Harburg
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Modellprojekt: Polizisten auf der Schulbank

Al Wasat Modellprojekt zur Verhinderung von Radikalismus im Islam. Islamwissenschaftler Ali-Özgür mit den Polizisten Thorsten Hoog, Thorsten Cramm, Jörn Hilgert und Stefan Weber

Al Wasat Modellprojekt zur Verhinderung von Radikalismus im Islam. Islamwissenschaftler Ali-Özgür mit den Polizisten Thorsten Hoog, Thorsten Cramm, Jörn Hilgert und Stefan Weber

Foto: Jörg Riefenstahl / HA

Radikalisierung „Al Wasat“ startet in Harburg Modellprojekt zum Schutz muslimischer Jugendlicher.

Harburg.  In Zeiten des Internets laufen immer mehr Jugendliche Gefahr, in die Fänge fundamentalistischer Ideologen und selbst ernannter religiöser Hassprediger zu geraten. Salafismus und Islamismus sind Stichworte, die Eltern, Erziehern, Lehrern und insbesondere den Sicherheitskräften der Harburger Polizei zunehmend Sorge bereiten.

Das mit Bundesmitteln geförderte Islamische Wissenschaftliche Institut in Harburg (IWB) hat mit „Al Wasat“ („Die Mitte“) ein bundesweit einzigartges Modellprojekt aufgelegt, das muslimische Jugendliche vor Radikalisierung schützen soll.

In fünftägigen Workshops lernen Erwachsene, die im privaten oder beruflichen Alltag mit Jugendlichen zu tun haben, mit den Themen Islam und Islamismus umzugehen und radikale Tendenzen möglichst früh zu erkennen.

„Wir wollen verhindern, dass sich Jugendliche radikalen Gruppen anschließen“, sagt der promovierte Islamwissenschaftler Ali-Özgür Özdil, als er rund 30 Workshopteilnehmer unter dem Dach des IWB in der Stadter Straße in Harburg begrüßt. Neben Lehrern und Sozialarbeitern sind erstmals auch vier Harburger Polizisten mit dabei, die als Bürgernahe Beamte, „Cops4You“ in Schulen und bei der Wasserschutzpolizei arbeiten.

„Was bedeutet Islam? Nennen sie drei Begriffe, die Ihnen dazu einfallen“, sagt der Wissenschaftler. „Glaube, Gott, Prophet“, lautet eine Antwort, „Mohammed, Koran, Mekka“ eine andere. „Barmherzigkeit, Liebe, Familie“ die dritte. Özdil erklärt die fünf Säulen des Islam, die Teilnehmer erfahren, dass „Muslim“ der „Gottergebene“ heißt.

„Was ist Islamismus?“ lautet die nächste Frage. Das ist schon schwieriger: Gewaltbreitschaft, und religiöser Fanatismus gehören dazu, da sind sich die Teilnehmer ziemlich einig. Jedenfalls ist der Begriff negativ besetzt. „Kapital will jeder haben, sozial will jeder sein“, sagt Özdil. „Aber Kapitalismus und Sozialismus haben für viele etwas Bedrohliches. So ist das mit den ,-ismen’.“

Damit will er das Bewusstsein schärfen, dass sich einige Muslime gar nichts dabei denken, sich als Islamisten zu bezeichnen, weil der Begriff von ihnen keineswegs mit Gewalt in Verbindung gebracht wird – im Gegensatz zur landläufigen Verwendung des Islamismus-Begriffs in den Medien.

Gefährlich sind radikale Salafisten und Dschihadisten. Sie böten Jugendlichen ein geschlossenes Weltbild an, das diese nicht hinterfragten, obwohl es keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhält. Özdil: „Laienprediger im Internet prägen die Wahrnehmung des Islam. Das ist ein Problem.“

Von den 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland seien „nur 0,01 Prozent“ gewaltbereit. Özdil: „Ein Terrorist ist ein Terrorist. ein Sexualstraftäter ist ein Sexualstraftäter. Das hat mit Religion nichts zu tun.“

Aber woran erkennt man nun, dass Jugendliche radikal werden? Ein Lehrer vermutet, dass Mädchen am Helmut-Schmidt-Gymnasium von Jungen gezwungen wurden, Kopftuch zu tragen. „Es ist ein Zeichen. Dem würde ich nachgehen und es ansprechen!“, sagt eine Teilnehmerin.

„Wenn ein Mädchen plötzlich Kopftuch trägt, geschieht es vielleicht auch freiwillig. Als Schutz vor Männerblicken“, widerspricht eine andere. „Es ist eine Provokation“, meint ein Dritter. „Wenn Mädchen gezwungen werden, das Tuch zu tragen, ist es nicht in Ordnung!“, stellt einer der Polizisten fest.

Am Ende des ersten Abends sind sich die Ordnungshüter einig, dass sie viel gelernt haben. Sie sind gespannt, wie es weitergeht. „Es war aber auch Schönfärberei dabei“, räumt ein Polizist ein. „Ich habe schon erlebt, dass ich Streit zwischen benachbarten muslimischen Familien schlichten musste, weil die eine fand, die andere müsse Kopftuch tragen.“