Harburg
Porträt

Der Visionär und die Bodenständige

Privat und geschäftlich ein Paar: Melanie und Michael Kaiser betreiben seit 30 Jahren gemeinsam das Unternehmen „Blumen Kaiser" am Falkenbergsweg in Hausbruch

Privat und geschäftlich ein Paar: Melanie und Michael Kaiser betreiben seit 30 Jahren gemeinsam das Unternehmen „Blumen Kaiser" am Falkenbergsweg in Hausbruch

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Sie teilen nicht nur Bett und Tisch, sondern auch Büro und Theke. Und sind damit im doppelten Sinne Partner: Im Beruf wie im Privaten. Neue Serie „Harburgs erfolgreiche Paare“ . Teil 1: Melanie und Michael Kaiser von „Blumen Kaiser“ in Hausbruch.

Wenn das Knie nicht gewesen wäre, hätte sie vielleicht als Schwanenkönigin Odette leichtfüßig über das Parkett schweben können und mit ihrer Schönheit und Anmut das Herz von Prinz Siegfried erobert. Vielleicht wäre sie auch in die Rolle von Shakespeares Julia geschlüpft und hätte ihrem Romeo ewige Treue geschworen. Sie hätte die Hauptfigur der bekanntesten Liebesgeschichte der Welt tanzen können. Denn sie hatte Talent. Und einen festen Platz in der Balettschule von John Neumeier.

Ob sie glücklicher geworden wäre? Melanie Kaiser schüttelt den Kopf. Schließlich hat sie ihren Romeo auch so gefunden. Er heißt Michael, ist seit 25 Jahren ihr Ehemann und seit 29 Jahren ihr Partner im Geschäft. Gemeinsam haben sie Preise gewonnen, Menschen in ihren Bann gezogen und Emotionen geschaffen. Die Bühne für ihre Kreativität haben sie sich selbst gebaut. Und jeden Tag gibt es dort für den Besucher etwas zu bestaunen.

Beide sind von Kindesbeinenden Pflanzen verfallen

Es ist ein wahres Fest für die Sinne, was die Kaisers zaubern. Beide sind Floristen und von Kindesbeinen an den Pflanzen verfallen. Es liegt insofern auf der Hand, dass sich die beiden im Blumengeschäft kennengelernt und ein paar Jahre später einen gemeinsamen Betrieb übernommen haben. Er, fünf Jahre älter als sie, ist bereits in einem Floristikladen am Poelchaukamp in Winterhude angestellt, als sie, noch keine 18, dort vorspricht. Sie die kleine Azubine, er der Vorgesetzte, der die Meisterprüfung anstrebt. „Er war ein sehr netter Kollege“, sagt sie. „Aber dass wir beide mal ein Paar werden würden, hätte ich nicht gedacht.“

Natürlich ist man gemeinsam unterwegs. „Das war damals mit den Kollegen wie eine große Familie“, erinnert sich Melanie Kaiser. „Wir sind zusammen ins Posemuckel zum Tanzen gefahren, sind ins Kino gegangen oder essen.“ Funken tut es allerdings dann doch bei der Arbeit. Die beiden haben einen Auftrag für das Crowne Plaza Hotel. „Im Blauen Satelliten ist es dann passiert“, sagt Michael. „Ich habe sie einfach geküsst.“ Das war 1984.

Ein Jahr später verlässt Michael Kaiser den gemeinsamen Arbeitgeber, um die Meisterprüfung zu absolvieren. Und macht einen Schritt, den er bis dahin kategorisch ausgeschlossen hat. Er entscheidet sich ins elterliche Unternehmen in Hausbruch einzusteigen, gegründet 1951 von Elfi und Berthold Kaiser. Diese hatten nach dem Krieg damit begonnen, auf einem Feld am Scheinberg die ersten eigenen Pflanzen zu züchten. Sie verkauften zunächst auf dem Wochenmarkt, 1955 eröffneten sie einen Laden im eigenen Haus. Anfang der 70er bauten sie schließlich eine Friedhofsgärtnerei direkt am Heidefriedhof am Falkenbergsweg. Heute ist das Geschäft doppelt so groß. Ein Blumenparadies, in dem die Trauerfloristik nur eins von vielen Standbeinen ist.

Dass einmal er, Michael Kaiser, das Unternehmen mit seinen zehn Angestellten leiten würde, scheint bis Anfang der 80er-Jahre für ihn undenkbar. In die Fußstapfen der Eltern zu treten, das ist nicht sein Ding. Kaiser ist einer, der Visionen hat, einen eigenen Kopf, unendlich viele Ideen. Und die Eltern sind Neuem gegenüber nur wenig aufgeschlossen.

Weil er es aber nicht mit ansehen kann, wie der Laden zusehends an Attraktivität verliert, mischt er sich schließlich doch ein. „Als meine Eltern im Januar 1985 in den Urlaub fuhren, haben mein Bruder und ich einfach umgebaut“, sagt er. „Es gab einen Heidenärger, weil das Konto weit überzogen war. Aber ich weiß, dass die Entscheidung richtig war.“ Zum ersten Mal spürt er so etwas wie Identifikation mit dem Geschäft. Und plötzlich kann er sich vorstellen, einzusteigen.

Ein Jahr später übernimmt er den Laden. Für Melanie ist damals klar, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss. Sie will mit ihrem Freund zusammenziehen. Mit ihm leben. Aber zusammen arbeiten? Undenkbar. „Ich wollte unabhängig sein und mein Talent unter Beweis stellen“, sagt sie. Also geht sie nach ihrer Prüfung zu Blumen Lund in den Grindelhof, dekoriert für Zeitschriften, genießt den Erfolg.

