Harburg
Ausgleichsflächen

Ausverkauf in Seevetals Elbmarsch

Biolandwirt Heiner Flügge fürchtet, dass er bald keine geeignete Weidefläche mehr für seine Rinder findet, wenn um ihn herum überall Ausgleichsflächen entstehen

Biolandwirt Heiner Flügge fürchtet, dass er bald keine geeignete Weidefläche mehr für seine Rinder findet, wenn um ihn herum überall Ausgleichsflächen entstehen

Foto: Christiane Tauer / HA

Landwirt Heiner Flügge befürchtet, dass sein Milchviehbetrieb keine Zukunft hat, wenn weiterhin so viel Weideland in Ausgleichsflächen umgewandelt wird

Meckelfeld.  Am Friesenweg reicht der Blick ins Unendliche. Grüne Wiesen, niedrige Büsche, erst ganz weit hinten ist Harburg zu erkennen. Ein ideales Fleckchen Erde für einen landwirtschaftlichen Betrieb wie den von Heiner Flügge. Seit 1992 führt der 58-Jährige am äußersten Rande Meckelfelds einen Ökobetrieb, 1998 wurde er offizieller Bioland-Partner. Flügge besitzt 500 Milchkühe und züchtet Jungtiere, vor knapp vier Jahren hat er einen neuen, größeren Stall errichtet. Die Größe seines Betriebs bereitet dem Landwirt mittlerweile jedoch Sorgen, denn obwohl die Weiten der Elbmarsch schier unendlich scheinen, sieht er Probleme, in Zukunft ausreichend Weideflächen für seine Tiere zu finden. Das Gebiet vor den Toren Hamburgs ist eines der heiß umkämpftesten Flächen im Landkreis Harburg.

Mehrere Hektar sind allein von Hamburger Seite in den vergangenen Jahren erworben worden. Sollte die Raststätte Elbmarsch kommen, wären weitere große Teile zubetoniert. Darüber hinaus würden die dafür benötigten Ausgleichsflächen direkt hinter Heiner Flügges Hof beginnen. Als der Milchbauer dann Ende vergangenen Jahres auch noch erfuhr, dass der Landkreis Harburg einige Landwirte, die in seiner Nachbarschaft Flächen besitzen, angeschrieben hat und sie fragte, ob sie diese Flächen nicht als Ausgleichsflächen an den Kreis verkaufen möchten, war für ihn das Ende der Fahnenstange erreicht. Wenn alles Land um ihn herum bald belegt ist, wie soll er dann noch Weideflächen für seine Kühe finden?

„Wir sind ein Vollerwerbsbetrieb mit sieben Mitarbeitern“, sagt Flügge. 200 Hektar Gesamtfläche bewirtschaftet er, davon gehören ihm 30 Hektar, der Rest ist dazugepachtet. Sein Sohn Lars ist 25 Jahre alt und möchte den Betrieb später übernehmen. Eigentlich. Der Landwirt und seine Ehefrau Anke fragen sich aber, ob das überhaupt sinnvoll ist.

Der Landkreis Harburg kann die Sorgen der Flügges nachvollziehen. Man wisse, dass in diesem Teilstück der Elbmarsch ein großer Flächendruck herrsche, sagt Kreisrat Björn Hoppenstedt. Deshalb habe man sich sehr frühzeitig dafür entschieden, diesen Bereich für Ausgleichsflächen nicht so stark anzufassen. Die Anfragen an die Landwirte seien Wiedervorlagen gewesen. „Zukünftig werden wir uns dort zurückhalten“, so Hoppenstedt.

Die Kreisverwaltung weiß aber auch, dass der Flächenverbrauch generell ein Problem ist, das man nicht wegdiskutieren kann. „Die Grenzen sind irgendwann erreicht“, sagt Hoppenstedt. Nämlich dann, wenn es schlicht kein Land mehr gibt. Der Landkreis habe es sich aber gerade durch die Schaffung eines Kompensationspools vor acht Jahren zum Ziel gemacht, die Situation zu entschärfen, sagt Detlef Gumz, Leiter der Abteilung Naturschutz und Landschaftspflege. Ein kluges Konzept helfe, Verwerfungen zu vermeiden.

Problematisch wird es allerdings, wenn auch Institutionen von außerhalb auf den Markt drängen. So hat beispielsweise die Stiftung Ausgleich Altenwerder, die Ausgleichsflächen für den Bau des Containerterminals im Hamburger Hafen schafft, vor einigen Jahren ihre Fühler in den Landkreis ausgestreckt. „2011 hatte ich mehrere Angebote von Landwirten auch aus Niedersachsen“, sagt Gisela Bertram von der Stiftung. Sie habe damals zugeschlagen, ebenso im Jahr 2013, als sie eine weitere Fläche auf niedersächsischem Gebiet an der Grenze zwischen Hamburg und Seevetal kaufte. „Als Vertreterin einer Naturschutzstiftung denke ich nicht primär in Landkreisgrenzen“, sagt sie und verweist zudem darauf, dass es in einer Stadt wie Hamburg quasi unmöglich sei, überhaupt noch freie Flächen zu ergattern.

Ist der Schritt über die Landesgrenze also die logische Konsequenz aus der Hamburger Flächennot? Der niedersächsische CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke aus Elstorf weiß um die Brisanz dieses Themas. Er hat in dieser Angelegenheit deshalb eine Kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt (siehe Infokasten). Er sei auf das Thema im Zusammenhang mit der A 26 in Neu Wulmstorf gestoßen, hierbei habe er erfahren, dass Hamburger Betriebe und Investoren dort an allen gesetzlichen Regelungen vorbei auf niedersächsischem Gebiet zukaufen würden, so Schönecke.

Als sich dann auch noch Landwirt Heiner Flügge bei ihm meldete und ihm seine Sorgen schilderte, brachte das für ihn das Fass zum Überlaufen. Wird Landwirtschaft in der Gemeinde Seevetal bei diesem Kampf um Flächen zukünftig überhaupt noch möglich sein? Das fragte sich Schönecke. Gerade in der südlichen Metropolregion sei es nötig, mit einer größtmöglichen Transparenz zu arbeiten. Ein Schritt in diese Richtung wäre es seiner Meinung nach, das Grundstücksverkehrsgesetz, das die Landwirtschaft vor dem Ausverkauf ihres Bodens schützen soll, dahingehend zu ändern, dass nicht nur private Verkäufe genehmigungspflichtig sind, sondern auch alle Ankäufe von Ländern, Kommunen, Stiftungen und Verbänden. „Die Ressource Boden ist nicht vermehrbar.“