Harburg
Heidewasser

Hamburgs Durst hinterlässt Spuren in der Nordheide

Das Anzapfen des Grundwassers in der Nordheide soll für weitere 30 Jahre festgeschrieben werden. Aber es bleibt nicht ohne Folgen.

Hamburg will noch mehr Trinkwasser in der Nordheide fördern – und das obwohl bereits heute Grundwasserstände sinken und Bäche austrocknen. So argumentieren Naturschützer wie die Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide (IGN). Sie fordern, das von Hamburg Wasser beantragte Recht, aus insgesamt 38 Brunnen jährlich maximal 18,4 Millionen Kubikmeter Trinkwasser zu gewinnen, deutlich zu beschränken. Derzeit geben die beteiligten Verbände ihre Stellungnahmen zu dem Antrag auf eine neue, 30-jährige Fördergenehmigung ab, die eine lange, streitträchtige Geschichte hat.

Seit 1983 fördern die Hamburger Wasserwerke, heute Hamburg Wasser, zwischen Handeloh im Westen und Toppenstedt im Osten bestes Wasser zur Versorgung der Hansestadt. In den ersten 30 Jahren durfte das Wasserwerk Nordheide in Nindorf jährlich 25 Millionen Kubikmeter Rohwasser aufbereiten und per Pipeline nach Norden leiten. Nachdem diese Erlaubnis 2004 erloschen war und durch eine Übergangsregelung ersetzt wurde, ist die jährliche Fördermenge zunächst auf 15,7 und aktuell auf 16,6 Millionen Kubikmeter festgeschrieben. Nun sollen jährlich 16,1 Millionen Kubikmeter genutzt werden – plus Sicherheitsaufschlag von 2,3 Millionen Kubikmeter.

Der Förderbereich um Weseler Bach und Moorbach ist besonders sensibel

Die Entnahme der immensen Wassermassen bleibt nicht ohne Folgen. Der Durst der Großstadt senkt mancherorts den Grundwasserspiegel ab, worunter die Vegetation, aber auch die Landwirtschaft potenziell leiden. Auch der Wasserhaushalt des Bodens wird durch die jährliche Entnahme von vielen Millionen Kubikmeter Grundwasser beeinflusst.

Das führe dazu, dass ein Teil der Heidebäche zeitweise austrocknet, beklagt der Arbeitskreis der Naturschutzverbände im Landkreis Harburg. So falle der Unter- wie auch der Oberlauf des Weseler Moorbachs bei Inzmühlen zeitweise trocken, und auch im Weseler Bach herrsche Wassermangel. Der Arbeitskreis forderte vor einigen Tagen, vier Förderbrunnen im Gebiet dieser Bäche, darunter auch die besonders sensible Entnahmestelle W12, stillzulegen. Das Terrain gehört nicht zu den Bereichen, in denen laut Hamburg Wasser die Förderaktivitäten den Wasserhaushalt des Bodens beeinflusst haben. Diese sind auf einer Karte verzeichnet: Das größte Gebiet ist die Toppenstedter Aue zwischen Toppenstedt und Garlstorf. Zwei Flächen liegen südlich des Wasserwerks im Förderbereich der Brunnengruppe Nordheide Ost, zwei weitere im Westen im Einzugsgebiet der Este, südlich von Welle und Handeloh. „Hier gibt es Auswirkungen durch die Wasserförderung. Aber nur in einem geringfügigen Ausmaß“, sagt Carsten Roth, Kommunikationschef von Hamburg Wasser. Naturschutzgebiete seien nicht betroffen.

Allerdings räumt Hamburg Wasser ein: „Es werden im Bereich der Fassung (des Brunnenstrangs, die Red.) und nördlich davon die Abflussmengen von Fließgewässern um bis zu 20 Prozent reduziert.“ Die Weseler Bäche durchfließen ein solches Gebiet. In seiner Nähe liegt der Förderbrunnen W12.

