Harburg
Hittfeld

Humbug oder Heilmethoden?

Yoshika Uraji in einer Reconnectiv-Healing-Sitzung mit Hans-Hermann Delz

Yoshika Uraji in einer Reconnectiv-Healing-Sitzung mit Hans-Hermann Delz

Foto: Bianca Wilkens / HA

Immer mehr Menschen nutzen alternative Heilmethoden. Die Lebensquell-Messe in Hittfeld beschäftigt sich mit dem Thema an diesem Wochenende.

Hittfeld. Bianca Wilkens, Christiane Tauer

Sie legen Karten oder die Hand auf. Ihre Kontakte reichen weit hinaus ins Universum, zu Gott, den Engeln und den Sternen oder in das tiefste Innere von Bäumen und Edelsteinen. Heiler, Lichtarbeiter oder Seher werden für immer mehr Menschen zur letzten Rettung, wenn die Schulmedizin nicht mehr weiter weiß.

Den steigenden Trend zu alternativen Heilmethoden spiegeln auch Studien wider. So ist der Kreis der Menschen, die zu homöopathischen Mitteln greifen, von 53 Prozent 2009 auf
60 Prozent im Jahr 2014 gewachsen. Und: Zwei von drei Deutschen würden sich nach einer Allensbachumfrage im Krankheitsfall am liebsten durch eine Kombination von Schulmedizin und Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) behandeln lassen.

Brigitte Hagen aus Stelle hat den Trend zur Alternativmedizin seit Langem erkannt. Vor 13 Jahren hatte sie die Idee, im Landkreis Harburg eine Messe zu veranstalten, die alles, was es an alternativen Heilmethoden gibt, zusammenfasst. „Lebensquell-Erlebnismesse“ lautet der Name, und an diesem Wochenende, 27. und 28. Februar, von 10 bis 18 Uhr, ist der nächste Termin in der Burg Seevetal. Die Messe bekommt immer mehr Zulauf und findet inzwischen nicht mehr nur

einmal, sondern zweimal pro Jahr statt. Rund 60 Aussteller sind mit von der Partie. Yoshika Uraji aus Hittfeld ist eine von ihnen. Die 46 Jahre alte Halbjapanerin und dreifache Mutter betreibt Reconnective Healing, Heilung durch Rückverbindung. Sie arbeitet mit hohen Frequenzen von Licht, Energie und Information. „Reconnective Healing wirkt ganzheitlich auf Körper, Geist und Seele. Balance auf allen Ebenen kann entstehen, und das ist die Grundlage, um in die eigene Kraft zu kommen“, sagt sie. „Der Klient badet dann in einer messbaren und fühlbaren Frequenz. Die Selbstheilungskräfte werden aktiviert“, sagt sie.

Hokuspokus oder wirksame Therapie? Hans-Hermann Delz aus Hittfeld schwört jedenfalls auf die Sitzungen. Ausgerechnet er, ein Informatiker, der sich eigentlich nur von der Logik leiten lässt, setzt auf Energieheilung. Der Grund ist eine chronische Erkrankung. Der 83-Jährige leidet seit vier Jahren unter Blutarmut (Anämie).

Wann immer er Yoshika Uraji aufsuchte, verbesserten sich danach seine Blutwerte, die er akribisch in einem Diagramm festhielt. In ihren Sitzungen kommt Uraji ganz ohne Berührungen aus. Sie stellt sich neben Hans-Hermann Delz, der auf ihrer Massagebank liegt, und schwingt mit Armen und Händen. Es wirkt, als seien ihre Hände durch ein unsichtbares Gummiband mit Delz’ Körper verbunden. „Das war schön“, sagt er, als er wieder aufsteht.

Zwar hatte Hans-Hermann Delz einige Male wieder Cortison einnehmen müssen. „Aber seit Sommer bin ich auf dem aufsteigenden Ast“, sagt er. Für Delz sind naturwissenschaftliche Erklärungen nur eine Sichtweise auf die Welt. Er glaubt an Energiezentren und daran, dass ein Mensch eine Aura hat. Seit 30 Jahren widmet er sich der Astrologie. Schon immer hat er sich daran gestört, dass Schulmediziner lediglich die Symptome bekämpfen. „Wenn es nicht mehr weh tut, ist es gut. Die Schulmediziner sind nicht in der Lage, sich mit den Ursachen zu beschäftigen“, sagt er.

Mit ihrem Reconnective Healing will Yoshika Uraji allerdings nicht herkömmliche Behandlungsmethoden ersetzen, sondern ergänzen. „Die Schulmedizin hat ihre Berechtigung. Aber man kann viele Beschwerden anders lösen, als gleich die Keule herauszuholen“, sagt sie. Die Heilerin weiß jedoch um den tiefen Graben zwischen alternativen Methoden und der Lehre an den medizinischen Hochschulen. Sie gibt nie Heilversprechen ab und rät auch davon ab, laufende Behandlungen zu unterbrechen.

