Harburg
Seevetal

Mehr Schüler, weniger Einnahmen

Musikschulleiter Michael Ränger und das Orchester Kunterbunt der Grundschule Horst

Musikschulleiter Michael Ränger und das Orchester Kunterbunt der Grundschule Horst

Foto: Christiane Tauer / HA

Die Qualität des Angebots in der Musikschule Seevetal scheint gefährdet. Der Schulleiter beantragt 140.000 Euro Gemeindezuschuss.

Seevetal.  Mehr Schüler, aber weniger Einnahmen – diese ungleiche Rechnung muss die Musikschule Seevetal aufmachen, insbesondere, seit sie sich an dem vom Land Niedersachsen bezuschussten und vor fünf Jahren gestarteten Bildungsprogramm „Wir machen die Musik!“ beteiligt.

Um keinen Einbruch bei der Qualität der musikalischen Angebote zu riskieren und den Investitionsstau bei den Instrumenten zu beenden, hat Schulleiter Michael Ränger jetzt gehandelt: Er bat die Gemeinde Seevetal für das kommende Jahr um eine Erhöhung des seit 2009 gedeckelten Jahreszuschusses von 110.000 Euro auf 140.000 Euro.

Im jüngsten Schul- und Kulturausschuss hat seine Bitte bereits Gehör gefunden, das letzte Wort hat der Rat der Gemeinde in seiner Sitzung am 17. Dezember.

Doch was steckt hinter den Problemen der Musikschule? Hatte die Einrichtung im Jahr 2009 lediglich 1200 Musizierende in ihren Unterrichts- und Orchesterangeboten, sind es mittlerweile mehr als 2000. Diese eigentlich positive Entwicklung ist aber leider nicht mit einem finanziellen Gewinn der 1978 als Verein gegründeten Schule verbunden.

Ganz im Gegenteil: War die Musikschule vor ihrer Teilnahme an dem Landesprogramm mit 23 Gruppen besonders stark in ihrer selbst organisierten musikalischen Früherziehung, die frei finanziert und aufgrund der großen Gruppen besonders gewinnbringend war, sind davon heute nur noch acht Gruppen übrig geblieben.

„Um die Zuschüsse vom Land zu erhalten, durften wir keinen Gewinn mehr erwirtschaften“, sagt Schulleiter Michael Ränger. Das heißt, die Schule musste ihre effektivste Sparte eindampfen. „Das ist eigentlich schizophren, aber es war politischer Wille, so viele Kinder wie möglich zu erreichen“, erklärt er.

Das Projekt „Wir machen die Musik!“ will Kindern unter 10 Jahren unabhängig von ihrer sozialen Herkunft musikalische Erfahrungen an Klavier, Gitarre oder beim Singen und Tanzen ermöglichen und geht deshalb in Kooperation mit den Musikschulen direkt in die Kitas und Schulen.

Ränger will das Bildungsprogramm keineswegs schlecht reden – ganz im Gegenteil, der Ansatz sei tatsächlich sehr positiv, sagt er –, und er betont ebenfalls, dass es ganz sicher nicht allein für die finanzielle Schieflage der Schule verantwortlich ist. Trotzdem ist er es, der seit Jahren mit einem Einnahmenminus von circa 27.000 Euro leben muss, das er bisher nur durch rigoroses Sparen ausgleichen konnte.

So gibt die Einrichtung lediglich 2,7 Prozent ihrer Ausgaben für die Verwaltung aus, während der Anteil niedersachsenweit bei 7,6 Prozent liegt. Und auch bei den Einnahmen ist das Haus im Vergleich zum Landesdurchschnitt vorbildlich.

76,5 Prozent erfolgen in Seevetal über die Unterrichtsentgelte, obwohl diese immer noch unter dem Landesschnitt liegen, und nur 16,16 Prozent über die Kommune. Der Landesdurchschnitt hingegen finanziert sich zu 42,19 Prozent über die Kommune und nur zu 49,21 Prozent durch Entgelte. Insgesamt liegt der Haushalt der Musikschule bei 690.000 Euro.

Unabhängig von „Wir machen die Musik!“ habe sich in den vergangenen Jahren ein enormer Wandel vollzogen, sagt Ränger, der seit 1995 als Schulleiter tätig ist. Die Einführung der Ganztagsschule habe auf die Musikschule ebenso starke Auswirkungen gehabt wie die generelle Veränderung der gesellschaftlichen Struktur.

Eine Art Gradmesser dafür könnte die Teilnahme am Wettbewerb „Jugend musiziert“ sein: Sie stagniert. Heißt das, die Schüler sind heutzutage weniger begabt? „Viele haben einfach weniger Zeit“, sagt Ränger. Wer bis in den Nachmittag hinein in der Schule ist, geht danach nicht mehr unbedingt voller Elan freiwillig zum Geigenunterricht. Vor allem die Älteren waren durch die Umstellung auf das Abitur nach acht Jahren sehr in Anspruch genommen.

Ihre Unterrichtszeiten hat die Musikschule deshalb an die veränderten Bedingungen angepasst. Die 55 Lehrer, die auf Honorarbasis arbeiten und in diesem Jahr erstmals seit 2013 eine Erhöhung erhalten haben – kofinanziert durch eine Erhöhung der Unterrichtsentgelte –, starten größtenteils nach 16 Uhr ihren Unterricht..

Für die Mädchen und Jungen des Orchesters Kunterbunt an der Grundschule Horst gilt das nicht. Sie proben montags ab 13 Uhr, wie sich Geigen, Gitarre, Keyboard und Trommel musikalisch zusammenfügen lassen. Michael Ränger selbst leitet die kleine Gruppe, er kommt dazu in die Grundschule und baut mit den Kindern auch die Instrumente auf.

„Ich wollte gerne ein Instrument spielen und habe mich für die Geige entschieden“, sagt Johanna, 8, die seit anderthalb Jahren Unterricht bekommt. Auch Nica, 10, macht das Musizieren viel Spaß. Sie spiele ja eigentlich Klavier, sagt sie. Aber aus Platzmangel nehme sie hier mit dem Keyboard vorlieb.

Angebote wie dieses sind das Herzstücke der Musikschule. „Der Instrumentalunterricht ist das eine“, sagt Ränger. „Aber Chöre, Ensembles oder Orchester, sind uns besonders wichtig.“ Er hofft nun, dass sein Haus all diese Angebote auch in Zukunft anbieten kann und nicht erneut in finanzielle Probleme gerät.