Harburg

Hinter den Kulissen des Amtsgerichts

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Angelika Hillmer
Christian Huland erläuterte den Mitglieder der Geschichtswerkstatt die Historie des Amtsgerichts

Christian Huland erläuterte den Mitglieder der Geschichtswerkstatt die Historie des Amtsgerichts

Foto: Angelika Hillmer / HA

Direktor Christian Huland führt Mitglieder der Geschichtswerkstatt in einem exklusiven Rundgang durch die historischen Gerichtsgebäude.

Harburg.  Als Christian Huland im März 2014 seinen Posten als Direktor des Amtsgerichts Harburg antrat, hatte der historisch interessierte Jurist bereits angekündigt, dass er hobbymäßig die Geschichte von Hamburgs ältestem Amtsgericht ergründen wolle. Im November 2015 trat Huland dem Verein Geschichtswerkstatt Harburg bei und engagiert sich seitdem ehrenamtlich in der kleinen Forschergemeinde, die ihre Räumlichkeiten am Kanalplatz hat. Jetzt lud er die Werkstatt-Macher zu einem historischen Rundgang durch „sein“ Gericht ein.

Huland referiert zunächst die Basisdaten. Am 1. Oktober 1852 nahm das Amtsgericht mit drei Richtern und neun weiteren Mitarbeitern seine Arbeit auf. Es gehörte zum Königreich Hannover, das eine zentrale Forderung der französischen Revolutionsbewegung von 1848 umsetzte: die Gewaltenteilung von Exekutive (Verwaltung) und Judikative (Rechtsprechung).

Die Zuständigkeit des Gerichtsreichte von Wilhelmsburg bis Buchholz

Geurteilt hatte das Gericht vor allem über kleinere „Criminalsachen“. Sein Zuständigkeitsbereich umfasste neben der Stadt Harburg das Amt Harburg (von Neuenfelde bis Over/Bullenhausen), das Amt Hittfeld (heutige südliche Stadtteile bis Buchholz) und das Amt Wilhelmsburg. In den ersten Jahrzehnten residierte das Strafgericht inklusive angeschlossenem Gefängnis im Harburger Schloss. Doch dort reichte der Platz nicht mehr aus. Im Jahre 1874 bezog es in das neu errichtete Gebäude an der Buxtehuder Str. 9, wo es bis heute seinen Sitz hat.

Der Gerichtsdirektor führt seine zehnköpfige Besuchergruppe durch den ehemaligen Gefängnistrakt. Der langgestreckte Bau, der sich an das Hauptgebäude des Gerichts anschließt und in etwa parallel zur Auffahrt der Seehafenbrücke verläuft, war einstmals ein Männer- und Frauengefängnis. Die Delinquenten verbüßten dort kürzere Haftstrafen von einigen Wochen. Wer länger einsitzen musste, kam in eines der „Zuchthäuser“ nach Celle, Lüneburg, Stade oder Verden.

1932 wurde in Harburg der Frauenvollzug abgeschafft. Das Männergefängnis blieb noch bis in die 1950er-Jahre für kürzere Haftstrafen in Betrieb. Seit Ende der 1950er-Jahre nutzte die Heilsarmee die Räumlichkeiten als Männerwohnheim. Aus dieser Zeit stammen die vielfältigen braun-gelben Tapetenmuster, die den ehemaligen Zellen und nunmehr Einzelzimmern Individualität verliehen – „hier wohnen zu müssen, ist Strafe genug“, raunt eine Besucherin. Doch die Bewohner lebten hier freiwillig und hatten auch selbst tapeziert.

Als die Heilsarmee das Männerwohnheim auflöste, etablierte sich im Gefängnistrakt eine neue soziale Einrichtung: 1987 zog die Möbelhilfe Süder­elbe ein und verkaufte gespendete Gebrauchtmöbel für wenig Geld an Bedürftige. Die Obdachlosen-Zeitung „Hinz & Kunzt“ nannte „Hamburgs ältesten Recyclingdienst für Gebrauchtmöbel“ kurzerhand „Harburgs Möbelknast“. Im Oktober 2015 stellte die Möbelhilfe ihre Arbeit ein. Nun steht das Gebäude leer und ist innen stark renovierungsbedürftig. Über seine weitere Nutzung ist noch nicht entschieden.

Die Gruppe läuft durch die ehemaligen Gefängnisgänge, schaut in die kleinen Einzelzellen, die sich wie Bienenwaben aneinander reihen. Im ehemaligen Werksraum im Keller erzählt Christian Huland den Gästen „Räuberpistolen“ aus vergangener Zeit. So wurde gleich nach Bezug des Gebäudes, anno 1874, der ortsbekannte Butterhändler Dietrich einige Wochen inhaftiert, weil er seine Butter gepanscht hatte. So kam das Gefängnis zu seinem damaligen Namen „Dietrichs Lock“ oder etwas vornehmer „Dietrichs Hotel“.

In den Gefängniswerkstättenwurden unter anderem alte Seile zerlegt

Huland berichtet, dass Ausbrüche häufiger vorkamen. Ein Häftling hatte sich mit Esslöffel und kleiner Schaufel durch die Außenwand gegraben. Ein anderer war auf dem Schwarzenberg vor seinen Verfolgern auf einen Baum geflüchtet und anschließend von selbigem herunter geholt worden. In den Gefängnis-Werkstätten wurden unter anderem Seile gezupft (alte Seile zerkleinert, um Dichtmaterial zu gewinnen). Manches Stück Tau ließen Häftlinge mitgehen – um mit ihm die Gefängnismauer zu überwinden, aber auch, um sich mit ihm in der Zelle zu erhängen.

Mehr zur Geschichte des Harburger Amtsgerichts: www.justiz.hamburg.de/ag-harburg, („über uns“)

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