Alternative Heilmethoden waren ihr selbst nie fremd. Sie schluckt lieber Globuli als Pillen. Ihre zwölfjährige Tochter Naomi hat bislang nicht einmal Antibiotika zu sich genommen. Als sie das Buch Eric Pearls über Reconnective Healing gelesen hatte, war es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis. „Es war, als wäre ich geführt worden“, sagt Yoshika Uraji. Ende 2012 hat sie sich zum „Practioner für Reconnective Healing“ ausbilden lassen und begann ein Jahr später mit den Sitzungen. Wenn Yoshika Uraji über ihre Arbeit spricht, fallen Begriffe wie „eigene göttliche Essenz“ oder „Verbindung zum Universum“. „Wir reden hier über die ganz großen Dinge“, sagt sie.

Gleiches gilt für Heidrun Winzer aus Egestorf, die ebenso auf der Lichtquellmesse über ihre Arbeit informiert. Die 69-Jährige nennt sich Lichtarbeiterin, ihre Angebotspalette reicht von energetischer Raumreinigung über Rückführungen in alte Leben bis hin zu spirituellen Familienaufstellungen und Channelings mit Engeln und Meistern. Viele andere Heiler aus der Region gehen bei ihr in die Lehre, zudem kommen auch immer mehr Schulmediziner aus ganz Deutschland zu ihr, um sich in die Kunst der Ganzheitlichkeit einweisen zu lassen.

„Ich wusste schon als Kind, was andere Leute denken“, sagt Heidrun Winzer. Egal ob sie in Japan oder den USA war, die hellsichtigen Erlebnisse begleiteten sie sogar, wenn sie die Sprache der Menschen überhaupt nicht verstand. „Meine Hauptkanäle sind das Hören und Fühlen“, erklärt die ausgebildete Heilpraktikerin für Psychotherapie, die unter anderem auch Ausbildungen als Hypnosetherapeutin und Reiki-Meisterin besitzt. Ihre Arbeit beschreibt sie so: In Einzelsitzungen oder Meditationen sprechen durch sie die Engel- oder Naturebenen und lassen ihre „liebenden Heilungsenergien“ in den Patienten fließen. Dabei wendet sie oft Klangschalen und Kristalle an, die helfen, in tiefe Entspannungsebenen einzutauchen.

Dass viele denken, schnell Heiler werden zu können, ist dem Dachverband Geistiges Heilen (DGH) durchaus bekannt. Der Verein hat deshalb einen verpflichtenden Verhaltenscodex für seine deutschlandweit insgesamt rund 6000 Mitglieder eingeführt. Verstöße dagegen werden von der Ethik-Kommission geahndet. „Seit 2004 darf sich theoretisch jeder Heiler nennen“, sagt Tannetje König, Zweite Vorsitzende des DGH. Das Bundesverfassungsgericht beendete damals mit einer Grundsatzentscheidung die juristische Grauzone, in der sich Heiler zuvor bewegten. Das Urteil sorgte für eine deutliche Abgrenzung zu Ärzten und Heilpraktikern. Sie brauchen kein Studium und keine Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz, da ihre Arbeit eher religiösen Riten nahe steht. „Sie dürfen deshalb aber zum Beispiel auch keine Diagnose stellen“, sagt Tannetje König.

Dennoch mahnt Dr. Sven Schröder, Facharzt für Neurologie und Akupunktur sowie Leiter des Hanse Merkur Zentrums für Traditionelle Chinesische Medizin am Universitätsklinikum Eppendorf, zur Vorsicht. Er hat seine Zweifel an nicht weit verbreiteten Therapieverfahren, dessen Wirkung mithilfe von wissenschaftlichen Studien nicht belegt sind. Mehr noch: „Sie können im schlimmsten Fall Schaden anrichten“, sagt er. Bei den Methoden mit einem meditativen Teil handele es sich um psychotherapeutische Prozesse. Sie könnten hilfreich sein, aber bei manchen Menschen auch traumatische Erlebnisse wiederbeleben, so Schröder. „Ich will nicht alles verteufeln“, sagt er. „Aber viele, die sich an so etwas heranmachen, haben keine psychotherapeutische Ausbildung. Wenn es zu einer Auslösung einer nicht steuerbaren Emotion kommt, stehen die Behandler, die für solche Situationen nicht ausgebildet sind, hilflos da.“

Doch längst wissen auch die Uniärzte, dass sie es sich nicht mehr leisten können, das Thema Komplementärmedizin links liegen zu lassen. „Fakt ist, dass die Patienten alternative Heilmethoden suchen“, sagt Sven Schröder.