Harburg
Wilhelmsburg

Szene-Lokal Deichdiele ist frisch renoviert

Der Flur ist jetzt Galerie: Aus früheren Kinosesseln heraus können Besucher bequem die ausgestellten Werke, hier Fotos des Künstlers f. strand, betrachten

Der Flur ist jetzt Galerie: Aus früheren Kinosesseln heraus können Besucher bequem die ausgestellten Werke, hier Fotos des Künstlers f. strand, betrachten

Foto: Thomas Sulzyc

Das Szene-Lokal in Wilhelmsburg hat jetzt einen Raucherraum, zusätzliche Biersorten und Kinosessel in der Galerie.

Wilhelmsburg.  In früheren Kinosesseln aus dem Hansa Filmstudio in Bergedorf sitzen Besucher im Flur, um gut gepolstert die in wechselnden Ausstellungen an die Wand gebrachten Fotos und Malereien zu betrachten. Seit Neuestem hat sich der schmale Flur der Café-Bar Deichdiele in Wilhelmsburg von einem Durchgang in eine Kunstgalerie mit Verweilpotenzial verwandelt.

Insgesamt zehn Tage lang war die Szene-Location der Veringstraße 156 geschlossen gewesen. In dieser Zeit hat Wirt Andreas Kürschner, 38, seine Bar zusammen mit Freunden und Stammgästen komplett renoviert und Neues geschaffen. Das feiert die Deichdiele am Sonnabend, 6. Februar, ab 18 Uhr mit Live-Musik und DJ-Set.

Ab sofort qualmen Gäste ihre Zigaretten nicht mehr am Tresen, sondern ziehen sich in ein Raucherzimmer zurück. 80 Prozent seiner Gäste, schätzt Andreas Kürschner, seien Raucher. In vielen Gesprächen hat der Wirt deshalb diesen Schritt mit seinen Gästen diskutiert.

Die signalisierten, kein Problem damit zuhaben, sich für eine Glimmstängellänge in das Raucherexil mit neu geschliffenem Holzparkettboden zurückzuziehen. Andreas Kürschner war erleichtert. Denn sonst hätte er auf der Verkauf von hausgemachtem Kuchen und belegten Brötchen verzichten müssen.

Der rauchfreie Barraum eröffnet die Möglichkeit zur Erlebnisgastronomie: Ab sofort sehen Gäste, wie der Käse aufs Brötchen und die Vinaigrette auf den Salat kommt. Das Personal bereitet die im Viertel beliebten Speisen an einem neu geschaffenen Kaffeetresen neben der Bar zu.

An der Bar hat eine größere, drei­gruppige Zapfanlage die bisher eingruppige ersetzt. Zusätzlich zu Pilsener Urquell bietet die Deichdiele jetzt Biere der Ratsherrnbrauerei an: Pils, Pale Ale und als süffiges Zwickelbier. Der sechs Meter lange Tresendeckel ist neu. Der Wilhelmsburger Tischler Philipp Hilgenberg hat ihn in einem Stück geschaffen.

Die Böden neu geschliffen und versiegelt. Die Decken in Perlweiß, die Wände in gemütlichem Elfenbein gestrichen. Das Inventar abgeräumt und die Räume kernsaniert. Die Deichdiele zeigt sich frisch wie bei der Eröffnung vor viereinhalb Jahren. Stammgäste haben beim Renovieren geholfen. „Ich war gerührt. Das war so solidarisch“, sagt Andreas Kürschner.

Als der Umbau anstand, traute der Wirt seinen Augen kaum: Gleich zehn seiner Stammgäste standen vor der Tür, um anzupacken. Das zeigt, dass die Deichdiele mehr als eine Bar ist. Gastgeber Andreas Kürschner bietet einem heterogenen Wilhelmsburger Publikum vielmehr ein gemeinsames Wohnzimmer. In der Nacht zum vergangenen Donnerstag waren nach insgesamt zehn Tagen die Arbeiten abgeschlossen. Alle Helfer feierten das Ereignis um zwei Uhr nachts spontan mit Senfeiern.

Andreas Kürschner ist stolz auf ein Möbelstück, das einer seiner Gäste geschaffen hat: Aus früheren Dielenbrettern hat eine Sitzbank gebaut. Bei Bedarf lässt sich die Rückenlehne zu einem Tisch für das DJ-Pult umklappen.

Auf einen anderen Stammgast, bei einem großen Unternehmen in der Musical- und Theaterbranche beschäftigt, geht das ausgezeichnete Soundsystem der Bar zurück. Es heißt, es gehöre zu den besten in Hamburgs Kneipen.

Andreas Kürschner gehört zu den Pionieren in den Wilhelmsburger Szenelandschaft. Seine Café-Bar, die vegane Speisen anbot, in der DJs auflegten und in der Musiker auftraten, war vor viereinhalb Jahren noch ein Exot inmitten der Dönerläden, Imbisse und Spielhallen, die damals noch prägend für die Szene im Reiherstiegviertel waren. „Im vergangenen Jahr ging es durch die Decke“, sieht sich der Wirt in seiner Beharrlichkeit bestätigt. Heute gehören vegan und vegetarisch längst zum Sprachgebrau im Reiherstiegviertel.

Die Galerie im Flur sei bis in den April mit Ausstellungen ausgebucht, sagt Andreas Kürschner. Das Kollektiv „We Shit Big Bricks“ mit Künstlern aus Dresden, Weimar und Nürnberg zeigt ab dem 19. Februar Malerei und Fotografie.

Die Wiedereröffnung feiert die Deichdiele am Sonnabend, 6. Februar, ab 18 Uhr mit ihren Gästen. Der Wilhelmsburger Selbstironiker D.J. Schlagsaite spielt seine Songs. Andreas Kürschner freut sich, die Postpunk-band Soft Front präsentieren zu dürfen, von der er noch viel erwartet. Anschließend geht es mit dem DJ-Set „Shimmy Shimmy Yeah“ weiter.

Übrigens: Vor der Unisextoilette warten Gäste ab sofort stilvoll und bequem in früheren Kinosesseln.