Harburg
Literatur

„Ich bin mir wieder untreu geworden“

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie liest am 1. Dezember in der Samtgemeindebücherei aus ihren Büchern vor

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie liest am 1. Dezember in der Samtgemeindebücherei aus ihren Büchern vor

Foto: Joerg Schwalfenberg

Kirsten Boie spricht über neue Buchprojekte, Hürden der Leseförderung und das Schreiben an sich. Lesung am 1. Dezember.

Hamburger Abendblatt: Seit 30 Jahren schreiben Sie Kinder- und Jugendbücher. Wie schaffen Sie es, sich immer noch in die Kinder hineinzuversetzen?

Kirsten Boie: Das Entscheidende ist, dass man noch einen Zugang zur eigenen Kindheit und deren Gefühlswelt hat. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass ich zwei Kinder groß gezogen und als Lehrerin gearbeitet habe. Da ich auch Kontakt zu Kindern bei Lesungen und Workshops habe, wird der Zugang zur Welt der Kinder nicht verschüttet.

Müssen Sie heute ein Buch anders schreiben als noch vor Jahrzehnten, um Kinder zu erreichen?

Kirsten Boie: Ich bin in der glücklichen oder vielleicht auch unglücklichen Lage, dass ich nur so schreibe wie ich eben schreiben kann. Ich muss eine Idee haben und mich davon tragen lassen können. Die Kinder, an die sich die Bücher richten, aber unterscheiden sich doch sehr. Kinder, die behütet aufwachsen und früh mit Büchern in Kontakt kommen, finden Gefallen zum Beispiel an den Möwenweg-Büchern, in denen der einzige Spannungsgrad der des Alltags ist und wenig passiert. Kinder, die kaum oder gar nicht vorgelesen bekommen und das sind meistens die aus bildungsfernen Schichten, brauchen oft Bücher mit einem höheren Spannungsgrad und schnellere Schnitte in der Geschichte, weil sie das von den Medien so gewohnt sind.

Was, wenn Eltern ihr Kind nicht an das Lesen heranführen können oder wollen. Wer kann das kompensieren und wie?

Kirsten Boie: Das ist ganz schwer. Nach den Erfahrungen, die ich in den 30 Jahren gesammelt habe, halte ich es für zunehmend schwerer. Die Kinder müssen schon ganz früh, lange bevor sie in die Schule kommen, Freude an Büchern haben. Das Lesen lernen ist so kompliziert, dass Kinder die Erfahrung schon vorher gemacht haben müssen, wie spannend Bücher sein können. Sie müssen wissen, dass es ihnen etwas bringt, Lesen zu lernen.

Kann man das nicht mehr nachholen?

Kirsten Boie: Wenn Kinder immer daran gewöhnt sind, beispielsweise im Fernsehen oder am Computer Bilder präsentiert zu bekommen, können sie nur schwer Bilder im Kopf entwickeln. Wenn die Kinder nicht schon vor der Schule mit Büchern zu tun haben, fällt es immer schwerer. Der eigentliche Einstieg ins Lesen findet vor dem Schulstart statt. Deshalb haben die Kitas eine wichtige Aufgabe.

Das Vorlesen ist also der Schlüssel?

Kirsten Boie: Oder die Hör-CD. Das Vorlesen ist natürlich sehr viel schöner, allein schon wegen der kuscheligen Atmosphäre.

Wie kaum ein anderer Autor engagieren sie sich in der Leseförderung. Warum?

Kirsten Boie: Als Lehrerin habe ich erlebt, dass Welten zwischen dem einen Stadtteil und dem anderen liegen. Ich war vollkommen erschüttert, wie anders viele Kinder in einem sozialen Brennpunkt aufwuchsen als die in einem bildungsbürgerlichen Stadtteil. Das Schicksal der Kinder wird oft schon vor der Schule entschieden. Das ist ein ganz fruchtbarer Gedanke. Aber inzwischen ist es auch allen bewusst.

Gibt es etwas, das Sie an ihrem Lehrerberuf vermissen?

Kirsten Boie: Ja, das gibt es tatsächlich. Ich fand es in der Schule so schön, in die Welt der Kinder einzutauchen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Kinder können sehr witzig sein. Ein bisschen erlebe ich das heute noch in den Lesungen. Aber ich kann die Kinder nicht mehr über mehrere Jahre begleiten, ihre Entwicklung verfolgen und den einen oder anderen Anstoß geben. Ansonsten finde ich meinen Beruf ganz toll und möchte keinen anderen haben.

Wie entwickeln Sie die Ideen zu Ihren Büchern?

