Harburg
Dibbersen

Die internationale Rasselbande

Auf dem Spielplatz von Hagenbeck hatten deutsche und irakische Kinder viel Spaß miteinander

Auf dem Spielplatz von Hagenbeck hatten deutsche und irakische Kinder viel Spaß miteinander

Foto: Gudrun Eschment-Reichert / HA

Charlotte und Paula aus Dibbersen haben neue Freundinnen: Heleen und Hayen, die mit ihren Eltern aus demIirak geflüchtet sind.

Dibbersen.  Befreundet sind Paula Lüders und Charlotte Horak „schon immer“. Kein Wunder, sie sind Nachbarn und ihre Mütter sind Cousinen. Die beiden Mädchen aus Dibbersen, neun und zehn Jahre alt, haben aber seit ein paar Monaten neue Freundinnen: Heleen und Hayen.

Die beiden Mädchen sind aus dem Irak mit ihrer Familie nach Dibbersen gekommen und wohnen nun mit ihren Eltern und drei jüngeren Geschwistern in der Unterkunft an der Harburger Straße. Dort sind auch Charlotte und Paula jetzt öfter anzutreffen, denn fast jeden Tag treffen sie sich zum Spielen.

Das Kennenlernen lief völlig unkompliziert. „Meine Oma war bei einem Info-Treffen, dort hat sie erfahren, dass Flüchtlinge aus dem Irak kommen“, berichtet Paula. Es gab dann ein Kennenlern-Treffen in der Dibberser Mühle, ein Globus wurde mitgebracht, um zu zeigen, von wo nach wo die Reise ging. „Wir wollten wissen, wie alt sie sind und wo sie herkommen“, sagt Charlotte.

Schon bald darauf fuhren die Mädchen gemeinsam mit dem Schulbus zur Buchholzer Heideschule, wo Charlotte und Paula die vierte und Heleen und Hayen die dritte Klasse besuchen. Deren Geschwister Amar und Haveen gehen in Dibbersen in den Kindergarten, Havana ist kürzlich ein Jahr alt geworden. Zur Feier waren Paula und Charlotte eingeladen. Manchmal kommen Heleen und Hayen auch zu Besuch, in Dibbersen sind die Wege kurz und eine große Straße muss auch nicht überquert werden.

Obwohl die irakischen Mädchen noch nicht viel Deutsch sprechen, klappt die Verständigung gut. „Meistens sind sie ohnehin nur am Kichern“, sagt Charlottes Mutter Stefanie Horak. Und ist der kulturelle Unterschied wirklich so groß? Keineswegs: „Sie kennen auch so eine Art Mensch-ärgere-dich-nicht“, sagt Charlotte, und Paula ergänzt: „Uno kennen sie auch.“

Jassir, der Vater der Mädchen, sagt, dass ihr Heimatort so groß wie Buchholz war. Er hatte sein Haus gerade schön hergerichtet, dann wurde es im Krieg zerstört. Seit 19 Monaten ist die Familie in Deutschland, seit Jahresende in Dibbersen. Inzwischen hat sie eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis. Die Familie empfängt die Mädchen aus Dibbersen mit großer Gastfreundschaft.

Dabei gibt es auch Überraschungen. „Einmal haben sie uns einen Teller mit ganz, ganz scharfen Chips hingestellt“, sagt Charlotte. „Die Kleinen haben die einfach so gegessen.“ Und die Mädchen aus Dibbersen haben auch schon Verbesserungsbedarf festgestellt: Für die kleineren Kinder gibt es Bobbycars und ähnliches. Für die großen Mädchen aber fehlten Roller oder Fahrräder.

Da haben Paula und Charlotte kurzerhand vor Ostern Kekse gebacken und in der Nachbarschaft verkauft. „91 Euro haben wir eingenommen“, sagt Charlotte stolz. Manchmal müssen sie auch den Erwachsenen Tipps geben, etwa als Heleens und Hayens Mutter wissen wollte, wo man gefärbte Eier kaufen kann.

Dibbersens Ortsbürgemeisterin Gudrun Eschment-Reichert ist sehr angetan vom Engagement der Mädchen. „Aber sie selbst engagiert sich auch außerordentlich viel“, sagen Charlottes und Paulas Mütter. In den Osterferien hatte die Ortsbürgermeisterin die Kinder zu einem Ausflug zu Hagenbecks Tierpark eingeladen.

Jetzt hocken die Kinder um einen Tisch herum und üben deutsche Tiernamen wie Krokodil oder Elefant mit Margret Stöver, eine Lehrerin, die ehrenamtlich Hausaufgabenhilfe erteilt. Wie sich herausgestellt hat, mögen Heleen und Hayen Tiere sehr gern, sie hatten früher Ziegen und Hühner. „Und Heleen liiiebt Katzen“, sagt Charlotte, deren Katze nun öfter als ihr lieb ist gekrault wird.

Aber Streit gab es in der internationalen Dibberser Rasselbande noch nie. „In unserer Einrichtung in Dibbersen leben insgesamt elf Kinder aus drei Familien“, sagt die Ortsbürgermeisterin. Nicht alle sind beim Fototermin dabei: „Ein Kind ist gerade von einer Familie zum Sport mitgenommen worden. Das läuft hier einfach so.“

Paula und Charlotte werden nächstes Jahr die Schule wechseln, aber das soll die Freundschaft zu den irakischen Mädchen nicht stören. „Wir fahren ja weiter zusammen im Schulbus und sehen uns nachmittags“, sagen sie. Einen sozialen Beruf ergreifen wollen sie übrigens später nicht. Aktuell steht Innen-Designerin ganz hoch im Kurs...