Podiumsdiskussion

Harburger Stadtentwicklung – es fehlt an Inspiration

| Lesedauer: 5 Minuten
Lutz Kastendieck
Statt vieler Fahrradständer:Das gläserne Fahrradparkhaus der Firma Wöhr gibt es schon – nur eben noch nicht in Harburg. Wo es auf dem Bahnhofsvorplatz bestens stehen würde

Statt vieler Fahrradständer:Das gläserne Fahrradparkhaus der Firma Wöhr gibt es schon – nur eben noch nicht in Harburg. Wo es auf dem Bahnhofsvorplatz bestens stehen würde

Foto: FDP Harburg / HA

„Weltstadt oder Provinz?“ lautete der provokante Titel einer Podiumsdiskussion der FDP Harburg zur Stadtentwicklung.

Harburg.  Hat der stolze Harburger die Hoffnung auf eine neue Blüte seines Bezirks schon aufgegeben? Gerade 20 interessierte Bürger hatten sich am Freitagabend im Hörsaal des Elbcampus eingefunden, um im Rahmen der FDP-Reihe „Fraktion vor Ort“ das Thema „Harburg – Provinz oder Weltstadt?“ zu diskutieren. „Die Frage ist natürlich zugespitzt, aber als Ausgangspunkt für einen regen Gedankenaustausch sicher genau richtig“, sagte Gastgeber Kurt Duwe, Bürgerschaftsabgeordneter der Freien Demokraten.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Veranstaltung hätte deutlich mehr Teilnehmer verdient gehabt. Denn sie bot die Gelegenheit, mal deutlich über den Tellerrand hinauszuschauen. Was der Harburger Stadtplaner Henrik Sander in seinem Einführungsvortrag an Ideen aus europäischen Nachbarländern und aus Übersee präsentierte, wäre durchaus auch für die Harburger City vorstellbar.

Hotelturm mit Windturbine auf dem Dach? Aber doch nicht in Harburg!

Zum Beispiel das Hochhaus mit der Windturbine auf dem Dach. Für die EcoCity auf dem früheren Gelände der New York-Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) hatte es sogar schon einen futuristischen Entwurf des Schweizer Architektenbüros tecArchitecture im Kooperation mit dem US-Generalplaner Arup aus Los Angeles gegeben. Doch bei der Vorstellung stellten visionslose Bedenkenträger dann so viele abwegige Fragen, dass Schweizer wie Amerikaner in Harburg nie wieder gesehen wurden. Heute steht der markante Bau mitten in London.

Doch selbst wenn es nicht hoch hinausgeht – auch ganz „bodenständig“ offenbart Harburg, wie uninspiriert und trostlos es oft ist. Bestes Beispiel ist für Sander der Herbert-Wehner-Platz. Von beziehungslosen Bauten begrenzt, sei die Verweilqualität gleich Null. Nicht einmal Bänke zum Hinsetzen gebe es. „Während der IBA gab es da schon ein paar gute Ansätze, doch verstetigt hat man sie nicht“, sagt Stadtplaner Sander.

Der Übergang zwischen Bahnhof und City – ein schlafender Spot

Dabei gebe es aus Polen, Blackpool in England und Kopenhagen genügend Beispiele, wie man innerstädtische Plätze mit einfachen Mitteln beleben kann. Dazu zählten auch kleine begrünte Inseln aus Rollrasen. Sander: „Es gibt da einen großen Fußballverein in dieser Stadt, der öfter mal das Geläuf in seinem Stadion wechseln muss. Vielleicht wäre es ja denkbar, die weniger stark abgetretenen Areale in Harburg upzucyclen.“

Eine Dauerbaustelle im Bezirk ist seit vielen Jahren die Aufwertung der Wegeverbindungen zwischen den Hauptspots der City. „Es gibt einfach zu wenige echte Flaniermeilen, immer wieder stößt man auf Hindernisse“, monierte ein Teilnehmer. So sei der Übergang vom Bahnhof zur City ein „schlafender Spot“. Weil es zum einen verschiedene Grundeigentümer mit eigenen Interessen, zum anderen keinen strategischen Plan gebe.

Spektakuläre Velo-Viadukte sind anderenorts Touristenattraktion

„Ja, ja“, bestätigte Heinrich-Otto Patzer, „die Bundesbahn ist ein sturer Verein, der nur schwer zu Veränderungen zu bewegen ist.“ Das gehe schon damit los, dass man den Bahnhof durch den starken Baumbewuchs im Bereich des Vorplatzes kaum sehen könne. „Außerdem sollte man eine Teilüberbauung der Gleise wie in Altona erwägen, um mehr Gestaltungsfläche zu gewinnen“, so Patzer.

Vorstellbar sei beispielsweise die Umwandlung in einen echten Switchpoint. Mit einer Station für Leihräder und einer für Mietautos. Und mit einem attraktiven gläsernen Parkturm für private Fahrräder, wie ihn die Firma Wöhr bereits anbietet.

Wie der Fahrradverkehr überhaupt eine große Chance biete, um die City insgesamt attraktiver zu machen. So entwarf Stararchitekt Sir Norman Foster für London „Sky Cycle“, spezielle Velo-Viadukte, um den Rad- vom normalen Autoverkehr zu separieren. „In New York gibt es so etwas schon. Die Highline ist längst zu einem Touristen-Magnet geworden“, wie Dr. Stefanie Bremer zu berichten wusste.

Über den Dächern der Stadt schlummert jede Menge Bauland

„In Portland und Chicago arbeitet man hingegen viel mit Farbe, um die Bewegungsräume für Radfahrer optisch deutlicher zu kennzeichnen“, sagt Sander. Das habe nicht zuletzt zu einer deutlichen Zunahme der Fahrradnutzung als Verkehrsmittel geführt.

Auch für die Schaffung dringend benötigten Wohnraums gibt es anderenorts bereits praktische Lösungsansätze. „Klar, sind Brachflächen in der Innenstadt rar. Doch es gibt ja genügend Bauland über den Dächern der Stadt“, erklärt Sander. So seien in Utrecht und Wien Bestandsbauten aufgestockt worden: „Und das auf architektonisch äußerst attraktive Weise.“ Von so etwas träume er auch immer wieder, wenn er sein Büro in der Lüneburger Straße verlasse und durch die Fußgängerpassage gehe.

„Wir reduzieren uns selbst zu oft, sind nicht mutig und visionär genug“, zog der FDP-Bezirksabgeordnete Carsten Schuster ein persönliches Fazit des Abends. Und Henrik Sander befand: „Angesichts dessen, was in anderen Städten alles möglich ist, kleben wir hier in Harburg doch zu stark am Tellerrand. Und das ist letztlich sehr provinziell.“

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