Kirsten Boie: Das ist immer sehr unterschiedlich. Auf King-Kong bin ich gekommen, weil wir als Familie immer Meerschweinchen hatten. Mein erstes Buch handelte von einem Adoptivkind. Das habe ich geschrieben, nachdem ich mein erstes Kind adoptiert habe. Mein Lieblingsbeispiel ist, wie es zum Buch Seeräubermoses kam. Der Einfall kam mir nicht etwa am Wasser, sondern an der roten Ampel. Ich schaute auf die rote Ampel und sah im Geiste, wie ein roter Hut auf dem Wasser schaukelt. Die Ideen können manchmal auf skurrile Art und Weise entstehen.

Gehen Sie bei Ihrer Arbeit strukturiert vor?

Kirsten Boie: Ich muss einen Plan haben. Ich muss glauben können, dass am Ende ein Buch steht. Aber ich weiß, dass es selten so läuft wie anfangs geplant. Der Plan ist also eher ein Gerüst.

Haben Sie schon als Kind geschrieben?

Kirsten Boie: Ja, ich habe schon mit fünf Jahren angefangen zu schreiben. Beim Ausräumen der Wohnung meiner Eltern habe ich die ersten Geschichten gerade erst wieder entdeckt. Ich habe mir als Kind immer Geschichten ausgedacht und versucht, sie zu erzählen. Aber in dem Alter ist es ja meistens schwierig, Zuhörer zu finden.

Welches Buch haben Sie selbst als Erstes gelesen?

Kirsten Boie: Eines aus der Sonja-Buch-Reihe. Die kosteten 95 Pfennig. Ich habe mir gerade ein paar antiquarisch wiedergekauft. An „Sonja und Dr. Lakritzen“ kann ich mich noch sehr gut erinnern. Die Druckschrift war sehr klein, weil in der Nachkriegszeit Papier gespart wurde. Es war richtiges Augenpulver, durch das wir uns durchbuchstabiert haben.

Was machen Sie bei Schreibblockaden?

Kirsten Boie: Ich räume den Keller auf und putze Küchenschränke.

Ihre Board-Story über die Flüchtlingskinder Rahaf und Hassan, die Lehrer im Deutsch- und Religionsunterricht einsetzen können, ist angesichts der Flüchtlingskrise aktueller denn je. Wie kamen Sie auf die Geschichte?

Kirsten Boie: Ich hatte schon relativ lange mit dem Flüchtlingsthema zu tun und ein Geschwisterpaar kennen gelernt, das mir seine Geschichte erzählt hat. Ich musste sie nur noch aufschreiben. Ich habe sie lediglich etwas verfremdet, indem die Kinder sich andere Namen aussuchen konnten. Ansonsten ist alles authentisch und nichts dramatisiert.

Nun zum Abschluss ein paar persönliche Fragen: Was liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch?

Kirsten Boie: Das Buch „Der dunkle Fluss“ des nigerianischen Autors Chigozie Obiomas. Aus Nigeria kommen gerade viele tolle Bücher. Es entwickelt sich dort eine ganz spannende Literatur. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle finde ich es zudem schön, authentische Bücher zu lesen, um über das Leben dort mehr zu erfahren.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Kirsten Boie: Gar nicht.

Sie lesen am 1. Dezember in Tostedt. Gibt es etwas, das Sie mit dem Hamburger Süden verbindet?

Kirsten Boie: Nicht mit Tostedt, aber mit Hausbruch. In der vierten Klasse war ich dort zusammen mit zwei anderen Mitschülern für vier Wochen in einem Kinderheim, weil wir zu dünn waren und aufgepäppelt werden sollten. Es war eine tolle Zeit. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass uns die Betreuer aus „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler vorgelesen haben.

Haben Sie eine Lieblingsfigur in Ihren Büchern?

Kirsten Boie: Eigentlich nicht. Vielleicht doch: Seeräuber Moses, weil sie so ein patentes Mädchen ist.

Viele Kinder, auch meine, lieben die King-Kong-Bücher.

Kirsten Boie: Das freut mich. Es liegt ja ewig zurück, dass ich diese Bücher geschrieben habe. Viele Kinder haben mir Vorschläge gemacht, wie ich die Reihe fortsetzen kann: das Fußballschwein, das Ballettschwein. Aber ich habe so viele Geschichten über King-Kong geschrieben, dass ich mir geschworen habe, kein King-Kong-Buch mehr zu schreiben. Vor einigen Monaten wusste ich plötzlich, wie das Fußballschwein funktionieren kann. Also bin ich mir wieder untreu geworden.

Lesung am Dienstag, 1. Dezember, 15.30 bis 17 Uhr, in der Samtgemeindebücherei, Schützenstraße 26 a, in Tostedt. Tickets an der Tageskasse kosten drei Euro