Revolution

Die Harburgerin, die den Döner neu erfand

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Lars Hansen
Aus einer guten Idee entwickelte Nürüyon Sarioglu die Dönertüte

Aus einer guten Idee entwickelte Nürüyon Sarioglu die Dönertüte

Foto: Lars Hansen / xl

Kebab in der Tüte, würzige Soßen auf dem Fleisch, Frauen hinter dem Tresen, bis spät geöffnet – die Döner-Queen-Chefin hat immer Ideen.

Harburg.  Es gehört schon etwas dazu, um den Döner neu zu erfinden. Eine Harburgerin hat es getan, und zwar schon zweimal: Vor 13 Jahren erfand Nürüyon Sarioglu die Dönertüte und einige Jahre später die Darreichung des Kebabs in der Kartoffel. Beides ist seitdem oft kopiert worden. Nürüyon Sarioglu ist eine Ur-Harburgerin, geboren und aufgewachsen im Viertel rund um die Marienstraße. „Hier ist meine Heimat“, sagt sie. „Wenn ich in der Türkei Urlaub mache, habe ich spätestens nach zwei Wochen Heimweh.“

Mit Imbissgastronomie hatte die Harburger Unternehmerin eigentlich wenig am Hut: Nürüyon Sarioglu hat eine kaufmännische Berufsausbildung genossen und führte mit ihrem Mann zusammen eine Gebäudereinigungsfirma. Die Gebäudereinigung betreiben die Sarioglus übrigens immer noch. „Wir haben immer hart gearbeitet“, sagt Mehmet Sarioglu, „in der Gebäudereinigung manchmal tage- und nächtelang durch, wenn große Objekte anlagen“. Dann kamen die Kinder, und Frau Sarioglu musste beruflich etwas kürzer treten. In dieser Phase erwachten ihr Erfindergeist und ihre Kreativität. In der heimischen Küche entstand zum Beispiel die berühmte Avocadosoße – die heutzutage auch viele Mitbewerber zu kopieren versuchen. Irgendwann kam Nürüyon Sarioglu dann die Idee zur Döner-Tüte.

„Ein Grund, warum Döner immer so ein Schmuddel-Image hatte, war, dass viele Leute den klassischen Döner im Brot nicht sauber essen konnten“, sagt sie, „und ich dachte mir: Wenn die Leute es schaffen, Pommes aus der Tüte sauber zu essen, muss das auch mit Döner gehen. Und wenn wir schon eine Art Pommestüte benutzen, können wir den Döner darin auch gleich mit Pommes frites servieren.“

So schlug Nürüyon Sarioglu eine Brücke zwischen deutscher (eigentlich belgischer) und türkischer Imbisskultur. Nur war es mit der Idee alleine ja nicht getan: Um das neue Produkt an die Kunden zu bringen, musste ein eigener Imbiss her – in einer Stadt wie Harburg, in der es vor Dönerbuden nur so wimmelte, ein unternehmerisches Risiko. Eines, das die Harburgerin einging. „Ich dachte mir, wenn ich es in Harburg schaffe, schaffe ich es überall.“

Sarioglu verkaufte spät abends noch Döner

Zusätzlich zur Dönertüte und zur Avocadosoße mussten weitere Merkmale her, mit denen sich der neue Imbiss von den alt eingesessenen abhob. Aber Nürüyon Sarioglu ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Zum einen ließ sie ihren Imbiss auch spät abends noch geöffnet, während damals alle anderen Dönerverkäufer spätestens um 22 Uhr die Klappe schlossen.

„Zum anderen haben wir von Anfang an darauf geachtet, dass bei uns alles sauber aussah, auch im Gastraum“, sagt sie. „Das liegt auch etwas an mir. Ich fühle mich nicht wohl, wenn meine Umgebung schmutzig ist und ich dachte mir, dass es den Gästen bestimmt genauso geht.“ Als Reinigungsprofis sorgten Nürüyon Sarioglu und ihr Mann Mehmet dafür, dass alle Arbeitsflächen im Imbiss und alle Flächen im Gastraum leicht sauber zu halten sind.

Frauen als Arbeitskräfte der größte Coup

Den allergrößten Coup – neben der Tüte – landeten die Sarioglus allerdings damit, dass sie Frauen einstellten. Nicht umsonst heißt der Laden „Döner Queen“. Das war vor 13 Jahren noch eine mittlere Sensation. Bis dahin kannte man nur Männer am Dönerspieß, die mit langen, schweren Messern vor dem heißen Vertikalgrill hantierten.

„Durch die elektrisch angetriebenen und elektronisch gesteuerten Messer, die wir benutzen, war das nicht mehr so eine Schwerarbeit“, sagt Mehmet Sarioglu. Vollautomatische Dönerschneidemaschinen sieht er allerdings kritisch: „Man muss auch ein Gefühl für das Fleisch haben, sonst wird der Döner nicht so lecker, wie bei uns.“

Mehr weibliche Kundschaft durch Frauen

Frauen hinter dem Verkaufstresen gefielen nicht jedem: „Vor allem einige türkische Männer waren dadurch sehr verunsichert“, erinnert sich Nürüyon Sarioglu, „aber dadurch, dass wir Frauen hinter dem Tresen haben, haben wir auch viel mehr weibliche Kundschaft, als andere Dönerimbisse.“

Noch heute achtet sie darauf, dass zumindest in der Woche stets eine weibliche Kraft mit im Imbiss ist. „Nur am Wochenende bekommen wir das nicht immer hin.“ So viel Neues lockte die Scharen: „Zu Anfang standen die Leute in langen Schlangen bis um die Straßenecke herum“, erinnert sich Nürüyon Sarioglu. „Das Fernsehen war auch mehrmals da.“

Ganz so drängelig ist es nach 13 Jahren nicht mehr, aber der Imbiss am Schlossmühlendamm brummt immer noch. Eine Filiale in Winterhude haben die Sarioglus wieder aufgegeben – die Entfernung raubte zu viel Zeit. Aber im Winterhuder Imbiss entstand die Idee, Döner in der Backkartoffel zu servieren und verbreitete sich von dort aus schnell in ganz Hamburg.

Dönertüte wurde von anderen kopiert

Demnächst soll der Kartoffelofen aus Winterhude in Harburg zu neuem Leben erwachen. Aber auch ohne die Winterhuder Filiale haben die Sarioglus viel zu tun: Außer der Döner-Queen betreibt die Familie noch eine Postfiliale, ihre Reinigungsfirma und besitzt Immobilien.

Die Dönertüte hat mittlerweile zahlreiche Nachahmer gefunden und neue Namen erhalten: Döner-Box oder Pomm-Döner, zum Beispiel. Eigentlich wollten die Sarioglus ein Patent auf die Dönertüte anmelden, scheiterten aber an einem Formfehler: Sie hatten farbige Illustrationen beigefügt. Erlaubt waren seinerzeit nur Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Aber sie befinden sich damit in guter Gesellschaft: Auch das berühmte Berliner Currywurst-Patent blieb lediglich ein Antrag.

Klassischen Döner im Brot und die in dünne Teigfladen eingerollte Variante gibt es bei der Döner-Queen selbstverständlich auch. Nicht selbstverständlich: „Pide-Brot und Dürum-Fladen backen wir selbst“, sagt Nürüyon Sarioglu, „so wissen wir, dass es gut ist.“

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