Harburg
Harburg

Anständig streiten ist in der Partnerschaft gesund

Ein junges Paar schreit sich an. Zumindest wirde der gegenseitige Ärger nicht heruntergeschluckt

Ein junges Paar schreit sich an. Zumindest wirde der gegenseitige Ärger nicht heruntergeschluckt

Foto: picture alliance / HA

Adolphsens Einsichten. Der Pastor (a.D.) findet, regelmäßiger Zwist zwischen Partnern muss nicht unbedingt etwas Schlimmes bedeuten.

Harburg. Ein älteres Paar sitzt in der Bahn. Sie mäkelt an ihm herum, zieht seine Jacke zurecht: „Du hast dich schon wieder bekleckert! Und dieses Hemd! Das passt weder zur Jacke noch zur Hose.“ Er schweigt. Man könnte Mitleid mit ihm haben. Dann platzt er: „Immer meckerst du und zerrst an mir herum. Lass mich in Ruhe mit deiner pene­tranten Art.“ Der Streit wird heftiger. Gegenseitige Beschimpfungen wie Schüsse aus Gewehren. Die Mitreisenden schütteln die Köpfe. Und sind genervt. Ich auch. Und verlasse das Abteil. Zu viel Zoff.

Aber man kann das auch anders sehen. Wenn ein in die Jahre gekommenes Paar sich streitet, ist das noch kein Grund, eine baldige Scheidung zu befürchten. Auch wenn eine solche Auseinandersetzung herzlich wenig kon­struktiv ist. Aber ein regelmäßiger Zwist ist immerhin ein Zeichen dafür, dass die beiden einander nicht völlig egal und gleichgültig sind. Sie haben noch Gefühle füreinander, wenn auch überwiegend negative.

Gefährlich wird es erst, wenn zwei – ob älter oder jünger – Ärger und Wut ständig runterschlucken. Wenn die Macken des einen und die so emotionalen Ansichten der anderen keinen Widerspruch mehr finden, dann ist die Luft schon länger aus einer dynamischen Beziehung raus.

Wenn gar die Achterbahnfahrten von Vorwürfen und Beleidigungen ein Dauerzustand sind und zum gegenseitigen Zerfleischen führen, dann steht die Ampel auf rot. Das gilt besonders für jüngere Paare, die mit ihren Kindern unter einem Dach leben. Kinder sind sehr sensibel und verletzlich. Sie haben ein feines Gespür dafür, ob die Beziehung zwischen ihren Eltern stabil oder gefährdet ist. Sie vertragen keine Machtspiele, um die es beim Streiten meistens geht.

Man kann in einer Beziehung nicht immer einer Meinung sein, aber man sollte sich bemühen, sich in kontrollierter und konstruktiver Weise auseinander zu setzen, also gut und anständig zu streiten. Und an konstruktiven Auseinandersetzungen zu arbeiten. Es ist auch gesünder, einander Respekt zu zollen oder – gut biblisch – einander zu ehren. Der dauernde Kampf bis aufs Blut schädigt nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen auch den den Körper. Jeder harte Konflikt hinterlässt Spuren.

Das haben Wissenschaftler einer Universität in den USA herausgefunden. Sie haben Paare zu einem Experiment eingeladen. Ihnen wurden – natürlich mit ihrer Zustimmung – kleine Wunden an den Armen zugefügt. Im ersten Fall wurden die Paare von Psychologen beraten, wie sie typische Probleme ihrer Beziehung lösen können. Im zweiten Durchgang lenkten die Wissenschaftler das Gespräch auf besonders heikle Paarthemen. Sie legten es bewusst darauf an, dass sich eine aggressionsgeladene Diskussion entwickelte.

Wie hält man es mit Entschuldigungen, mit Verzeihen und Vergeben?

Die Paare, die Hilfestellung im Gespräch erfahren hatten, verhielten sich im Streit besonnen. Ihre Wunden an den Armen heilten schneller als bei jenen, die sich angifteten und niedermachten. Verlief die Auseinandersetzung sehr verletzend, war der Spiegel der Stresshormone noch am nächsten Morgen erhöht. Das Immunsystem war geschwächt, die Blutgerinnung blieb über Stunden beeinträchtigt. Ein klarer Beweis, dass man destruktives Streiten vermeiden muss und konstruktives üben und lernen kann!

Darum ist Vorsicht geboten bei dem Gebrauch scharfer Waffen im Beziehungskampf. Das sind die permanenten Beleidigungen, verbalen Schläge in die Magengrube, die direkten Angriffen gegen die Person Aber auch die Generalisierungen und Pauschalisierungen: „Du machst das immer (!) so!“ „Nie (!“) hörst du mir zu!“ „Du bist immer (!) so rechthaberisch!“

Noch schlimmer, weil dabei nicht zwischen dem Streitgrund und der Person des anderen unterschieden wird: „Du bist (!) genau wie deine Mutter / dein Vater.“ „Du verhältst dich mir gegenüber wie gegenüber deinem Ex-Mann.“ Pauschalisierungen nageln den anderen fest. Und Personalisierungen nehmen dem anderen die Luft zum Atmen.

Klüger ist es, statt der „Du-Sätze“ lieber „Ich-Sätze“ zu gebrauchen: „Ich habe Mühe damit, wie du dich verhalten hast.“ „Es hat mich verletzt, was du gesagt hast.“ Noch klüger ist es, die Auseinandersetzung mit einem Lob zu beginnen und nicht gleich den/die andere(n) mit geballter Kritik zu verletzen. Die große Gefahr beim Streiten ist, dass durch eine emotional aufgeladene Kritik der/die Kritisierte entwertet wird, sich verachtet fühlt und daher nur noch Abscheu empfindet. Damit hätte der tägliche Krieg die höchste Eskalationsstufe erreicht: Der/die andere wird aggressiv bekämpft und fertiggemacht .

Aber wie sollen wir es mit Entschuldigungen halten, mit Verzeihen und Vergeben? Das bleibt ein hohes und eigentlich von allen ersehntes Ziel. Aber ein zu eiliges Verzeihen hilft nicht. Die Bitte um Entschuldigung braucht Zeit. Der Partner soll spüren, dass der andere verletzt ist. Konflikte in einer Harmonie-Soße zu ertränken, bewirkt vielleicht momentane Entspannung, aber keinen ehrlichen und tragfähigen Frieden. Die Arbeit verletzter Seelen ist Schwerstarbeit.

Dennoch haben meine Frau und ich haben gute Erfahrungen gemacht mit einem klugen biblischen Spruch: „Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn.“ Wenn der Zorn noch in mir nagt, ich mich eigentlich aber viel lieber vertragen würde, dann sich im Bett nicht auf die andere Seite drehen und einschlafen.

Die böse Folge wäre dann am nächsten Morgen – wie oben beschrieben: noch störende Stresshormone, ein geschwächtes Immunsystem… Lieber klug sein, sich vertragen und am nächsten Morgen beschwingt aufstehen.