Harburg
Harburg

Die ewig

Schaltjahrkind Elsbeth Meyer feiert am 29. Februar zum 22. Mal ihren „echten“  Geburtstag.

Schaltjahrkind Elsbeth Meyer feiert am 29. Februar zum 22. Mal ihren „echten“ Geburtstag.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Nur alle vier Jahre können sie einen „echten“ Geburtstag feiern. Menschen, die am 29. Februar geboren sind. Elsbeth Meyer aus Neugraben ist eine von ihnen.

Sie lernte schreiben, da war sie gerade mal eineinhalb. An ihrem zweiten Geburtstag beherrschte sie bereits das Einmaleins. Mit dreieinhalb machte sie ihren Volksschulabschluss. Und mit vier beendete sie ihre Ausbildung. Sie war noch nicht einmal sechs Jahre alt, da saß sie bereits im Vorzimmer der Chefetage einer großen Hamburger Baufirma und verteilte die Lohntüten für die 80 Mitarbeiter. Und selbstverständlich hatte sie bereits ihren Führerschein in der Tasche. Ein Wunderkind?

Nein. Ist Frau Meyer nicht. Frau Meyer ist ganz normal. Eine Frau, die in einer Gelbklinker-Doppelhaushälfte in einer kleinen Sackgasse am Rande der Stadt Zuhause ist. Das Haus hat sie gebaut, da war sie zwölf und die ersten Fältchen spielten bereits um ihre Augen. Wenn sie nicht arbeitete, so reiste sie um die Welt. Ihr beste Freundin hieß Lore. Sie war der gleiche Jahrgang wie sie.

Doch als Lore ihren 60. feierte, stieß Frau Meyer auf ihren 15. an. Elsbeth Catharina Maria Meyer weiß, dass sie nie wirklich „alt“ werden wird. Auch wenn sie seit 88 Jahren auf dieser Welt ist. Denn Frau Meyer ist ein Schaltjahrkind. Geboren am 29. Februar 1928. Offiziell feiert sie am Montag ihren 22. Geburtstag.

Es sind 1062 Personen in Hamburg, die in diesem Jahr endlich einmal wieder das Datum feiern dürfen, an dem sie tatsächlich auf die Welt gekommen sind. 532 Frauen und 530 Männer, die sich privilegiert fühlen, einerseits. Weil niemand ihren Geburtstag vergisst. Weil sie noch in hohem Alter ziemlich jung sind.

Und die sich manchmal benachteiligt sehen. Weil an drei von vier Jahren ihr Ehrentag in keinem Kalender zu finden ist, sie im Kindergarten nur einmal richtig im Mittelpunkt standen und selbst der 18., der Schritt in die Welt der Erwachsenen, im glanzlosen Übergang zwischen Februar und März untergeht.

Elsbeth Meyer kann sich deshalb auch gar nicht mehr so genau daran erinnern, wie sie ihren 18. Geburtstag gefeiert hat. Wie überhaupt das alles nicht so einfach ist mit der Erinnerung, wenn man 88 Jahre auf dem Buckel hat. Aber Einzelheiten, die weiß sie noch. Wie sie als Kind mit dem Dampfer von ihrem Elternhaus in Altenwerder nach Altona rüber gefahren ist, zum Beispiel.

Sie erinnert sich an die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg und daran, wie die Altenwerder St.-Gertrud-Kirche am 8. April 1945 bei einem der letzten Luftangriffe durch eine Luftmine stark beschädigt wurde.

Sie erinnert sich an die Zeit, als Altenwerder noch ein richtiges Dorf war, und daran, wie das Elternhaus bei der großen Flut am 17. Februar 1962 überschwemmt wurde. Als die Stadt im Rahmen der Hafenerweiterung Anfang der 70er-Jahre mit Enteignung der Grundstücke drohte, verließen auch Elsbeth Meyer, ihre Eltern und ihre Geschwister die Elbinsel.

Sie bauten gemeinsam in Neugraben ein Doppelhaus. Links oben Elsbeth, unten ihre Eltern, rechts ihre Schwester mit Familie. Sie selbst hat nie geheiratet. „Ich kann mich nicht mal an eine große Liebe erinnern“, sagt sie. „Es kam einfach nie der Richtige.“

Also hat sie Freundschaften gepflegt, Kontakte geknüpft und Menschen gesucht, die zu ihr passen. Im Abendblatt las sie 2004, kurz nach ihrem 19. Geburtstag, eine Meldung. Es ging um die Gründung des Klubs „Schaltjahreskinder“. Frau Meyer meldete sich bei der Initiatorin Renate Wurnig, die selbst ein Schaltjahrkind ist. Im Frühjahr 2005 trafen sie sich das erste Mal. Bis heute besteht diese lockere Gemeinschaft von Menschen, die alle am 29. Februar geboren sind und die Lust daran haben, ihre Anekdoten mit anderen zu teilen.

