Harburg
Neu Wulmstorf

„Bei Krankheit reicht ein Anruf oder eine SMS“

Interview mit Neu Wulmstorfs Bürgermeister Wolf Rosenzweig (r.), Klaus Priewe, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Ordnung und Soziales sowie Pressesprecherin Sandra Lyck

Interview mit Neu Wulmstorfs Bürgermeister Wolf Rosenzweig (r.), Klaus Priewe, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Ordnung und Soziales sowie Pressesprecherin Sandra Lyck

Foto: Bianca Wilkens / HA

Neu Wulmstorf will die familienfreundlichste Gemeinde des Landkreises Harburg werden.

Hamburger Abendblatt : Herr Rosenzweig, es heißt, Neu Wulmstorf sei eine familienfreundliche Gemeinde. Was genau bedeutet das? Was versteht Neu Wulmstorf unter Familienfreundlichkeit?

Wolf Rosenzweig: Viele denken bei Familienfreundlichkeit lediglich an das Bündnis für Familie, aber für uns bedeutet Familienfreundlichkeit mehr: Familie ist ein weitgefasster Begriff, wir definieren das Miteinander aller Generationen von den Enkeln bis zu den Großeltern als Familie (Klaus Priewe holt ein Papier hervor, auf dem 15 Kreise abgebildet sind mit jeweils insgesamt mindestens ebenso vielen Unterpunkten. Die Auflistung reicht von der Spiel- und Bolzplätzen über Kinderbetreuung bis zur Leseförderung, aber auch der öffentliche Nahverkehr und die Wirtschaftsförderung zählen dazu).

Klaus Priewe: Da ist zum Beispiel der Betreuungs-Engpass-Notruf, B.E.N. Wenn eine Notsituation jemanden vom Sockel haut, man beispielsweise nicht weiß, wie man das Kind aus der Kita abholen soll, reicht ein Anruf oder eine SMS. Innerhalb kurzer Zeit springt ein Betreuer von B.E.N ein und kümmert sich um das Kind oder den pflegebedürftigen Angehörigen. Gut ist, wenn man sich vorher kostenlos angemeldet hat und alle wichtigen Dinge bereits geklärt sind.

Wolf Rosenzweig: Bei uns ist ein Spielplatz auch nicht nur ein Spielplatz, sondern jeder hat ein eigenes Thema. Bei dem einen geht es um Ritter, beim nächsten um Piraten und beim dritten um Max und Moritz.

Sie haben das Ziel ausgerufen, die familienfreundlichste Gemeinde des Landkreises Harburg zu werden. Wie will Neu Wulmstorf das schaffen?

Wolf Rosenzweig: Die Politik muss sich damit zunächst noch auseinander setzen. Vor zehn Jahren haben wir im Zuge des Kommunalwahlkampfes in der Verwaltung die Idee entwickelt, Familien zu stärken. Das ist bei der Politik auf fruchtbaren Boden gestoßen. Im Laufe der Jahre haben wir viele Dinge entwickelt, zum Beispiel eine Begrüßungskultur. Jedes Kind, das in unserer Gemeinde neu geboren wird, bekommt ein Begrüßungspaket mit einem Wegweiser und mehreren Broschüren zum Thema Familie. Es ist eine Art Survival-Päckchen, das Ehrenamtliche den frisch gebackenen Eltern überreichen. Jeder Neubürger erhält natürlich ebenfalls bereits bei der Anmeldung umfangreiches Informationsmaterial. Es gehören auch Dinge, an die man nicht direkt denkt, zur Familienfreundlichkeit, zum Beispiel die Wirtschaftsförderung. Wer in Hamburg in der City Nord arbeitet, fährt genauso lange wie er arbeitet. Deshalb bemühen wir uns darum, wohnortnahe Arbeitsplätze schaffen.

Gerade für Neu Wulmstorf sind wohnortnahe Arbeitsplätze aber ein schwieriges Thema, da es an Flächen für Gewerbeansiedlung fehlt.

Wolf Rosenzweig: Das ist immer schwierig. Aber warum siedeln sich die Betriebe an? Es geht dabei auch um so genannte weiche Standortfaktoren. Wir bieten alle Schultypen, ausreichend Kindergartenplätze sowie ein Frei- und Hallenbad.

Was aber hat Neu Wulmstorf, was andere nicht haben, um sich von den anderen Gemeinden und Städten im Kreis in der Familienfreundlichkeit abzusetzen?

