Harburg
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Die Notärzte im grünen Container

Dr. Manfred Giensch orgamisiert den Notdienst und übernimmt auch selbst Schichten

Dr. Manfred Giensch orgamisiert den Notdienst und übernimmt auch selbst Schichten

Foto: Lars Hansen / xl

Lange musste der kassenärztliche Notdienst improvisieren, wenn er zur ZEA kam. Rotarier stiften Untersuchungsraum.

Harburg.  Eineinhalb Jahre mussten Notfallärzte, die zur Zentralen Erstaufnahme (ZEA) an der Harburger Poststraße gerufen wurden, hier improvisieren. Behandlungsräume standen ihnen nicht zur Verfügung. Der Rotary Club Hamburg-Haake sprang ein und stiftete einen Container für die Untersuchungen. Doch mit dem Stiften allein war es nicht getan.

Dass der Container überhaupt aufgestellt werden konnte, ist einer spontanen Köpenickiade des Chirurgen Dr. Manfred Giensch zu verdanken. Als der zusammen mit dem Bauunternehmer Heinrich Weseloh nämlich Mitte November mit dem Laster und der Kiste bei der ZEA vorfuhren, wollte der Hausmeister die schriftliche Genehmigung sehen, bevor er as Abladen gestattete.

Giensch hatte bis dahin aber nur eine mündliche Zusage des Bezirksamts. Dafür aber hatte er die Jacke an, die er als Mannschaftsarzt der deutschen olympischen Reiter-Equipe trägt – und auf der prangt ein Bundesadler. Außerdem behauptete er – ohne zu lügen – der kassenärztlichen Vereinigung anzugehören. Die offiziell klingenden Worte und der Wappenvogel reichten als Legitimation.

Giensch war es auch, auf dessen Initiative der Container zurückging. Er fährt selbst Nacht- und Sonntagsschichten im kassenärztlichen Notdienst. Im Zuge dessen wurde Giensch auch immer öfter zur ZEA gerufen.

Dort gibt es zwar einen Arzt, aber auch der kann nicht 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche arbeiten. Nach Feierabend schließt er seine Behandlungsräume ab. „Das kann ich auch nachvollziehen“, sagt Giensch, „ich würde es ähnlich machen, denn in den Räumen lagern Medikamente und Wertgegenstände.“

Der Notdienst muss also in der Enge einer Erstaufnahme arbeiten, in der die Menschen in manchen Nächten schon gesund zu wenig Platz hatten. „Ich habe Untersuchungen auf ehemaligen Packtischen des Postamtes und auf dem Fußboden durchgeführt, währen darum herum Menschen standen, die eigentlich dort geschlafen hätten“, sagt Giensch. „An Patienten-Privatsphäre ist da gar nicht zu denken. An ordentliche Hygiene auch nicht.“

Giensch,, selbst Rotarier, thematisierte das Problem bei seinem Club. Der Rotary Club Hamburg-Haake hat sich seit Anfang 2015 ohnehin die Unterstützung der Flüchtlinge auf die Fahnen geschrieben.

Ebenfalls Clubmitglied ist der Bauunternehmer Heinrich Weseloh. Er stellte einen Bauleitungscontainer zu Verfügung. Aus Gienschs Praxis kam eine alte Behandlungsliege. Abschließbaren Schränke für die Medikamente sowie ein Schreibtisch und eine Heizung waren bereits im Container. Schlüssel für den Untersuchungsraum befinden sich in allen Fahrzeugen des Notdienstes, die im Hamburger Süden unterwegs sind. Alle Ärzte im Dienst haben also Zugriff auf den Container.

Was sie behandeln müssen, hängt meistens mit der langen Flucht zusammen, die die Menschen hinter sich haben: Atemwegsinfekte aufgrund geschwächter Abwehrkräfte, Erkrankungen des Verdauungssystems aufgrund monatelanger Mangelernährung sowie Rücken- und Gelenkbeschwerden sind die häufigtsen Gründe, den Notdienst zu rufen.

Zwar hat jeder Not-Hausarzt Medikamente in seinem Koffer, aber der Bedarf in den Erstaufnahmen, wo Tag und Nacht neue Menschen ankommen und oft sofort Hilfe benötigen, würde die Kapazitäten der Koffer übersteigen und die Abrechnung nicht versicherter Patienten ist kompliziert.

Die am häufigsten benötigten Medikamente sind deshalb in den Schränken des Containers vorhanden. Sie sind ebenfalls eine Spende des Rotary-Clubs. „Seit der Container steht, haben wir bereits für 4500 Euro Medikamente ausgegeben“, sagt Giensch.

Damit meint er nicht den Endverbraucherpreis. Der Harburger Apotheker Lühr Weber, auch er Rotarier, gibt die Medikamente zum Einkaufskurs weiter. „Seine Arbeit, also das Bestellen, Lagern und abpacken der Medikamente, spendet er“, sagt Manfred Giensch. „Auch viele seiner Mitarbeiterinnen springen da gerne und freiwillig ein, wenn sie mal etwas Zeit übrig haben.“

Die Container-Idee würde Giensch auch gerne an den anderen Erstaufnahme-Standorten umgesetzt sehen. Allein: Es sind dicke Bretter zu bohren, das merkte er schon, als es um den Untersuchungsraum an der Poststraße ging.

„Die Zuständigen in Behörden und Institutionen sind ja durchaus willig“, sagt er. „aber sie sind so überlastet, dass sie sich nicht um alles kümmern können. Es ist deshalb schwierig, Ansprechpartner zu finden.“

Vielleicht sollte Dr. Manfred Giensch einfach öfter mal die Nationalmannschaftsjacke anziehen, mit einem Container vorfahren, und wahrheitsgemäß sagen, er käme von der kassenärztlichen Vereinigung.