Harburg
Norddeutschland

Baumschulen im Norden leiden unter der Russland-Krise

Bernhard von Ehren inmitten der Bäume auf dem Gelände seiner Baumschule. Im Herbst hat er besonders viel zu tun

Bernhard von Ehren inmitten der Bäume auf dem Gelände seiner Baumschule. Im Herbst hat er besonders viel zu tun

Foto: Michael Rauhe

Zwei große Anbieter im Norden mussten Insolvenz anmelden. Auch Von Ehren aus Marmstorf spürt die Kaufzurückhaltung, wächst aber trotzdem.

Hamburg.  Als kurz nacheinander zwei Lkw mit russischen Kennzeichen auf den Hof rollen, nickt Bernhard von Ehren zufrieden. „Die russischen Privatkunden kaufen weiter gerne ,made in Germany‘“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Baumschule Lorenz von Ehren. Während in den ­Hamburger Parks und Gärten vor der Winterruhe das letzte Laub zusammengeharkt wird, herrscht auf dem Betriebsgelände an der Autobahnanschlussstelle Marmstorf Hochbetrieb. Wenn die Blätter gefallen sind, der Boden aber noch nicht gefroren ist, haben die knapp 120 Mitarbeiter reichlich zu tun: Tausende Bäume und Sträucher werden aus dem Boden gehoben und anderswo in den sogenannten Quartieren wieder eingepflanzt. Und auf dem Betriebshof werden jetzt die Bäume verladen, die sich die Kunden im Sommer ausgesucht haben. Herbstzeit ist Pflanzzeit.

Das Unternehmen Von Ehren wirtschaftet auf 380 Hektar

„Neulich standen 15 Lastwagen gleichzeitig auf dem Hof, pro Tag sind es jetzt 30 bis 40“, sagt von Ehren. Auf nicht wenigen davon hat gerade einmal ein Baum Platz. Das Unternehmen, das im Herbst den 150. Jahrestag seiner Gründung gefeiert hat und in fünfter Generation von einem Von Ehren geführt wird, ist Spezialist für alte und damit große und schwere Bäume. Eine drei bis vier Tonnen schwere und zwölf Meter hohe Platane auf einen Lkw zu hieven, der den Baum zu einem Privatkunden in Schleswig-Holstein bringt, gehört zum Tagesgeschäft. Einer der größten Aufträge in der jüngeren Vergangenheit war die Lieferung von 100 großen Linden nach London: jeder Baum etwa 30 Jahre alt, 60 bis 70 Zentimeter Stammumfang, sieben- bis achtmal umgepflanzt, drei Tonnen schwer, Listenpreis 10.000 Euro. „Es ist eine Nische, in der es nicht viele andere Baumschulen gibt“, sagt von Ehren.

Etwa 20 Millionen Euro Umsatz erzielt das Unternehmen in Marmstorf und mit einem Zweigbetrieb im niedersächsischen Bad Zwischenahn nach eigenen Angaben. „2001 waren es 16 Millionen Mark“, sagt Bernhard von Ehren, 43. Es war das Jahr, in dem er nach der Ausbildung zum Baumschulgärtner und einem Betriebswirtschaftsstudium in das damals von seinem Vater Bernd und seinem Onkel Lorenz geführte Unternehmen eintrat. Acht Jahre zuvor war der Unternehmenssitz von Nienstedten nach Marmstorf verlegt worden. Mitten in der Stadt Bäume zu schulen war nicht länger sinnvoll.

„Die Lage ist insgesamt nicht rosig“, sagt von Ehren, der auch Vizepräsident des Bundes deutscher Baumschulen (BdB) ist, über die Situation in der Branche. Zwei große Baumschulen im Kreis Pinneberg mussten in diesem Jahr Insolvenz anmelden. Die eine hatte große Teile ihres Umsatzes mit den Baumarktketten Max Bahr und Praktiker gemacht, bevor diese in die Insolvenz gingen. Die andere ist wie von Ehren auf große Bäume spezialisiert und geriet in Schwierigkeiten, weil das Geschäft mit Russland einbrach.