Wolf Rosenzweig: Wir sind hier nicht im Wettstreit mit Buxtehude oder Hamburg. Das wäre auch ein bisschen absurd. Ich halte nicht viel davon, auf andere zu schielen. Das gilt auch für andere Bereiche. Wir werden in Neu Wulmstorf kein Stackmann-Kaufhaus bekommen und auch keine Empore. Wir sollten uns vielmehr darauf konzentrieren, was wir haben, was wir können und brauchen. Wir wollen die Familienfreundlichkeit erhöhen, damit sich noch mehr Familien in Neu Wulmstorf wohl fühlen. Das ist erstmal unser Ziel und zeigt, dass wir bereit sind, an Stellschrauben zu drehen.

Welche Schritte wollen Sie dafür konkret unternehmen?

Klaus Priewe: Einer der Schwerpunkte ist die Kinderbetreuung. Unsere Versorgungsquote im Krippenbereich liegt bereits bei 60 Prozent, im Elementarbereich besucht fast jedes Neu Wulmstorfer Kind eine Kita. Wir merken aber, dass das nicht reicht und planen deshalb mehrere neue Einrichtungen. Darüber hinaus entsteht das Familienzentrum mit Beratungs- und Bildungsangeboten, dem Mehrgenerationenhaus und ebenfalls einer Kita. Das ist unser Anspruch, um die Veränderungen in der Gesellschaft aufzugreifen.

Wolf Rosenzweig: Es ist ein ständiger Prozess. Es kommt immer wieder etwas Neues dazu. Vor vier Jahren wurden wir zum Beispiel bundesweit als eine von fünf Kommunen zum Pilotprojekt des Bundesfamilienministeriums auserkoren. In dem Screening des Ministeriums fielen wir auf, weil wir auf dem Feld Familienfreundlichkeit besonders aktiv sind. Als Nächstes geht es vor allem darum, die Schulstruktur zu reformieren.

Sie meinen, den geplanten Wechsel von Grundschule am Moor in das Gebäude der Hauptschule und andersherum?

Wolf Rosenzweig: Ja, wenn wir die Schulen räumlich so umorganisieren, haben wir mehr Möglichkeiten, aus den Grundschulen Ganztagsschulen zu machen. Zurzeit haben wir keine einzige Ganztagsschule in der Gemeinde. Für die Eltern ist es nicht zu verstehen, dass die Nachmittagsbetreuung in der Kita funktioniert, in der Schule dann aber nicht mehr.

Aber es wird zurzeit eine Nachmittagsbetreuung an den Schulen angeboten, oder?

Klaus Priewe: Ja, dafür wurde der Trägerverein Heidemoor gegründet, der sich um die Betreuung am Nachmittag kümmert. Das war auch eine Initiative der Gemeindeverwaltung. Die Kinder können an zwei bis fünf Tagen bis 17 Uhr in den Grundschulen am Moor und an der Heide bleiben.

Wolf Rosenzweig: Das zeigt, wir werden aktiv. Wir versuchen, die Probleme zu lösen. Zur Familienfreundlichkeit gehören neben der Kinderbetreuung in unserer Gemeinde auch das Freizeitangebot, das Hallen- und Freibad, wie gesagt, aber auch das Jugend- und Veranstaltungszentrum Blue Star in Neu Wulmstorf und der Jugendtreff Insider in Elstorf. Zudem gibt es 22 öffentliche Spielplätze, darunter acht Bolzplätze und einen neuen Skatepark. Das kommt nicht vom Himmel geschneit und kostet viel Geld. Außerdem feilen wir ständig an besseren Bustouren. Es ist ein eng verwobenes Netz mit vielen Punkten.

Wie gelingt die Umsetzung der vielen Punkte? Worauf kommt es besonders an?

Wolf Rosenzweig: Auf die Kreativität und die Vernetzung. In unserem Haus setzen sich die Kollegen aus den Bereichen, beispielsweise Bau, Wirtschaftsförderung und Soziales an einen Tisch und arbeiten Lösungen heraus. Hinzu kommt die hohe Bereitschaft der Politik, sich für das Thema einzusetzen. So viele Krippenplätze bereitzuhalten, ist nicht selbstverständlich (aktuell sind es 153 Krippenplätze, d. Red.). Es ist ein Wechselspiel zwischen Vereinen, Politik, Ehrenamt und Verwaltung, das sehr lebendig und breit gefächert ist.