Inzwischen sind es 20 Schaltjahreskinder, die sich regelmäßig treffen. Sie machen gemeinsame Ausflüge, essen Grünkohl und Torte, schauen sich Städte an und reservieren manchmal einen großen Tisch im InterCity-Restaurant am Hauptbahnhof. An sonnigen Tagen lädt Renate Wurnig auch schon mal in den eigenen Garten ein, stellt dann den Wimpel der „Schaltjahreskinder“ auf das weiße Tischtuch, steckt sich die Nadel mit dem Logo an die Brust und freut sich auf den Moment, wenn die anderen kommen und aus einer Ausnahme die Regel wird.

Einer von ihnen ist Herr Schmidt. Er wurde am 29. Februar 1944 geboren und feiert in diesem Jahr seinen 18. Geburtstag. Er hat zwei Kinder, die schon erwachsen sind, ist bereits in Rente und hat 30 Jahre Berufserfahrung hinter sich. Immer dann, wenn die Jahreszahl restlos durch vier teilbar ist, nicht aber durch vier und 100 teilbar, aber sowohl durch vier, durch 100 und durch 400 teilbar ist, feiert Helge Schmidt einen richtigen Geburtstag.

Das haben die Menschen so festgelegt, weil sonst der Kalender die Zeit überholen würde. Der Lauf der Erde um die Sonne dauert nämlich 365,242198 Tage und ist damit fünf Stunden, 48 Minuten, 46 Sekunden und 98 Hundertstelsekunden länger als jene 365 Tage, die der Kalender in allen Nicht-Schaltjahren anzeigt.

Schon die ersten bekannten Kalender etwa 4240 vor Christus enthielten daher Schalttage zum Ausgleich. Es ist der Tag, an dem auch Sibille Rumstich geboren ist, die wie Elsbeth Meyer Jahrgang 1928 ist. Auch sie feiert in diesem Jahr ihren 22. Geburtstag und trifft sich regelmäßig mit den anderen Schaltjahreskindern.

Sie schwärmt von ihrer „ewigen Jugend“, davon, dass ihre fünf Enkel und vier Urenkel immer sagen, „wir haben eine ganz junge (Ur-)Oma“ und dass sie meistens an zwei Tagen hintereinander feiern kann, weil keiner so genau weiß, wann eigentlich der rechte Moment dafür ist. Frau Rumstich wurde am 29. Februar 1928 um 0.15 Uhr geboren. Ihre Mutter hatte im Rheinland Karneval gefeiert und „sich was losgetanzt“.

Eine enge Schaltjahresfreundin von Frau Meyer ist Ursula Jung, Jahrgang 1936. Frau Jung muss immer ein wenig schmunzeln, wenn sie ihren Nachnamen nennt. Weil kaum ein anderer so gut passt wie dieser. Am 29. Februar wird sie 20 und ist damit eine Ausnahme. Genau das wollte ihr Vater bei der Geburt verhindern. Als das Kind um 23.55 Uhr das Licht der Welt erblickte, bat er den Standesbeamten bei Erstellung der Geburtsurkunde, das Geburtsdatum offiziell doch bitte auf den 1. März zu legen. Doch dieser ließ sich nicht erweichen.

Die Eltern wollten die Geburt herauszögern, Hausmittel halfen nicht

Auch Elsbeth Meyers Eltern hätten die Geburt gern um ein paar Stunden herausgezögert. Aber alle Hausmittel halfen nicht. Sie selbst nimmt es gelassen. „Wir haben ja trotzdem jedes Jahr meinen Geburtstag gefeiert. Immer am 1. März.“ Doch als ihr Bruder Hans sich verlobte, wurde Elsbeths Ehrentag kurzerhand auf den 28. Februar verlegt. Weil ihre Schwägerin am 1. März Geburtstag hatte.

In diesem Jahr kann Frau Meyer endlich mal wieder das Datum feiern, das in ihrer Geburtsurkunde steht. Es geht in „Die Börse“. Das Gasthaus ist nur einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt. Und obwohl die Neugrabenerin erst 22 wird, schafft sie den Weg nicht zu Fuß. „Das ist die andere Seite der Medaille“, sagt sie. „Von der Zahl her ewig jung, aber körperlich eben doch alt. Die Knochen machen einfach nicht mehr mit.“

Gern hätte Elsbeth Meyer auch ihre 20 Freunde aus dem Klub der Schaltjahreskinder eingeladen. Das geht nur leider nicht. Denn dummerweise feiern Frau Jung, Frau Wurnig und all die anderen ewig Junggebliebenen in diesem Jahr alle einen richtigen Geburtstag. Und ausnahmsweise sogar am selben Tag.