Harburg
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Wo sich Hippies in Harburg zum Tennis verabredeten

Die „Stumpfe Ecke“ im Seeveviertel ist Harburgs letzte alternative Szenekneipe. Vieles erinnert an alte Zeiten, doch der Wirt schaut voraus und plant für eine lange Zukunft

Harburg. Das Bier zickt. Das ist der Preis, den ein Wirt zu zahlen hat, wenn er etwas zapfen will, das ein wenig außerhalb der Industrierezeptur gebraut wurde. Den großen Markenbieren haben ihre Produzenten das Schäumen längst abgewöhnt, sie lassen sich in einem Zug aus dem Hahn ins Glas zapfen. Auf das „Zwickel“ muss man etwas warten. Und obwohl es langsam ist, ist gerade dieses Bier der Renner unter dem Zapfhahn. Willkommen in der „Stumpfen Ecke“ im Seeveviertel! Willkommen in Harburgs letzter Kneipe für die alternative Szene.

Jan Laboor ist der mittlerweile dritte Chef hinter dieser Theke – jedenfalls der „Ecke“, wie man sie seit ein paar Jahrzehnten kennt. Den Berliner Akzent hat er sich auch nach 18 Jahren in Hamburg nicht von der Zunge schleifen können, trotzdem gilt er den Leuten in der Stumpfen Ecke als Harburger Jung. Wirt ist er hier allerdings nicht: Laboor führt die Geschäfte der Gaststätte für ihre Besitzerin.

Die Gaststätte gibt es seit fast 100 Jahren. Zur Pilgerstätte für durstige Szenetypen wurde sie vor drei Jahrzehnten. Anfang der 80er-Jahre übernahm Sabine Mroszewski die Gaststätte von ihren Eltern und brachte frischen Wind in die „Ecke“. Gleichzeitig passierten drei andere Dinge: Die legendäre Szenekneipe „Antagon“ schloss für immer, der Bau der S-Bahn sowie die damit verbundene Brachialsanierung des Seeveviertels wurden abgeschlossen und bei der „Ecke“ um die Ecke eröffnete der Rieckhof.

Es kamen also wieder Leute ins Viertel, die vorher an Bauzäunen verzweifelten und es gab durstige Szenetypen, die eine neue Bleibe suchten. Sabine Mroszewski, einst selbst gerne Gästin im „Antagon“ empfing sie mit offenen Armen. Gäste, die im Antagon zum Inventar gehört hatten, zogen einfach nur einmal um und bleiben der „stumpfen Ecke“ bis an ihr Lebensende treu.

Dazu verstand es die Wirtin, stets neue Gäste für ihr Lokal zu begeistern. Neben Getränkepreisen leicht unter dem Harburger Schnitt, aber bewusst über Kaschemmen-Niveau sowie günstigen und sagenumwobenen Snacks – besonders um die Frikadellen rankten sich Gerüchte, die den Genuss zur Mutprobe machten, tatsächlich gab es aber keine einzige Beschwerde – war es vor allem die Atmosphäre der „Stumpfen Ecke“, die das Lokal stets füllte; und es bis heute tut. Die Stammgäste der „Stumpfen Ecke“ halten nach innen fest zusammen und öffnen nach außen die Arme für jeden, der dazu gehören will.

Für den Zusammenhalt sorgten vor allem die außergastronomischen Aktivitäten, die die Wirtin und ihr Lebenspartner für die Gäste anleierten. Neben der jährlichen Fahrradrallye waren es oft auch – zumindest für dieses Publikum – ungewöhnliche Sportbetätigungen, wie ein Tennisturnier für linksalternative Hippietypen, Baseball oder Eishockey. Berüchtigt war auch der Außenmühlen-Kastenlauf: Jeweils zwei Partner mussten in möglichst kurzer Zeit eine Kiste Bier durch den Harburger Stadtpark tragen und dabei alle Flaschen leeren. Aufgrund der zahlreichen Sportaktivitäten heißt der Tisch am Tresen in der „Stumpfen Ecke“ auch immer noch „Trainerbank“.

Im Inneren der Ecke sah es aus, wie in anderen Hamburger Links-Szenekneipen auch: Flugblätter und meinungsbildende Aufkleber an den Schankraumwänden, politische Graffiti auf dem Klo. Es konnte vorkommen, dass jemand vom Urinieren zurückkam und verwirrt fragte, wogegen man zehn Jahre zuvor eigentlich in Wackersdorf gewesen sei.

Mit dem Rauchverbot in Gaststätten änderte sich einiges. Um die Raucherlaubnis behalten zu können, musste die Stumpfe Ecke das Speisenangebot streichen. Aus der einstigen Küche wurde ein Clubraum und in diesem Zuge wurde die Kneipe grundrenoviert. Die Flugblätter sind bis heute nicht wiedergekommen. Auch sie sind ein Stück Print-Kultur, das längst ins Internet abgewandert ist.

Sabine Mroszewski hat die Stumpfe Ecke vor etwa zehn Jahren verkauft. Andere führten sie in ihrem Sinne weiter. Die Doppelkopfrunde, die es schon im Antagon gab, spielt immer noch – alte Hasen mit jungem Nachwuchs.

Geschäftsführer Jan Laboor, 48 Jahre alt, möchte hier alt werden. „Ich bin hier als Gast mit offenen Armen empfangen worden, das möchte ich als Wirt weitergeben“, sagt der studierte Bühnentänzer und gelernte Zimmermann, der vor Jahrzehnten schon mal eine Theaterbar im brandenburgischen Wittenberg geführt hat.

Da die Gäste auf der Trainerbank auch etwas älter und bequemer geworden sind, setzt er nicht mehr auf Baseball und Eishockey. Bei Jan Laboor ist Kultur angesagt. „Einmal im Monat habe ich Livemusik“, sagt er. „Öfter wäre wohl besser, aber ich muss mich auch mit den Anwohnern arrangieren.“

An anderen Tagen gibt es Lesungen oder musikalische Themenabende, die der Wirt gemeinsam mit enthusiastischen Gästen vorbereitet. Zwei Stunden lang wird sich intensiv um einen Künstler, ein Album oder einen Stil gekümmert. Dazu liegen Info-Blätter auf den Tischen. Montags werden gegebenenfalls Sankt-Pauli-Spiele übertragen. Wer eine Raute auf dem Herzen hat, darf trotzdem kommen. Er muss nur mit dem Mitleid leben.

Nach dem fünften Nachzapfen ist das Glas voll und der Schaum hat sich auf Fingerbreite verdichtet. „Hier, Dein Zwickel“, sagt Jan Laboor. Willkommen in der Stumpfen Ecke!