Harburg
Wirtschaft

Knaller und Raketen – Der Feuerwerker von Marmstorf

Jahreswechsel 2014/15 über Harburg, zahlreiche Raketen und Feuerwerkskörper erleuchten den Himmel

Jahreswechsel 2014/15 über Harburg, zahlreiche Raketen und Feuerwerkskörper erleuchten den Himmel

Foto: Andre Lenthe/photo-klick.de

Oliver Graetzer handelt drei Tage im Jahr mit Knallern, Krachern und Raketen. An diesen Tagen ist er sein eigener Chef.

Marmstorf.  „Piepmantschen“ findet Google im ganzen Internet exakt zwei Mal, dabei weiß jeder Hamburger Jung’, was damit gemeint ist – noch. Denn die streichholzgroßen Mini-Feuerwerkskörper, die zu einer Matte zusammengebunden sind, welche knatternd abbrennt, und welche die meisten Jungs dann doch auftüdeln, um die kleinen Kracher einzeln zünden zu können, findet man zwar noch zweimal im Internet, aber kaum irgendwo im Handel, wenn man vor Silvester auf Feuerwerkseinkauf ist.

In den vorsortimentierten Feuerwerkstüten der Supermärkte fehlen sie meistens. Die wirklich großen Silvesterartikel sind auch schwer zu bekommen. Weil einen Marmstorfer das ärgerte, wird er drei Tage im Jahr zum Feuerwerkseinzelhändler. Die Leute rennen ihm die Bude ein. „Die Vorfreude beim Silvestereinkauf gehörte früher immer dazu“, sagt Oliver Graetzer. „Aber heute kommt dabei keine Freude mehr auf, eher Frust und Stress. Das liegt daran, dass es keine Geschäfte mehr gibt, die sich damit auskennen. Die Drogerien und Eisenwarenhändler sind verschwunden und die Supermärkte, die sie ersetzen, sehen Feuerwerk nur noch als Umsatzbringer, den sie auf dem Grabbeltisch verkaufen. Beraten können die meistens nicht.“

Beraten kann allerdings Graetzer. Er ist Böllerexperte, seit er eine Lunte zünden kann. Als das Feuerwerksrecht vor ein paar Jahren EU-weit harmonisiert wurde, freute er sich auf tolle Batterien und Effekte – und war zunächst enttäuscht. Zwar hätte man nun ganz andere Feuerwerksartikel verkaufen können, aber keiner tat es. Der Grund war, dass die deutschen Hersteller die neuen Möglichkeiten nicht ausnutzten. „Die haben die Erhöhung der erlaubten Sprengstoffmenge anfangs nur genutzt, um die Batterien zu verlängern“, sagt Graetzer, „und die niederländischen Artikel waren hier nicht im Handel.“

Statt sich weiter zu ärgern, schritt Oliver Graetzer zur Tat. Der 45 Jahre alte Werftangestellte meldete ein Gewerbe an – für einen Laden, der nur drei Tage im Jahr geöffnet werden darf und für ein Geschäft, das mit zahlreichen Auflagen versehen ist. Oliver Graet­zer kennt sie alle. Da ist er akribisch – und muss sich jedes Jahr neu einlesen, denn die EU-Harmonisierung der Feuerwerksbestimmungen ist noch nicht ganz abgeschlossen. Bis 2017 werden sich immer noch Grauzonen zwischen EU-Recht und nationalen Bestimmungen ergeben. Die Rechtsmaterie ist schwierig. Ein weiterer Grund, warum Supermärkte auf vorkonfektionierte Pakete setzen.

„Als ich mir bei der Polizei die Gefahrgutgenehmigung einholte, haben die mich angeguckt, als wäre ich gerade mit einem Ufo bei ihnen eingeflogen“, erinnert sich Graetzer, „aber ich will immer alles ordentlich machen.“

Illegale Ware sucht man daher bei ihm vergeblich. Graetzer führt weder die illegal importierten sogenannten „Polenböller“, noch verkauft er professionelles Feuerwerk an Laien. „Wenn wir von schlimmen Silvesterunfällen hören, liegt das fast immer an einem dieser zwei Gründe“, sagt er. „Die legale Ware ist bei umsichtigem Umgang nicht sehr verletzungsgefährlich, außer im Augenbereich. Deshalb verkaufe ich auch Schutzbrillen.“

Oliver Graetzer setzt auf ein breites Sortiment, nicht nur, was Knallkörper angeht. So hat er auch Lichteffekte, wie Fontänen und Sonnenräder im Angebot. Sonnenräder sind aus den vorkonfektionierten Paketen schon so gut wie verschwunden. „Doch es gibt auch einige Kunden, die ihre Nachbarn nicht mit Lärm belästigen wollen, aber trotzdem gerne ein schönes Feuerwerk sehen“, sagt Graetzer. „Für die stelle ich dann ein individuelles Angebot zusammen, das ich das Altenheimpaket nenne – große Show bei wenig Krach.“

Auch ansonsten setzt Graetzer auf Beratung. So kommen viele Kunden zu ihm, die sich ihre eigene Feuerwerksshow zusammenstellen wollen. Oliver Graetzer verkauft ihnen, was der Laie haben darf: Elektronische Zündvorrichtungen, Zündschnüre, Anzündlitzen und Schutzbrillen. Kostenlos gibt es Ratschläge. Seine Kunden kommen mittlerweile aus ganz Norddeutschland nach Marmstorf.

Am 29. Dezember wird Oliver Graet­zer seinen Handel an der Bremer Straße 243 eröffnen. „Das ganze Jahr über bin ich Befehlsempfänger, aber diese drei Tage stehe ich wie bei der Kinderpost hinter dem Verkaufstresen und bin mein eigener Chef.“

Reich wird er damit nicht. Die Nebenkosten sind immens. Allein die fachgerechte Lagerung bei einem Gefahrgutlogistiker – Graetzer hat in diesem Jahr 1,4 Tonnen Netto-Sprengstoffmasse – und die tägliche Nachlieferung ins Geschäft nagen einen großen Teil des Profits weg. Aber Spaß macht es ihm.

„Piepmantschen“ findet man zweimal im Internet – und paketweise an der Bremer Straße.

Wer bereits jetzt neugierig ist, kann sich das Sortiment unter www.graetzer-einzelhandel.de schon mal im Internet ansehen. Dort gibt es auch Videos zu den einzelnen Effekten.