Bürgerbeteiligung

Kirchen greifen in Diskussion um Flüchtlinge ein

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Thomas Sulzyc
Susanne Lindenlaub-Borck, Gerhard Jahnke und Bettina von Thun sorgen für gesunde Streitkultur

Susanne Lindenlaub-Borck, Gerhard Jahnke und Bettina von Thun sorgen für gesunde Streitkultur

Foto: Thomas Sulzyc

Kirchengemeinden in Hausbruch, Neugraben und Fischbek wollen für gesunde Streitkultur sorgen. Drei Pastoren initiieren Hamburgs erstes Stadtteilforum.

Drei Kirchengemeinden im Hamburger Süden halten es für höchste Zeit, in die öffentliche Diskussion um die Unterbringung von Flüchtlingen und die damit verbundenen Ängste in der Gesellschaft einzugreifen: Die Evangelisch-Lutherischen Gemeinden in Hausbruch, Neugraben und Fischbek initiieren deshalb ein Stadtteilforum, um in der hitzigen Auseinandersetzung für Gesprächskultur zu sorgen. Eine derart kirchlich organisierte Bürgerbeteiligung ist bisher einmalig in Hamburg. Das Projekt „Lokale Partnerschaften in Harburg“ unterstützt das Forum.

Mehr als 86.000 Geflüchtete leben zurzeit in Hamburger Unterkünften. Sie bringen ihre eigene Kultur und eigene Werte mit, die den deutschen Nachbarn teilweise fremd sind und unverständlich erscheinen. Warum verschleiern Frauen ihr Gesicht? Verliert mein Grundstück an Wert? Bekomme ich überhaupt noch einen Arzttermin? Sinken die Bildungschancen meiner Kinder, wenn sie mit syrischen und irakischen Jungen und Mädchen in der Schulklasse unterrichtet werden?

Das sind Fragen und Ängste, die Pastorin Susanne Lindenlaub-Borck von der Thomaskirchengemeinde in Hausbruch-Neuwiedenthal bei Gesprächen im Supermarkt hört. Auf solche Fragen will das Stadtteilforum „Süderelbe im Gespräch“ Antworten geben.

Warum alle Flüchtlinge so teure Smartphones hätten, haben Konfirmanden der Michaeliskirchengemeinde in Neugraben Bettina von Thun gefragt. Das war bei der Pastorin die Initialzündung zu dem Forum.

„Wir haben uns gefragt, was gegen Gerüchte hilft wie solche, dass Flüchtlinge ein Smartphone geschenkt bekämen, sobald sie die Grenze nach Deutschland übertreten“, sagt sie. Im Falle der Konfirmanden half eine Begegnung mit Flüchtlingen. Im Stadtteilforum sollen Experten überzeugend informieren und Vorurteile aus der Welt schaffen.

„Wir haben eine Situation in Süderelbe, die belastet ist“, sagt Susanne Lindenlaub-Borck. Mehr als 4000 Flüchtlinge werden in Neugraben und Fischbek an den vier Standorten Am Aschenland I (458) und II (3000), Geutensweg (358) und Cuxhavener Straße 196) Unterkunft finden.

Während die 240 ehrenamtlichen Helfer der örtlichen Willkommensinitiative den geflüchteten Kleidung beschaffen, mit ihnen Fahrräder reparieren oder sie bei Behördengängen begleitet, mobilisiert eine Bürgerinitiative seit Monaten mehrere hundert besorgte Menschen zu Demonstrationen mit der Forderung an den Hamburger Senat, dass 1500 Flüchtlingen in Neugraben und Fischbek genug seien.

Die drei Kirchengemeinden wollen sie alle zusammenbringen: die Unermüdlichen, die an das Gute glauben. Die Skeptiker und Zweifler. Miteinander reden und nicht übereinander. „Suchet der Stadt Bestes, wenn’s ihr wohl geht, so geht auch euch wohl“, lautet ein Zitat aus der Bibel, auf das sich die Initiatoren des Stadtteilforums beziehen.

Die Pastoren sind in Sorge, dass das Gemeinwesen Schaden nehmen könne. Seit dem Jahr 2013 haben Bürger in Hamburg in 21 Fällen Gerichte zu Flüchtlingsunterkünften angerufen. Die politischen Parteien haben offensichtlich versagt, in der größten gesellschaftlichen Herausforderung in Deutschland seit mehr als einem Vierteljahrhundert, damals war es die Integration der ostdeutschen Bundesländer in die Bundesrepublik, einen Konsens herbeizuführen.

Welche Werte sind den Menschen in Deutschland überhaupt noch wichtig? Gilt Verantwortung für das Gemeinwohl noch etwas? Oder ist der Wert des eigenen Grundstücks das höchste Gut? Auch zu solch fundamentalen Fragen des Zusammenlebens soll das Stadtteilforum die Sinne schärfen.

Die drei Hamburger Kirchengemeinden an der Bundesstraße 73 sehen sich in der Verantwortung: „Wir stehen für Frieden, Dialog und gute Nachbarschaft. Das ist unser christliches Selbstverständnis”, sagt Susanne Lindenlaub-Borck. Die drei Pastoren werfen ihr Vertrauen in die Waagschale, das sie in den vergangenen 20 Jahren in den Stadtteilen erworben haben.

Die Menschen nähmen ihnen die Vermittlerrolle ab, sagt sie. „Es ist nicht unser Anliegen, mit dem Stadtteilforum unser Renommee aufzupolieren“, sagt Gerhard Janke, Pastor der Corneliuskirchengemeinde in Fischbek. Nicht die Pastoren werden das Stadtteilforum moderieren, sondern ein auf diese Aufgabe spezialisierter Verein.

Schauplatz des Stadtteilforums wird die Michaeliskirche in Neugraben sein. Sie bietet Platz für bis zu 200 Besucher, sich im Gespräch zu begegnen. Die Aura des Gotteshauses dürfte auch die in Neugraben beobachtete Unsitte unterbinden, sich mit Trillerpfeifen Gehör zu verschaffen. Zum Auftakt am Montag, 29. Februar, sammelt das Forum die Fragen und Themen, mit denen sich die Besucher beschäftigen wollen.

Bei zwei weiteren Zusammenkünften am 21. März und am 25. April werden sich Referenten zu den Fragen äußern. Wer das sein wird, ist von den Themen abhängig, die das Forum zuvor bestimmt hat. Auf der Basis von Ideen und Argumenten soll es gelingen, so die Idee, Ängste und Vorurteile abzubauen.

„Es wird zugehört und niemand in eine Ecke gedrängt“, sagt Susanne Lindenlaub-Borck und fordert damit Tugenden ein, die der Streitkultur heute abhanden gekommen zu sein scheinen. Der neuen Lust der Deutschen am politischen streiten kann Bettina von Thun auch etwas Gutes abgewinnen: „Die Zivilgesellschaft ist aufgewacht, das finde ich wunderbar. Das macht unsere alte Dame Demokratie wieder frisch.“

Auftakt Stadtteilforum Süderelbe im Gespräch: „Was beschäftigt Sie?“, Montag, 29. Februar, 19 -21 Uhr, Michaeliskirche Neugraben, Cuxhavener Straße 323.Weitere Termine: 21. März und 25. April, jeweils 19 bis 21 Uhr. Themenvorschläge per Mail an: stadtteilforum@kirche-suederelbe.de

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