Harburg
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"Kehrwieder" – Szene-Bier kommt jetzt aus Sinstorf

Vertriebsfrau Nadine Werner hilft beim Abfüllen. Geselle Christoph Staüelfeldt füttert das Band

Vertriebsfrau Nadine Werner hilft beim Abfüllen. Geselle Christoph Staüelfeldt füttert das Band

Foto: Lars Hansen / xl

Der Bier-Sommelier und Prädikats-Brauer Oliver Wesseloh hat die erste eigene „Kehrwieder“-Brauanlage in der ehemaligen Meierei in Betrieb genommen.

Sinstorf.  Für die Flaschen ist es ein bisschen, wie ein Dombummel junger Männer: Es geht dreimal in verschiedene Karussells, sie sind schon auf der Hälfte der Tour voll und zum Schluss gibt es was auf den Deckel. Nur, dass die jungen Männer meist am nächsten Tag wieder zu gebrauchen sind. Die Flaschen hingegen müssen mindestens zwei Wochen Ruhe haben. In der Sinstorfer „Kehrwieder Kreativbrauerei“ wurde gestern der erste eigene Braugang abgefüllt, der komplett in der eigenen Anlage entstanden ist: Ein Imperial Black Prototyp. Ab jetzt sind Brauer Oliver Wesseloh und seine vier Mitarbeiter so richtig im Geschäft.

Den Kern der Brauanlage hatte Oliver Wesseloh schon vor über einem Jahr in der ehemaligen Sinstorfer Meierei aufgestellt. Konstruiert hatte sie der studierte Brauingenieur selbst – und zwar sowohl am Reißbrett, als auch in der Werkstatt. Nur: Dass er die Mittel zum Brauen hatte, hieß nicht, dass er loslegen konnte. Die offizielle Genehmigung, die Meiereihalle zum Brauen zu nutzen, hatte Wesseloh erst im Herbst in der Post.

Gebraut hat er trotzdem, nur woanders: Mit seinen Rezepten und oft auch mit seinen Zutaten reiste er herum und nutzte freie Kapazitäten in anderen Kleinbrauereien. Die Handwerksbrauerszene ist gut vernetzt und man hilft sich gegenseitig. So schaffte Oliver Wesseloh es schon vor Jahren, die Marke „Kehrwieder“ in der Gourmet-Bier-Szene zu etablieren. Der Renner in seinem Sortiment ist das Lagerbier „Prototyp“ und für zwei andere Ales wurde Kehrwieder gerade mit Brauerpreisen bedacht. Mehrere Jahre war er auf den amerikanischen Kontinenten als Brauereiberater unterwegs – und 2014 war er Weltmeister der Biersommeliers.

Biersommeliers? In der Tat heben sich die „Craft Beers“ der Kleinbrauereien von der Massenware dadurch ab, dass sie komplexe Geschmackserlebnisse bieten. Dafür gibt es ausgewiesene Experten: Die Beurteilung des Leipziger Biersommeliers Daniel Jakob für Kehrwieders „Imperial Black“ liest sich so: „Aromen von frisch gemahlen Kaffeebohnen strömen zusammen mit etwas süßlicher Lakritze über die Zunge, ein Hauch schwarze Johannisbeere gesellt sich dazu und sorgt für einen leicht fruchtigen Gegenpart zu dem doch recht intensiven, leicht nussigen Malzkörper“.

Für die Geschmacksvielfalt sorgt im Wesentlichen der Hopfen. „Verschiedene Sorten haben verschiedene Aromen“, sagt Oliver Wesseloh. „Die Sorte Polaris zum Beispiel ist minzig, Mandarina gibt Zitrusaromen ab, und Mosaic von jedem etwas.“ Außerdem macht es einen Unterschied, ob der Hopfen dem heißen Sud beigefügt wird, oder erst, wenn der Sud schon abgekühlt ist. Eine absolute Spezialität sind nass gehopfte Biere, bei denen der Hopfen frisch vom Feld verarbeitet wird. „Die kann man natürlich nur einmal im Jahr machen“, sagt Wesseloh.

Pro Braugang können Oliver Wesseloh und seine Leute 500 Liter herstellen. Das ist nicht viel, gibt aber auch die Freiheit zum Experimentieren: Sollte etwas schiefgehen, ist der Verlust nicht gleich so hoch. Schief gegangen ist bislang noch nichts. Dafür steigt die Experimentierfreude: Ein paar Tage vor dem Abfüllen des Imperial Black haben sich die Kehrwieder-Brauer an etwas Neues gewagt: Eine Gose.

Das ist ein Rezept aus dem Harz, bei dem neben Hopfen noch Koriander im Spiel ist und das beim Brauen stärker gesalzen wird, als andere Biere. Geselle Felix Stapelfeldt schätzt diese Abwechslung: „Ich habe bei einer Großbrauerei gelernt, bei der wir immer dasselbe Bier gebraut haben“, sagt er. Dass hier ist anders. Vor der Brauerlehre hat Stapelfeldt Informatik studiert, „aber das war nichts für mich“, sagt er.

Auch Azubi Christian Müller hat ein Studium abgebrochen, um Brauer zu werden. Er wäre sonst demnächst Lehrer für Deutsch und Englisch. Stattdessen steht er nun am Maischbottich und kippt das Malz, dass er am Vorabend zusammen mit Stapelfeldt geschrotet hat aus Fässern ins heiße Wasser, während Stapelfeldt mit einem Holzpaddel umrührt.

Nach dem Einmaischen kühlt die Flüssigkeit einige Stunden ab. Dann wird sie geläutert: Die Spelzen und Schalen aus dem Malzschrot werden entfernt. Danach wird Hopfen – und im Fall der Gose Koriander – hinzu gegeben und die Würze, so heißt die Flüssigkeit, aufgekocht und nochmal gereinigt. Im Gärtank kommt Hefe hinzu und die Würze wird sich einige Tage selbst überlassen, bevor sie als Jungbier in Lagertanks umgefüllt wird. „Lagerzeit ist durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Lagerzeit“ erklärt Oliver Wesseloh, die Wichtigkeit des Reifens und Nachgärens. Geduld gehört zu seinem Handwerk.

Das Imperial Black hat Monate in den Lagertanks an sich gearbeitet – und ist immer noch nicht fertig. Zwar stehen Oliver Wesseloh, Felix Stapelfeldt und die für den abwesenden Lehrling eingesprungene Vertriebsfrau Nadine Werner an der Verpackungsanlage und die Flaschen fahren durch Reinigung, Abfüllung und Verkorkung, aber das Bier hat keine Kohlensäure. „Die kommt erst durch die Flaschengärung“, sagt Wesseloh. „Je länger die dauert, desto feinperliger wird die Kohlensäure. Zwei Wochen muss das Imperial Black jetzt mindestens stehen.“

Zeit also, sich neue Sachen auszudenken. So hat Wesseloh gerade ein alkoholfreies Gourmet-Bier erfunden, und unter dem Titel Normalnull auf den Markt gebracht: “ Das ist das erste alkoholfreie, das ich trinke weil ich will, nicht weil ich muss“, sagt er.