Harburg
Altenwerder

Die Kirche ist im Dorf geblieben

Anziehungskraft der St. Gertrudkirche in Altenwerder ist größer denn je – auch zu Ostern

Altenwerder. Der Kampf war langwierig, schmerzhaft, kräftezehrend. Doch es hat sich gelohnt: Die St. Gertrudkirche ist im Dorf geblieben, auch als es das schon lange nicht mehr gab: Altenwerder wurde 1978 im Zuge der Hafenerweiterung plattgemacht. Aber nicht die Kirche: auf einem schmalen Grünstreifen zwischen Containergebirgen und der A 7 steht sie, gut sichtbar für jeden, der auf der Autobahn unterwegs ist. Ein Fels in der Brandung, eine Oase mitten im Hafen, deren Anziehungskraft heute größter ist denn je – zu beobachten wieder während der Gottesdienste an Karfreitag und Ostersonntag, Beginn 9.30 Uhr.

Die Altenwerder Kirche ist nicht nur Gotteshaus, sondern auch Denkmal, Mahnmal, Dokumentationsstätte und Treffpunkt der ehemaligen Dorfbewohner. 2500 Menschen lebten einst in Altenwerder. „Ein sehr ländliches, idyllisches Leben“, sagt Pastor Dirk Outzen, 49, der seit 2001 einer von drei Pastoren ist, die hier an jedem 2. und 4. Sonntag sowie an allen Festtagen Gottesdienste abhalten. Die St. Gertrudkirche gehört zur Thomasgemeinde Hausbruch, ist im Besitz der Hamburg Port Authority und steht längst unter Denkmalschutz.

Für die ehemaligen Bewohner des Dorfes Altenwerder ist sie nach wie vor ein Stück Heimat. Die Verbindung unter denjenigen, die hier ihre Wurzeln haben, ist noch immer eng. Das zeigt sich beim Kirchencafé, das jeweils auf Festtagsgottesdienste – wie beispielsweise Ostersonntag – folgt: „Da bleiben alle da“, sagt Pastor Outzen. Und weil es kein Gemeindehaus gibt, wird die Kaffeetafel in der Kirche gedeckt. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass die Anziehungskraft der Altenwerder Kirche beständig wächst – und das, obwohl die Zahl der ehemaligen Dorfbewohner naturgemäß rückläufig ist.

Sogar die Zahl der Mitglieder des Fördervereins ist inzwischen auf 180 angewachsen: „Als ich vor zehn Jahren den Vorsitz übernahm, waren es 74“, sagt Anneliese Schauberg, 63. Bis 1975 hat sie mit ihrer Familie in Altenwerder gelebt: „Eine unbeschwerte, herrliche Zeit.“ Regelmäßig bietet sie Kirchenführungen an und staunt, wer da so alles kommt: Touristengruppen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind, Schulklassen, Gruppen der Volkshochschulen. Sogar für Betriebsausflüge wird sie gebucht. Was sie all diesen Besuchern mitgibt: „Diese Kirche lebt.“ Und, das ist ihr ein besonderes Anliegen: „Sie ist auch ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen.“ In diesem Zusammenhang erinnert Schauberg an Elisabeth Schwartau, 86, die frühere Küsterin der Kirche von Altenwerder, die sich, neben anderen, besonders engagiert für den Erhalt der Kirche eingesetzt hat.

Über Altenwerder ist viel geschrieben worden. Es ging um das taktische Verhandeln der Stadt um die Hafenerweiterung, das Hoffen und Bangen der Dorfbewohner und die Opfer, die das alles forderte: Manche wurden todkrank darüber, Familien entzweiten sich, Freundschaften gingen kaputt. Und dann passierte, nachdem das Dorf und seine Menschen weg waren, zwei Jahrzehnte gar nichts: Altenwerder galt als schützenwertes Biotop. Als es dann 1998 mit dem Aufspülen losging und 2002 der Containerterminal schließlich in Betrieb genommen wurde, war das für die ehemaligen Dorfbewohner eine Erleichterung. „Sie wussten endlich wieder, wofür sie das alles hatten auf sich nehmen müssen“, sagt Pastor Outzen.

Wer damals dabei war, hat nichts davon vergessen. Doch heute kommen zunehmend Menschen hierher, die selbst gar nicht mehr zu dieser Schicksalsgemeinschaft gehören. Für die sich all diese Geschichten vielmehr verdichtet haben zu einer Hamburgensie, die angetan sind, von dem ganz besonderen Charme dieser Kirche. Allein schon die Fahrt dorthin. Wer sich an einem ganz normalen Wochentag mit einem ganz normalen Auto auf den Weg zur St. Gertrudkirche macht, kommt sich vor, wie auf eine andere Daseinsebene gehievt – mit dem einzigen Pkw unterwegs in einem Endlos-Konvoi schwerer Lkw. Skurril ist das, sehr besonders. Und genau das, was viele suchen: In der Kirche werden Taufen, Konfirmationen und Trauerfeiern begangen. Immer öfter auch Hochzeiten. Zwischen 20 und 30 Trauungen sind es inzwischen jedes Jahr. Pastor Outzen erinnert sich an ein Brautpaar aus Frankfurt. Die Braut hatte als Kind regelmäßig ihre Oma in Pinneberg besucht. Die Fahrt auf der Autobahn führte jedes Mal an der St. Gertrudkirche vorbei. Und obwohl das Mädchen die Kirche nur von außen kannte, beschloss es mit 10 Jahren: „Wenn ich mal heirate, dann hier.“ Und so ist es auch gekommen.

Ein Kranführer von CTA (HHLA Container Terminal Altenwerder), der während seiner Pausen gerne den Blick von oben auf die Kirche genießt, war genauso angetan: auch er wurde inzwischen von Pastor Outzen in der St. Gertrudkirche getraut. Brautpaar, die in Altenwerder heiraten, haben auf einer Wiese gleich neben der Kirche inzwischen eine staatliche Anzahl von Bäumen der Hoffnung, meist Apfel- oder Birnenbäume gepflanzt. Auch das eine Besonderheit dieser Kirche: alle zwei Jahre werden sie eingeladen zu einem Come together, wie es neudeutsch heißt: gemeinsames Erinnern in fröhlicher Runde an den Tag, der vielen als der schönste des Lebens gilt. Ein Ritual, das aktuell ein wenig hakt, denn die Wiese ist voll, für neue Bäume reicht der Platz nicht. Jetzt wird mit der Hamburg Port Authority verhandelt, damit bald zusätzliche Grünflächen für Bäume der Hoffnung bereitgestellt werden können. Überhaupt Hoffnung: die ist mit Altenwerder ja mindestens so eng verknüpft wie mit Eheschließungen.