Irgendwann wird klar, gemeinsam zu arbeiten kann klappen

Nach Feierabend treffen sich die beiden in ihrer gemeinsamen Wohnung in Tötensen. Wenn er morgens um vier zum Großmarkt aufbricht, fährt sie meistens mit. Weil es gemeinsam einfach mehr Spaß macht. Wenn sie frei hat, hilft sie ihrem Freund im Geschäft. Und irgendwann ist klar: das könnte funktionieren.

Doch wenn aus einer Ausnahme die Regel wird, ändern sich die Dinge bisweilen. Das Besondere verliert dann seinen Zauber. Und plötzlich sieht man klarer. So geht es auch Melanie Kaiser, die damals noch Walter heißt. „Er war der Chef, ich die kleine Angestellte“, sagt sie. „Er hatte Probleme, Arbeit und Verantwortung abzugeben. Und ich wusste nicht, wo mein Platz in diesem Unternehmen war.“ Es gibt Streit, es gibt Enttäuschungen und zahlreiche Tränen. Doch aufgeben, das ist nicht ihr Ding. Also sucht sie sich ihren eigenen Bereich, beginnt nicht nur kreative Sträuße zu binden, sondern ganze Dekoarrangements zu gestalten. Sie berät die Kunden, fährt zu ihnen nach Hause. Und sie gestaltet den Laden oft um. Er bekommt ein völlig neues Gesicht. Ihr Gesicht.

Das ist bis heute so. Sie wirkt nach innen, er nach außen. Er kümmert sich um Pflanzen, sie um die Blumen. Sie bespricht mit den Kunden das Trauerarrangement oder eine Hochzeitsdeko, er macht Grabpflege oder dekoriert Restaurants. Doch wenn es darum geht, etwas Neues auszuprobieren, hat er die Ideen. Und den Mut, diese umzusetzen. Sie ist die Bodenständige. Er der Visionär. „Es folgen dann meistens lange Diskussionen. Er schwebt im Himmel, ich stehe auf dem Boden. Treffen tun wir uns dann in der Mitte“, sagt sie.

Aus dem Friedhofsgeschäft ist längst das Geschäft am Friedhof geworden, das 2004 sogar als Deutschlands bestes Blumengeschäft ausgezeichnet worden ist. Die Betriebsfläche hat sich in Laufe der Jahre verdreifacht. Und das, obwohl das Geschäft nicht einfacher wird. Die Gartenmärkte mit ihren Dumpingpreisen machen zu schaffen. Das Geld sitzt nicht mehr so locker. Und es gibt Blumen im Internet zu bestellen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Doch weil Probleme dazu da sind, sie zu lösen, hat sich Michael Kaiser, handwerklich begabt und erfinderisch wie er ist, daran gemacht, den modernen Blumenautomaten zu erfinden. Start soll noch in diesem Frühjahr sein. Dann können Kunden ihre Bestellungen rund um die Uhr vor Ort abholen. Sie müssen nur einen Code eingeben und das Abholdepot öffnet sich.

Überhaupt könne man noch so vieles machen, da sind sich die Kaisers einig. Eine eigene Messe, südlich der Elbe, angelehnt an die Idee von „Home & Garden“ zum Beispiel. Doch die Stadt tut sich schwer mit Menschen, die Visionen haben. Und die Neues ausprobieren wollen. Die Erfahrung mussten die Kaisers schon häufiger machen. Einmal hatten sie die ganze Straße zur Adventszeit dekoriert. „Es sah wunderschön aus“, sagt Melanie Kaiser. „Aber dem Wegewart gefiel unsere Kreativität nicht.“ Also mussten sie alles wieder abbauen.

Michael Kaiser für den Bestandseiner Berufssparte ein

Was mit dem Geschäft passiert, wenn die beiden einmal in Rente gehen? Kinder gibt es nicht, der Laden ist ihr „Baby“. Und ihn verkaufen? „Das könnte schwierig werden“, fürchtet sie. Dem Einzelhandel gehe es ja schon heute nicht mehr so gut. Doch anstatt zu hadern, wird angepackt. Im Fachverband deutscher Floristen, im Fleurop-Verwaltungsrat, in der Gruppe der Friedhofsgärtner setzt sich Michael Kaiser für den Bestand seiner Berufssparte ein. Und während er als Juror beim Worldcup der Floristen im Einsatz ist, hält sie im Laden die Stellung und ihm den Rücken frei.

Nach einem Arbeitstag, der oft um drei Uhr nachts mit dem Klingeln des Weckers und der Fahrt zum Großmarkt beginnt und um 18 Uhr mit dem Abschließen der Ladentür endet, bleibt für Hobbies und gemeinsame Unternehmungen wenig Zeit. Die Kaisers ohne Blumen, die gibt es nur im Januar, wenn das Paar Betriebsferien macht und nach Mallorca, Sylt oder in die Berge fährt.

Und an jenen Wochenenden, wo die beiden in ihr Schwedenhäuschen hinter Stade fahren, um auszuspannen. Dann sind sie ganz privat ein Paar. Das beste daran: das Haus liegt im Wald. Gartenarbeit, die gibt es hier so gut wie nicht.

Sind Sie beruflich und privat ein Paar und haben Lust, Teil dieser Serie zu werden? Dann schreiben Sie mir: hanna.kastendieck@abendblatt.de