Harburg
Ausbildung

Ein Lehrlingsheim für Flüchtlinge in Winsen

Noch gibt es in der ehemaligen Gaststätte „Zum nassen End“ einen Tresen: Pastor Markus Kalmbach, Bürgermeister André Wiese und Kreis-Sozialdezernent Reiner Kaminski (v.l.) unterstützen das Projekt  Lehrlingswohnheim

Noch gibt es in der ehemaligen Gaststätte „Zum nassen End“ einen Tresen: Pastor Markus Kalmbach, Bürgermeister André Wiese und Kreis-Sozialdezernent Reiner Kaminski (v.l.) unterstützen das Projekt Lehrlingswohnheim

Foto: Rolf Zamponi / HA

Pilotprojekt in Winsen: Stadt stellt Räume in Ex-Gaststätte. Praktika und Deutschkurse sollen die Aufnahme einer Lehre ermöglichen.

Winsen.  Mit einem im Landkreis Harburg bislang einmaligen Pilot-Projekt sollen jetzt 16 Flüchtlinge für den Ausbildungsbeginn im Herbst fit gemacht und während ihrer Lehre betreut werden. „Wir bringen Praktika in Betrieben mit Sprachunterricht zusammen und kombinieren dies mit einem Lehrlingswohnheim. Dort wird nach dem Einzug im April genügend Platz zum Lernen sein. Gleichzeitig ist die Nachtruhe garantiert, die für eine Berufsvorbereitung notwendig und in großen Unterkünften schwierig ist“, sagte Winsens Bürgermeister André Wiese, als er das Vorhaben vorstellte.

Rund 500.000 Euro kostet das Projekt. Die Kreisstadt hat mit diesem Geld das ehemalige Gasthaus „Zum Nassen End“ erworben und wird für den Umbau noch einmal eine „niedrige fünfstellige Summe“ investieren. „Wir setzen zudem auf Spenden für die Ausstattung“, so Wiese.

Die Stadt setzt dabei mit Hilfe des Kreises, der die Miete für die Wohnräume übernimmt, auf eine Initiative des Kirchenkreises Winsen auf. An dem Darius-Projekt, benannt nach dem von der Elfenbeinküste in den Landkreis geflohenen Darius Zozo, sind Asylbewerber aus verschiedenen afrikanischen Staaten sowie aus Syrien, Afghanistan oder Palästina beteiligt. Die Mehrzahl von ihnen hat bereits Zusagen für Praktika, die sie montags bis mittwochs besuchen werden.

Am Donnerstag, Freitag und jeden zweiten Sonnabendvormittag schließt sich der Sprachunterricht über im Schnitt zwölf Stunden pro Woche an. Die Erfolgschancen sind hoch, da die Flüchtlinge bereits länger in Deutschland sind und deutsch sprechen. Alle von ihnen haben eine Perspektive länger oder für immer zu bleiben, auch wenn noch längst nicht alle anerkannt sind.

Die Räume für den Unterricht stellen die Berufsbildenden Schulen Winsen. Die Lehrer sollen von der Kreisvolkshochschule kommen. Geplant ist zudem eine soziale Betreuung, die eine Trägerorganisation übernehmen soll. Zudem sollen ehrenamtliche Paten an der Seite der jungen Ausländer stehen.

Die Arbeitsagentur erkennt das Projekt als Einstiegsqualifikation an, so dass während der Praktika Zuschüsse an Firmen gezahlt werden können. „Wir brauchen aber noch Unternehmen, die Praktikanten aufnehmen wollen“, sagte Winsens Wirtschaftsförderer Justus Olesch. Dies ist seit August 2015 nach einer Gesetzesänderung möglich. Olesch nimmt Vorschläge unter Telefon 04171/657-257 entgegen.

Im ehemaligen Gasthaus „Zum Nassen End“ werden die Fremdenzimmer nun für die Flüchtlinge hergerichtet. Sie werden dort zu zweit wohnen. Die 70 Quadratmeter große Küche wird zur Wohnküche umgebaut, für Betreuung, Beratung und als Büro steht eine kleinerer Raum bereit.

Dazu gibt es genug Platz, um Hausaufgaben zu bearbeiten und nicht zuletzt einen großen Mehrzweckraum. „Dort könnten zusätzliche Kurse angesiedelt werden. Er ist aber auch dafür geeignet, sich untereinander zu treffen oder Kontakt mit Freunden oder Anwohnern aus der Stadt aufzunehmen“, sagte Ulrike Tschirner die Stabsstellenleiterin der Stadt Winsen.

Mit der Unterkunft in dem Lehrlingswohnheim wird für die Flüchtlingen die Zeit während ihrer Ausbildung von August an für die nächsten drei Jahre gesichert. „Das Projekt ist zeitlich begrenzt. Wie sehen aber derzeit kein Auslaufdatum“, sagte Bürgermeister Wiese.

Reiner Kaminski, der Sozialdezernenten des Landkreises, findet den Vorstoß „hervorragend.“ Keine Frage: Nachdem allein in den ersten Wochen 2016 mehr Flüchtlinge aufgenommen wurden als 2013, braucht Kaminski auch größere Unterkünfte. „Es ist aber sinnvoll, die Menschen in solchen überschaubaren Häusern unterzubringen und sie dort zu fördern“, sagte er. Er habe „auch über die Grenzen des Landkreises hinaus noch von keinen vergleichbaren Projekt gehört“.

Für eine gezielte Integration sei es wichtig, dass solche Projekte Schule machen, sagte Tim Langner vom Winsener Herbergsverein, der sich stark in der Flüchtlingsarbeit engagiert. „Integration bedeutet, langfristig zu denken“, so auch Winsens Pastor Markus Kalmbach. „Wenn die Gesellschaft nichts tut und schläft, werden sich Parallelgesellschaften entwickeln.“ Das Pilot-Projekt dürfte dagegen für die Flüchtlinge ein Zeichen geben. Kalmbach: „Wer sich auf den Hosenboden setzt, lernt und arbeitet, hat eine Perspektive.“