Planung

60 junge Neubürger für Itzenbüttel?

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Susanne Rahlf
Waren skeptisch: Auch für die Mitglieder des Bau- und Planungsausschusses war die Idee von einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Itzenbüttel neu

Waren skeptisch: Auch für die Mitglieder des Bau- und Planungsausschusses war die Idee von einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Itzenbüttel neu

Foto: Susanne Rahlf / HA

Mitten im 300-Einwohner-Dorf könnten bald bis zu 60 unbegleitete , minderjährige Flüchtlinge untergebracht werden

Jesteburg.  Die Skepsis stand vielen ins Gesicht geschrieben und was die Einwohner aus Itzenbüttel am Mittwochabend bei der Sitzung des Bau- und Planungsausschusses in Jesteburg zu hören bekamen, ließ diese Skepsis nicht wirklich weichen. Der Tagesordnungspunkt, der rund 80 Itzenbütteler in den Sitzungsraum in der Seniorenbegegnungsstätte am Sandbarg gelockt hatte, hieß ganz harmlos: „Nachnutzung einer Hofstelle in Itzenbüttel“. In Anbetracht der vielen Zuschauer, die teilweise standen, um die Sitzung verfolgen zu können, entschuldigte sich die Ausschussvorsitzende Britta Witte zunächst: „Wir haben das Thema ein bisschen unterschätzt.“

Hinter der eher harmlosen Formulierung steckt eine Idee, die allerdings für sozialen Sprengstoff sorgen könnte. Mitten im Dorf, am Itzenbütteler Sod, betreibt Robert Böttcher eine Landwirtschaft. Die Hofanlage ist stark sanierungsbedürftig. Weil er Tiere hält, gibt es wegen der Geruchsemissionen ständig Ärger mit der Nachbarschaft. Nun will Böttcher sich neu aufstellen und an den Dorfrand aussiedeln. Die Fläche im Dorf muss er dafür verkaufen. Sein Freund Ulrich Deus, Träger des Kinderheims Forellenhof, wurde hellhörig. Deus war, wie alle Betreiber von Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis, im vergangenen Jahr von der Verwaltung in Winsen aufgefordert worden, nach neuen Plätzen zur Unterbringung von minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen zu suchen.

Die Kapazitäten des Forellenhofs sind erschöpft, so entstand der Plan, für die Jugendlichen auf der freiwerdenden Fläche Böttchers ein Heim zu errichten. Allerdings würde nicht der Forellenhof diese Kinder betreuen, sondern die Jugend- und Heimaufsicht des Landkreises. Mittelfristig, wenn der Bedarf sinkt, könnten die Gebäude in Wohnungen umgebaut werden.

Die Mitglieder des Ausschusses waren, genau wie die Itzenbütteler, sehr überrascht davon, dass die Pläne für eine Flüchtlingsunterkunft so weit gediehen sind. Die Lüneburger Stadtplanerin Ute Mehring zauberte sogar schon ein erstes Konzept aus dem Hut und erläuterte, wie das Gelände genutzt werden müsste, um bis zu 60 Jugendliche aufnehmen zu können.

„Ich sehe, dass eine Notwendigkeit für Unterbringung von Flüchtlingen im Landkreis besteht“, sagte Karl Heinz Glaeser (Bündnis 90/Die Grünen) im Anschluss an die Präsentation. Er bemängelte dass Böttcher und Deus schon konkret geplant, die Gemeinde aber bisher außen vor gelassen hätten, zumal Deus das Heim nicht selbst betreiben wolle. „Deus ist als Retter angetreten, will aber keine Verantwortung tragen.“ Außerdem sah er ein deutliches Missverhältnis zwischen Einwohnerzahl, nämlich rund 300 und 60 jungen unbegleiteten Flüchtlingen.

Dennoch steht für ihn die Aufnahme und Akzeptanz von Flüchtlingen außer Frage: „Wir haben eine gesellschaftlich prekäre Situation und wir müssen damit umgehen. Bevor wir entscheiden, wollen wir das mit den Bürgern ausdiskutieren“, sagte er. Cornelia Ziegert (SPD) appellierte an alle, das Schicksal, die Not und das Elend der Geflüchteten nicht aus den Augen zu verlieren. Sie merkte an, dass der Ort Jesteburg nicht allein die Flüchtlinge aufnehmen könnte, sondern auch Bendestorf und die umliegenden Dörfer helfen müssten, Unterbringungen zu schaffen. Insgesamt zeigten sich die Mitglieder des Ausschusses sehr skeptisch gegenüber der Idee von 60 Jugendlichen in Itzenbüttel, zumal es bisher weder einen Investor gebe noch ein Konzept für die Betreuung der Jugendlichen.

Wie sozial verträglich so eine große Zahl an neuen, traumatisierten Kindern und Jugendlichen in dem kleinen Dorf ohne große Infrastruktur ist, das fragten sich auch die vielen Zuschauer. Die Diskussion verlief ruhig und konstruktiv, alle bekamen die Gelegenheit, ihre Sorgen und Bedenken zu äußern.

Möglichst noch vor den Osterfreien wird es eine Bürgerversammlung geben, in der allgemein über die Unterbringung von unbegleiteten Jugendlichen informiert wird. Auch die Ausschussmitglieder bekamen ein paar Hausaufgaben mit auf den Weg. Bis Ende März sollen sie und die Verwaltung sich schlau machen zu dem, was an Betreuung, Unterbringung und Schulversorgung organisiert werden muss, wenn die Jugendliche, an welchem Ort auch immer, da sind. Wann die Termine stattfinden, wird rechtzeitig im Internet auf der Seite der Gemeinde bekannt gegeben.

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