„Der Bereich ist total sensibel. Der Brunnen sollte nur als Reservebrunnen betrieben werden, und das ist auch der Fall“, sagt Mathias Zimmermann, Geschäftsführer des Vereins Naturschutzpark (VNP) Lüneburger Heide, größter Grundeigentümer in der Region. Zimmermann befürwortet den Ansatz von Hamburg Wasser, die fünf stillgelegten Brunnen des Wasserwerks Schierhorn an sein Entnahmenetz anzubinden. Und das, obwohl das Einzugsgebiet der Brunnen in Naturräume reicht, die nach EU-Recht streng geschützt sind (FFH- und Vogelschutzgebiete). Zimmermann: „Wir werden sehr darauf achten, ob durch die Wasserentnahme Veränderungen in der Natur entstehen. Falls ja, muss Hamburg Wasser reagieren. Denn die Schutzgebiete dürfen sich nach EU-Recht ökologisch nicht verschlechtern.“ Die zusätzlichen Förderbrunnen von Schierhorn entlasten die bestehenden Entnahmestellen in den Bereichen Nordheide West und Ost und machen das Fördermanagement flexibler, argumentiert Zimmermann. „Hamburg Wasser kann so besser auf Veränderungen reagieren. Wir gehen davon aus, dass es auch weiterhin eine gute, kooperative Zusammenarbeit gibt.“

In Trockenzeiten verschwinden Bäche zeitweilig im sandigen Untergrund

Der Hamburger Wasserversorger macht vor allem das Wetter dafür verantwortlich, dass „in der Nordheide immer wieder mal kleine Bäche trocken fallen“. Betroffen seien Gewässer direkt unterhalb von Quellen, die aus oberflächennahen, sogenannten schwebenden Grundwasserkörpern gespeist werden. Diese haben keinen Kontakt zu tieferen Grundwasservorkommen, aus denen Hamburg Wasser fördert. So sieht es auch Zimmermann: „In der Lüneburger Heide ist das Phänomen des Bachschwindens geläufig.

Auch die Luhe und die Wümme haben sandige Abschnitte, in denen sie in einen schwebenden Grundwasserkörper absinken und an anderer Stelle wieder an die Oberfläche treten.“ Die schwebenden Grundwasserkörper werden mit Regen gefüllt und können bei Trockenheit versiegen.

Auch die Charakterpflanze der Lüneburger Heide, die Besenheide, ist eher vom Niederschlag abhängig als vom Grundwasserstand. Das heißt, ihr droht durch den Klimawandel Ungemach und weniger durch die Wasserentnahme für Hamburg. Vor vier Jahren hat der Landschaftsökologe Professor Werner Härdtle an der Leuphana Universität Lüneburg untersucht, wie die Besenheide fit gemacht werden kann, um Trockenheitsstress besser zu ertragen.

Damals legten die regionalen Klimamodelle nahe, dass der sommerliche Niederschlag in der Lüneburger Heide um ein Viertel abnehmen könnte. Nach neuesten Untersuchungen wird eher mit einem Minus von zehn Prozent gerechnet. Aber das sei nicht unbedingt eine Entwarnung, sagt Härdtle: „Es sieht so aus, dass die einzelnen Trockenheitsereignisse intensiver werden könnten, was den Pflanzen dann ebenfalls stark zusetzt.“

Mathias Zimmermann vom VNP nennt einen weiteren Faktor für den Wasserhaushalt der Nordheide: die Wasserentnahme zur Beregnung von Landwirtschaftsflächen. Sie habe stärkere ökologische Folgen als die Förderaktivitäten von Hamburg Wasser, sagt der Naturschutzfachmann.

Im Rahmen des laufenden Antragsverfahrens sei es gelungen, dass diese landwirtschaftlichen Wasserentnahmen bei der Risikoabwägung mit berücksichtigt werden – „eine vorbildliche Vorgehensweise des Landkreises Harburg“. Anfang März will der VNP seine Stellungnahme zum wasserrechtlichen Antrag von Hamburg Wasser abgeben. Im Mai ist ein Erörterungstermin geplant. Mit einem abschließenden Ergebnis wird frühestens Ende des Jahres, eher Anfang 2017 gerechnet.