Harburg
Zeitgeist

Fahrradfahrer und die neue Lust an der Last

Andreas Frey zeigt vor dem Fahrradhandel „Velo 54“ in der Veringstraße das Modell „Pino“ des Herstellers Hase. Das Besondere: Zwei Erwachsene können darauf fahren

Andreas Frey zeigt vor dem Fahrradhandel „Velo 54“ in der Veringstraße das Modell „Pino“ des Herstellers Hase. Das Besondere: Zwei Erwachsene können darauf fahren

Foto: Thomas Sulzyc

Räder für Gepäck erobern in Wilhelmsburg ihren Platz im Straßenbild. Meistens werden sie für Kinder genutzt.

Wilhelmsburg.  Junge Familien in Hamburgs Fahrradmodellstadtteil Wilhelmsburg entdecken die Lust an der Last: Transportfahrräder erobern zunehmend ihren Platz im Straßenbild. Einen Anteil daran dürfte das Fachgeschäft Velo 54 haben. Vor zwei Jahren hat es in dem quirligen Reiherstiegviertel eröffnet, in dem viele Studenten und Kreative leben. Der Laden der drei Wilhelmsburger Hannes Leitner, Tim Fandré und Andreas Frey ist ein Spezialist für Lastenräder, auch Cargobikes genannt. Ihre Auswahl mit insgesamt
20 Modellen von elf Herstellern verdeutlicht: Lastenräder sind über den Status eines Lifestyle-Produktes für Nerds hinaus und mittlerweile Trend in deutschen Großstädten.

„Die Last sind vor allem kleine Kinder“, sagt Tim Fandré, was im Stadtteil Wilhelmsburg mit Menschenkraft auf zwei oder drei Rädern transportiert wird. Er erzählt von der Mutter, die ihr Kind zunächst in der Kiste zum Kindergarten radelt und anschließend weiter durch den Alten Elbtunnel zur Arbeit in die Hamburger City fährt. Das Lastenrad sei gegenüber dem klassischen Hänger im Vorteil: „Es ist kommunikativer, wenn das Kind vorne im Blickfeld sitzt“, sagt Tim Fandré, der selbst Papa ist.

Etwa 100 bis 250 Kilo zusätzliches Gewicht ließen sich mit dem Lastenrad transportieren. Tim Fandré ist davon überzeugt, dass das Cargobike in den modernen hochverdichteten Stadträumen dem Auto überlegen ist. Er wird nicht müde, den Nutzen des Transportfahrrades im Alltag zu betonen. Nach Angaben des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) spare ein Lastenrad, das 20 Kilometer täglich im Stadtverkehr zurücklegt, im Vergleich zu einem Kleinwagen 800 Kilogramm Kohlendioxid pro Jahr. Für Tim Fandré zwar ein hübscher Nebeneffekt, aber kein wirkliches Verkaufsargument: „Die Leute fahren Rad in der Stadt, weil sie den Staus entkommen wollen und weil es praktisch ist“, betont er. Und nicht, weil die Menschen die Umwelt schützen wollten.

Feuerwehr denkt über Einsatz vonLastenrädern im Alten Elbtunnel nach

Mittlerweile erkennen auch Unternehmen den Nutzen. Der Logistikdienstleiter DHL hat im September 2014 in Berlin und Frankfurt den Einsatz von Fahrrädern für die Zustellung von Dokumenten und kleineren Paketsendungen im Expressversand getestet. Dabei kam ein Lastenrad mit verschließbarer Transportbox zum Einsatz – mit 140 Litern Fassungsvermögen. Einen Rüffel gab es danach für die Stadt Berlin: Die Infrastruktur für den Fahrradverkehr sei oft zu schlecht.

Ein Gärtner hat bei Velo 54 ein Lastenrad gekauft, um besser zu seinen Kunden zu gelangen. Er pflegt die Gärten von Stadtvillen entlang der Alster, ein Terrain, auf dem das Parken mit Fahrzeugen verboten ist.

Industriekletterer aus Wilhelmsburg erwägen, ihr Material möglicherweise mit Lastenrädern zu transportieren. Und zwei Feuerwehrleute haben das Fachgeschäft Velo 54 aufgesucht, weil sie darüber nachdenken, ein Transportfahrrad im Alten Elbtunnel einzusetzen. Die mehr als 426 Meter lange Unterführung dürfen Fahrzeuge nur eingeschränkt nutzen. Das denkmalgeschützte Bauwerk ist bei Radtouristen und Fußgängern sowie als Filmkulisse beliebt.

Einspurige Lastenräder haben zwei Räder, mehrspurige Lastenräder drei oder vier. Sie lassen sich mit Muskelkraft antreiben oder unterstützt von einem Elektromotor. Die Preise bei Velo 54 legen zwischen 1700 und 5500 Euro – und dürften für manche junge Familie ein Problem sein. Aber in ihrem Bemühen, sich Fahrradstadt nennen zu dürfen, plant die Freie und Hansestadt Hamburg, Lastenräder über das öffentliche Fahrradleihsystem anzubieten.

Kopenhagen ist da weiter. Immer wieder verweisen Fahrradfreunde auf die dänische Hauptstadt, die deutschen Großstädten als Vorbild in der Radpolitik gilt. 25 Prozent aller Familien mit zwei Kindern führen dort ein Lastenrad, heißt es. „In Kopenhagen gibt es Schulen, vor denen ist kein Auto zu sehen“, schwärmt Tim Fandré.

Aus dem Experimentierstatus ist das Lastenrad längst heraus – nur haben das die meisten Menschen längst vergessen. Seinen kulturellen Höhepunkt hatte es in den 1920er-Jahren in Berlin, London oder Paris. Die Feuerwehren bahnten sich damals mit dem Lastenrad ihren Weg durch die Straßen, ebenso die Müllabfuhr. Bäcker fuhren auf dem Rad ihre Waren aus. Heute entdecken es die unter der Autoverkehrslast ächzenden urbanen Metropolen wieder.