Auch von Ehren macht fast die Hälfte des Umsatzes in anderen europäischen Ländern und in den Staaten entlang der alten Seidenstraße bis nach Usbekistan und Tadschikistan. Und die politischen Folgen der Ukraine-Krise und die Währungsturbulenzen um den Rubel wurden auch in Marmstorf spürbar. „Für Baumschulen gilt zwar kein Embargo, aber die Umsätze im Russland-Geschäft sind um 35 Prozent zurückgegangen“, sagt von Ehren. Deshalb freut es ihn, wenn Lkw mit russischen Kennzeichen auf dem Hof rollen.

Doch es gibt auch andere Trends und langfristige Entwicklungen, die ein Unternehmen berücksichtigen muss, das heute Entscheidungen über das künftige Sortiment trifft, die sich erst in zehn oder zwanzig Jahren als richtig oder falsch erweisen werden. „Viele Städte und Kommunen kaufen zunehmend billig ein“, weiß von Ehren. Und weil in Neubaugebieten die Grundstücke oft kleiner als früher sind, werden dort eher keine großen Bäume gepflanzt.

Hinzu kommen der Klimawandel und die Konkurrenz um Flächen. Mit den steigenden Temperaturen breiten sich Baumkrankheiten in den Norden aus, denen etwa die heimischen Kastanien und Eschen kaum gewachsen sind. Typische Stadtbäume wie die Linde leiden unter Wärmestress. Zugleich gibt es neue naturschutzrechtliche Vorgaben. „Deshalb werden wir ab 2020 zum Beispiel keine Norddeutsche Eiche mehr nach Süddeutschland verkaufen dürfen“, sagt von Ehren.

Das von ihm geführte Unternehmen wirtschaftet in Hamburg und dem nördlichen Niedersachsen auf 380 Hektar, etwa 260 davon sind gepachtet. Bei Neuverpachtungen und auslaufenden Verträgen kann das zum Problem werden, denn wegen des Bedarfs an nachwachsenden Rohstoffen sind Landwirtschaftsflächen begehrt. Zudem wächst die Bevölkerung im Landkreis kontinuierlich, Bau-Grundstücke in den Stadtrand-Gemeinden Seevetal und Rosengarten erzielen hohe Preise.

„Flächenwachstum ist nicht alles, der Standort Deutschland steht für uns nicht zur Debatte. Wir wollen nach innen wachsen“, sagt Bernhard von Ehren. Mehr Service für die Kunden, eine höhere Effizienz in den Betriebsabläufen und bei der Logistik, Sicherung der Arbeitsplätze lauten die Ziele. „Ein großer Teil der Kunden will Qualität, und wir liefern das Rundum-sorglos-Paket dazu.“ Zudem will das Unternehmen das Angebot abrunden und in das Geschäft mit der sogenannten Containerware einsteigen. Das sind kleinere Büsche und Bäume, die in Töpfen und nicht im Freiland wachsen. Solche Pflanzen werden schon jetzt gleich neben der Baumschule im Fachmarkt Garten von Ehren verkauft.

Er wird von Bernhards Cousin Johannes geführt und ist ein eigenständiges Unternehmen. Grundlegende Entscheidungen in der Baumschule sind seit knapp drei Jahren nicht mehr allein eine Familienangelegenheit. Anfang 2013 trennten sich die geschäftlichen Wege der Brüder Bernd und Lorenz von Ehren. Die Anteile von Bernhard von Ehrens Onkel gingen an die Vermögensverwaltung der Familie Ströher. Sylvia Ströher ist eine Enkelin von Wella-Gründer Franz Ströher. „Ich bin sehr glücklich darüber“, sagt der Geschäftsführer über den Gesellschafterwechsel, „das hat Ruhe ins Unternehmen gebracht.“

Und Ruhe zu bewahren ist eine unabdingbare Voraussetzung im Geschäft mit großen Bäumen. Der älteste Baum im Sortiment, eine Eibe, war wohl schon 50 Jahre alt, als Lorenz von Ehren das Unternehmen 1865 gründete. Jetzt steht die Eibe nahe dem Betriebshof, und alle paar Jahre wird rund um den Stamm ein Graben gebuddelt, damit die lebensnotwendigen Wurzeln eines Tages doch noch im Ballen aus der Erde gehoben und andernorts wieder eingepflanzt werden können. In der Preisliste steht der Baum nicht. Interessenten sollten sich auf einen sechsstelligen Betrag einstellen.