Harburg
Harburg

Der Mann, der 120 Sprachen spricht

Uwe Westphal kann 120 Vogelstimmen imitieren. Die des Sperlings gehört natürlich  dazu

Uwe Westphal kann 120 Vogelstimmen imitieren. Die des Sperlings gehört natürlich dazu

Foto: Uwe Westphal

Der Biologe und Buchautor Uwe Westphal kann 120 Vogelarten imitieren. Sein Wissen über die Natur teilt er auf Rundgängen.

Ist es hier nicht elfenhaft?“, fragt Uwe Westphal. Der Maschener ist ganz aus dem Häuschen. Die Begeisterung des promovierten Diplombiologen rührt daher, dass wir uns gerade aufhalten, wo er sich am meisten zu Hause fühlt: Draußen. In der Natur. Wir durchstreifen gemeinsam den Harburger Stadtpark. Im strengen Sinne ist das natürlich keine Natur, sondern von Menschenhand geschaffene Kulturfläche. Aber hier, am südlichen Rand nahe des Langenbeker Wegs, hat man die Anlage teils sich selbst überlassen, teils renaturiert. Hier wuchert Wildnis mitten in der Stadt.

Die Engelbek plätschert leise über aufgeschichtetem Geröll, windet sich strudelnd durch die feuchte Aue. Am Ufer türmen sich Brombeerranken meterhoch zu undurchdringlichem Dornengestrüpp. Totholz umgestürzter Bäume verbreitet Modergeruch. Hoch aufgeschossene Erlen und Haseln verschränken ihre Zweige so dicht, als wollten sie uns Menschen aussperren.

Dieser kleine Verhau nur ein paar Meter abseits des Pfades ist ein Paradies für allerlei Getier, das Nahrung und Deckung sucht. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Rehe hat Uwe Westphal an dieser Stelle auch schon gesehen. Als passionierter Ornithologe interessiert er sich besonders für Vögel.

Seine geübten Augen entdecken auch die unscheinbarsten Piepmätze im undurchdringlichen Gebüsch. Er vermag die einzelnen Stimmen zu differenzieren, während ein Laie wie ich allenfalls einen Klangteppich wahrnimmt. Die erste Lektion, die Teilnehmer von Uwe Westphals vogelkundlichen Führungen lernen, lautet deshalb: Hören will geübt sein.

Am Anfang seiner Touren steht eine Hörmeditation. Ich schließe auf Geheiß die Augen und versuche, mich auf Geräusche aus einer bestimmten Richtung zu konzentrieren. Ein Vogel singt besonders laut. „Meinen Sie den?“, fragt Westphal. Und pfeift, fiept, zwitschert und tiriliert genauso wie der echte Vogel. Er trillert mit allem, was sich am menschlichen Sprachapparat bewegen lässt.

Mit Lippen, Wangen, Zunge und Kehlkopf. Sogar mit dem Gaumenzäpfchen versetzt er die Luft in Schwingungen. „Das ist das Ergebnis lebenslanger Übung“, erklärt der Vogelstimmen-Imitator seinem staunenden Gegenüber. Uwe Westphal ist ziemlich bekannt. Er hat CDs und Bücher heraus gebracht, ist im Radio zu hören und auch im Fernsehen und auf Bühnen tritt er regelmäßig auf. Er versteht es, die Lautäußerungen von 120 Vogelarten nachzuahmen.

„Das eben war ein Zaunkönig. Misst vom Schnabel bis zum Schwanz nur 9,5 Zentimeter, erreicht aber bis zu 90 Dezibel Schalldruck. Wissen Sie auch, woher der Zaunkönig seinen Namen hat?“ Er erzählt mir das Märchen von Hans Christian Andersen. Auf die Fabel folgen im Plauderton fachliche Erklärungen. Ich erfahre, dass der männliche Vogel wie ein echter Monarch Mätressen habe, aber nur der Königin bei der Aufzucht der Jungen helfe.

Und dass der biologische Zweck dieser Vielweiberei darin bestehe, mit möglichst zahlreichem Nachwuchs die dezimierende Wirkung starker Winter auszugleichen. „Der Zaunkönig bleibt das ganze Jahr über hier, obwohl er Insekten frisst. So klein und wendig wie er ist, findet er auch in der kalten Jahreszeit immer noch eine Larve.“

Uwe Westphal imitiert noch einmal den Zaunköniggesang. Nur fasst er die Lautfolgen diesmal in Worte. „I-i-ich bin der König!“, fistelt er dreimal im Falsett, bevor er dem gefiederten Vorbild gemäß etliche andere Phrasen folgen lässt. Ob Zilpzalp, Singdrossel oder Goldammer – für jedes Gesangsmotiv hat er eine lustige „Übersetzung“ des Gezwitschers parat, die es mir erleichtert, mir Melodie, Tonlage und Rhythmus einzuprägen. „Meine Führungen sollen ja ein fröhliches Lernerlebnis sein. Ich nenne es ‚Naturetainment‘. Das Wort ist zwar ein fürchterlicher Anglizismus, aber es beschreibt mein Konzept unterhaltsamer Wissensvermittlung sehr gut“, sagt Uwe Westphal.

Wenn er Vogelgesang imitiert, dannnur zu Demonstrationszwecken

Wenn er Vogelgesang in der Natur imitiert, dann ausschließlich zu Demonstrationszwecken. Niemals würde er sein außergewöhnliches Können oder – schlimmer noch – Tonträger einsetzen, um Vögel anzulocken. „Das hat mit Demut und Respekt der Kreatur gegenüber zu tun.“ Ein vermeintlicher Konkurrent könne die kleinen Sänger derart aufregen, dass ihnen nicht mehr genügend Aufmerksamkeit für tatsächlich vorhandene Gefahren bliebe, erklärt Uwe Westphal.

Er weiß so viel über die Natur, weil er sie liebt. Und umgekehrt mag er alles was kreucht und fleucht, weil er so viel darüber weiß. Der Mensch neige dazu, fremde, unverstandene Wesen – zuweilen auch der eigenen Art – gering zu achten oder überhaupt nicht wahrzunehmen, erläutert er mir. „Ich möchte erreichen, dass die Teilnehmer meiner Exkursionen ihre Umwelt mit anderen Augen sehen.“