Harburg
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Ticken die Harburger Uhren noch ganz richtig?

Die Rathausuhr in Harburg muss von Hand nachgestellt werden

Die Rathausuhr in Harburg muss von Hand nachgestellt werden

Foto: Jörg Riefenstahl / HA

Harburger Uhrengehen mal vor, mal gehen sie nach. Und manche gehen gar nicht. Eine kleine Zeit-Geschichte.

Harburg.  Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das musste schon Erich Honecker, einst Staatschef der DDR, 1989 schmerzlich erfahren. Weil er nicht wahrhaben wollte, was die Stunde geschlagen hatte. So ähnlich kann es einem auch heute noch ergehen – wenn man sich auf Uhren im öffentlichen Raum in Harburg verlässt. Einige ticken anders. Mal gehen sie vor, mal gehen sie nach. Und manche gehen gar nicht. Fünf Beispiele aus der Harburger Innenstadt:

Beispiel 1: Die „Majestätische“

Sie thront mit goldenen Zeigern seit 1895 über dem Portal des Harburger Rathauses. Hergestellt von der Firma Korfhage und Söhne in der damaligen Provinz Hannover ist sie ein tickendes Zeitzeugnis aus einer Epoche, als Harburg noch Stadtrechte besaß. Ihr mechanisches Uhrwerk ist ein optischer Leckerbissen – und bedarf stetiger Pflege.

Immer freitags wird ihre „Majestät“ aufgezogen. Der Hausmeister des Rathauses erledigt den gewichtigen Vorgang. „Anfang der Woche geht die Uhr ein paar Minuten vor, Ende der Woche ein paar Minuten nach“, sagt Bezirkssprecherin Bettina Maak über die „Majestätische“. Damit kann man leben.

Beispiel 2: Die „Schlichte“

Sie besteht eigentlich aus zwei Uhren, steht gegenüber vom Phoenix-Center. An der Unterführung zum Harburger Bahnhof zeigt sie Autofahrern und Passanten die Zeit an. Wenn sie funktioniert. Tut sie aber nicht: Bei unserem Test geht sie einerseits fast eine Stunde vor, andererseits sind sogar anderthalb Stunden Voreilung drin: Am Mittag um
13 Uhr stehen die Zeiger der Bahnhofsuhr bereits auf 14.30 Uhr.

Beispiel 3: Die „Superschlichte“

Sie steht nur wenige Meter von der „Schlichten“ entfernt auf der anderen Seite der Fußgängerunterführung Richtung Bahnhof und ist ebenfalls ein „Doppelgänger“. Auf ihre Zeitangaben kann man getrost verzichten: Beim Test geht sie eine Stunde nach – konsequent auf beiden Seiten.

Wer sich nach dieser Uhr richtet, kommt garantiert zu spät. Ob da jemand etwas mit der Sommer- und Winterzeit nicht so ganz auf die Reihe bekommen hat? „Wir gehen der Sache nach“, sagt eine Sprecherin des HVV über die „Superschlichte“. Wir verstehen nur Bahnhof.

Beispiel 4: Die „Gläubige“

Ihre Zeiger drehen sich gemächlich am Kirchturm von St. Johannis. Aber nur wer den Sakralbau Richtung Innenstadt passiert, erfährt von der Turmuhr wirklich, was die Stunde geschlagen hat. Für alle anderen, die stadtauswärts fahren, deuten die Stunden- und Minutenzeiger der „Gläubigen“ auf zwölf Uhr. Highnoon an St. Johannis. Für immer und ewig. Bis zum jüngsten Gericht. Wer’s glaubt, wird selig.

Beispiel 5: Die „Lächelnde“

Sie hat Ecken und Kanten und schaut seit Jahren unverdrossen vom Schaufenster des traditionsreichen Uhren- und Juweliergeschäfts Balhorn auf das bunte Treiben am Sand. Ihre Zeiger stehen still, auf zehn nach zehn. „Das ist das Lächeln der Uhr“, erklärt Geschäftsinhaber Claus Christian Rehwoldt.

Seit 2008 sperrt sich seine „Lächelnde“ gegen die Vermessung der Zeit. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Das Kabel für die Stromversorgung der Uhr klemmt irgendwo hinter der Fassade. Ein handwerklicher Fehler, der Passanten am Sand seit acht Jahren die Zeit stiehlt. Der Uhrmacher schert sich nicht drum. Vorerst jedenfalls. „Eines Tages, bevor ich sterbe, wird die Verkabelung kommen. Die Zukunft der Uhr wird positiv sein.“