Harburg
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„Wir müssen Brücken bauen“

Pastor Gerhard Janke vor der Cornelius-Kirche Fischbek

Pastor Gerhard Janke vor der Cornelius-Kirche Fischbek

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Abendblatt-Interview mit Pastor Gerhard Janke von der evangelischen Cornelius-Gemeinde Fischbek über die Flüchtlingshilfe in Süderelbe.

Neugraben. Am Aschenland in Neugraben-Fischbek wird der Bau einer weiteren Flüchtlingsunterkunft mit 3000 Plätzen vorangetrieben. Das hat die Diskussion um die Dimensionen der Hilfeleistungen im Stadtteil verschärft. Das Abendblatt sprach mit Pastor Gerhard Janke, 57, von der evangelischen Cornelius-Gemeinde, einem führenden Kopf der Initiative „Willkommen in Süderelbe“, über kirchliches Handeln, diffuse Ängste und den langen Schatten der Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln und Hamburg.



Hamburger Abendblatt: Pastor Janke, gegen das geplante Massenquartier am Aschenland in Neugraben regt sich heftiger Widerstand. Die Bürgerinitiative Neugraben-Fischbek verzeichnet nach Informationen der BINF weiter anhaltenden Zulauf. Wie beurteilen Sie die Situation?

Gerhard Janke: Ich weiß nicht, ob das mit dem anhaltenden Zulauf so wirklich stimmt. Nicht jeder, der sich in der Facebook-Gruppe der BINF angemeldet hat, muss zwingend hinter den Zielen der Initiative stehen. Da gibt es vielleicht auch viele unter den mehr als 1200 Gruppenmitgliedern, die sich einfach nur informieren wollen und zum Teil gar nicht in unserem Stadtteil leben. Zieht man die einmal ab, dürfte die BINF kaum viel mehr Anhänger zählen als das Freiwilligen-Netzwerk der Flüchtlingsinitiative „Willkommen in Süderelbe“, das aktuell etwa 860 Ehrenamtliche verzeichnet.

Gibt es intensive Kontakte zwischen den beiden Initiativen?

Janke : Nein. Sicher auch deshalb, weil die BINF einen ganz anderen Ansatz verfolgt. Sie will eine entscheidende Reduzierung der geplanten Größe, eine Halbierung der Platzzahl durchsetzen. Die Willkommensinitiative hat sich hingegen der aktiven Flüchtlingshilfe verschrieben. Zum Teil sind die Menschen ja schon da, also muss man ganz pragmatisch jetzt tätig werden und nicht irgendwann. Richtig ist aber auch, dass es Bürger gibt, die sich in beiden Initiativen engagieren.

Wie erklären Sie sich die ausgeprägt ablehnende Haltung der BINF?

Janke : Ich denke, da tragen auch Behörden und Bezirksverwaltung eine gewisse Mitschuld. Die Infoveranstaltung Ende September im BGZ Süderelbe war aus meiner Sicht schlecht vorbereitet und durchgeführt worden. Damit wurde einer gewissen Protesthaltung bereits Vorschub geleistet. Und dass die Behörden jetzt kompromisslos bei ihrer Linie bleiben, macht die Situation auch nicht einfacher. Aber die Flüchtlingszahlen sind nun mal ein Fakt, auf den man reagieren muss.

Die evangelische Cornelius-Gemeinde war von Beginn an ein Vorreiter der Flüchtlingshilfe in Süderelbe. Warum?

Janke : Zu helfen ist ein zentrales Anliegen kirchlichen Handelns. Wenn Bedürftige an unsere Pforte klopfen, dann werden sie nicht abgewiesen. Der Flüchtlingsstrom ist eine große Herausforderung für dieses Land, diese Stadt, für den Bezirk Harburg. Der müssen wir uns stellen, das ist unsere moralische Pflicht. Der stellen sich übrigens auch die anderen beiden evangelischen Gemeinden der Michaeliskirche in Neugraben und der Thomaskirche in Neuwiedenthal. Wir verfügen zudem über einen großen Erfahrungsschatz. Immerhin gab es am Aschenland bereits in den 90er-Jahren eine Flüchtlingsunterkunft infolge des Balkankriegs, in der sich viele unserer Mitglieder engagiert haben.

Speist sich die Willkommensinitiative also vorwiegend aus Gemeindemitgliedern?

Janke : Nein, so ist es nicht. Für unseren Newsletter haben sich auch sehr viele Menschen angemeldet, die nicht zu einer der drei Kirchengemeinden gehören. Ich treffe bei unseren Aktionen immer wieder auf Mitbürger, denen ich noch nie zuvor begegnet bin. Nur mal ein Beispiel: Als wir vor ein paar Wochen nach einem Kleintransporter gefragt haben, meldeten sich innerhalb von 90 Minuten gleich zehn Privatleute und Firmen. Das hat mich tief beeindruckt und mir gezeigt, dass es in Süderelbe eine große Welle der Hilfsbereitschaft gibt.

Gibt es auch eine Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinde Heilig Kreuz und der islamischen Gemeinde in Neugraben?

Janke : In der Initiative „Willkommen in Süderelbe“ engagieren sich auch Mitglieder der katholischen und der islamischen Gemeinde. Aber jede Gemeinde hat natürlich eine andere Schwerpunktsetzung. Die Gemeinde Heilig Kreuz zum Beispiel kümmert sich seit vielen Jahren um das ökumenische Obdachlosen-Frühstück. Dieses Angebot bindet auch personelle Ressourcen, die dort nicht im Überfluss vorhanden sind. Was die islamische Gemeinde Neugraben angeht, so musste ich lernen, dass sie stark türkisch geprägt ist. Sie ist deshalb kein selbstverständlicher Anlaufpunkt für die muslimischen Flüchtlinge. Der interreligiöse Dialog ist aber trotzdem extrem wichtig. Wir müssen Brücken bauen.

Hat die Hilfsbereitschaft in Süderelbe nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht gelitten?

Janke : Das kann ich bisher nicht feststellen. Sicher liegt es daran, dass die freiwilligen Helfer der Willkommensinitiative „ihre“ Flüchtlinge kennen. Die passen nicht in das Schema jener Männer, die für die verheerenden Angriffe in Köln und Hamburg verantwortlich sind. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich konkreten Kontakt zu Asylbewerbern an einem Standort habe, oder von einer anonymen, diffusen Angst getrieben bin. Diese wichtigen persönlichen Erfahrungen ermöglichen ein differenziertes Urteil und schützen vor Pauschalisierungen. Die weder angemessen, noch sonst wie hilfreich sind.

Die Vorkommnisse in Köln und Hamburg werden also ohne Auswirkungen auf das Verhältnis zu den Flüchtlingen bleiben?

Janke : Das habe ich nicht gesagt. Ich habe hier für die Mitglieder unserer Willkommensinitiative gesprochen. Es wäre aber naiv zu glauben, dass solche abscheulichen Übergriffe keinen Einfluss auf die allgemeine Stimmungslage hätten. Das lässt sich ja allein schon an einigen Reaktionen von Spitzenpolitikern ablesen. Ich kann aber nur hoffen, dass die jüngsten Attacken nicht gewisse Vorurteile und Ressentiments verstärken. Und letztlich in eine Hysterie münden, die nicht mehr steuerbar ist.