiff „Anders Maersk“, die sie hautnah miterlebten.

Es ist Donnerstag, der 5. Oktober 1961. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk an der Ostseite stellt das Abfahrtsignal für die S-Bahn nach Bergedorf auf „Grün“. Die Bahn setzt sich in Bewegung. Was der Mann vergessen hat:
Auf dem Gleis steht ein Güterzug. Mit Tempo 70 rast die Bahn ungebremst auf den Zug. Stahlträger fressen sich durch den Waggon. 28 Menschen kommen zu Tode, etwa 100 werden zum Teil schwer verletzt.

30 Minuten später sind sechs Löschzüge der Feuerwehr, 40 Unfallwagen, sechs Krankenwagen und zwei Großraum-Krankenbusse zur Stelle. Mit dabei ist Rettungssanitäter Jürgen Peters, der damals erst drei Wochen auf dem Rettungswagen saß. „Es war furchtbar“, erinnert sich der Ex-Brandmeister (77). „Als wir am zwölf Meter hohen Bahndamm ankamen, taumelten uns schwer verletzte Menschen entgegen. Sie bluteten, sie waren geschockt. Sie schrien und riefen nach ihren Angehörigen. Diese Bilder vergisst man nie.“

Wie ein Stempel hat sich der Stahlträger durch das Innere der S-Bahn gefressen. Die Bergung der Opfer ist schwierig. „Wir kamen kaum an die Menschen ran. Wir hatten damals kein Bergungsgerät, weder Scheinwerfer noch Hydraulikscheren wie heutzutage“, sagt Peters. Mithilfe von Beilen und Taschenmessern versuchen Retter und Ärzte, eingeklemmte Menschen aus dem Metallgewirr in den S-Bahn-Waggons zu befreien. Einige Opfer werden sofort von Ärzten operiert, der Bahndamm wird zum Operationstisch.

Nach den schockierenden Erlebnissen erinnert sich Peters, dessen Sohn und Enkel heute ebenfalls bei der Feuerwehr arbeiten, besonders gern an kuriose Erlebnisse aus seiner Harburger Dienstzeit. „Der Brandmeister in Harburg war ein älterer Herr mit sehr eigenen Vorstellungen. Wenn wir Übungsdienst hatten, drehten wir mit dem Rettungswagen eine Runde auf dem Hof“, erzählt Peters. „Vom Brandmeister kam das Kommando ,Absitzen alle!’ – was wir drinnen aber nicht hören konnten.“ Die jungen Feuerwehrleute blieben im Wagen sitzen und hatten ihren Spaß – aber der Brandmeister war „not amused“.

Zwei Stunden dauerte in den Anfangszeiten die Ausbildung zum Rettungssanitäter. „Wir sahen einen Schockfilm aus dem Bergbau und man zeigte uns, was Erste Hilfe ist“, sagt Peters. Dann hieß es, ,den Rest erfahrt ihr auf dem Wagen’.“ Heute umfasst die Ausbildung zum Rettungssanitäter bei der Feuerwehr sechs Monate. Sie ist Teil der dreieinhalbjährigen Ausbildung zum Feuerwehrmann. Rund 200.000 Rettungseinsätze fährt die Hamburger Feuerwehr heute im Schnitt pro Jahr.

Wie man mit wenig Equipment in dramatischen Situationen zurechtkommen muss, hat auch Feuerwehrmann Hans-Werner Steffens, 69, erlebt. Er war einer der Retter bei der Explosion auf der „Anders Maersk“ am Freitag,
9. Januar 1979. Um 18.13 Uhr erschüttert ein dumpfer Knall den Ausrüstungskai von „Blohm & Voss“. Kurz darauf steigt Qualm von dem im Dock liegenden Schiffsneubau auf.

„Wir sahen von der Köhlbrandbrücke das in weiße Wolken gehüllte Schiff“, sagt Steffens. Als die Retter am Kai eintreffen, taumeln ihnen aus dem Nebel auf der Gangway Verletzte entgegen. „Sie hatten glasige Augen, ihre Haut hing in Fetzen herunter“, sagt Steffens. „Wir wussten zuerst gar nicht, was passiert war und wie wir mit den Menschen umgehen sollten.“

Eine 370 Grad heiße Verpuffung aus einem sechs Meter hohen Kessel, ausgelöst von herabtropfendem Diesel, hat zu den unfassbaren Verbrennungen geführt. „Wir versuchten, uns auf dem Boden rutschend auf dem 80 Grad heißen Schiff dem Kessel zu nähern“, sagt Steffens. Vergeblich: 15 Menschen im Umkreis des Kessels sind sofort tot, zwölf weitere erliegen wenig später ihren Verletzungen.

Dreienhalb Stunden dauert der Einsatz auf der „Anders Maersk“. Eine professionelle Einsatznachbereitung etwa durch Psychologen gab es damals noch nicht. Steffens: „Man hat vielleicht mit einem Kollgen geredet und mit der Frau. Das war’s.“

Aus seinen Harburger Zeiten bei der Feuerwehr in der Hastedtstraße erinnert sich Steffens an einen dramatischen Unfall, als in der Cuxhavener Straße einer seiner Kollegen beim Versuch, ein in Brand geratenes Getreidesilo zu sichern, ums Leben kam. „Der Feuerwehrmann war an einem Seil in das Silo abgelassen worden, um die Glut abzustechen“, sagt Steffens. Als es dem Mann im Silo zu heiß wird, versuchen die Feuerwehrleute, ihn nach unten durch den Trichter des Silos abzuseilen. Aber er verklemmt sich auf seiner Schaufel – und erstickt.

Ein glückliches Ende nimmt dagegen ein Überfall der „Hells Angels“ auf die Außenstelle der Rettungswache der Feuerwehr 1972 in Fischbek. „Wir waren schneller da als die Polizei“, sagt Steffens. Auf der Straße stehen die schwarzen Harleys der Rocker. Mit schweren Kuhfüßen bewaffnet stürmen die Feuerwehrmänner die Wache.

„Unser Einsatzleiter stellte sich hin und fragte, ,Wer ist euer Häuptling?’“ Der Anführer tritt vor. „Der Einsatzleiter hat sich dann mit dem Rockerboss ein paar Minuten unterhalten, und die Sache war erledigt“, sagt Steffens. Die „Hells Angels“, die in den 70er-Jahren noch ihre Kutten öffentlich tragen dürfen, ziehen ab. Übrigens: Auslöser des „Überfalls“ war angeblich ein „Techtelmechtel eines jungen Rettungssanitäters mit einer Rockerbraut“...