Harburg
Adolphsens Einsichten

Licht – Sinnbild für Leben, Liebe, Lebensmut

Helge Adolphsen am Weihnachtsbaum vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz, dem Michel

Helge Adolphsen am Weihnachtsbaum vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz, dem Michel

Foto: privat

Der emeritierte Hauptpastor der Hamburger Kirche St. Michaelis, Helge Adolphsen, schreibt im Hamburger Abendblatt 14-täglich seine Gedanken zu Alltagsfragen auf.

Harburg. Eben noch haben viele Menschen Kerzen und Grablichter auf den Gräbern ihrer Angehörigen entzündet. Zeichen der Liebe zu denen, die ihnen so nahe waren. Damit Licht in die Trauer der dunklen Stunden und Tage kommt. Auch in den Gottesdiensten am Toten- und Ewigkeitssonntag haben viele bei der Verlesung der Namen eine Kerze zum Gedenken entzündet.

Nur einige Tage vorher wurden nach den Terroranschlägen in Paris an vielen Orten Kerzen zum Leuchten gebracht und Blumen niedergelegt. Licht ist Zeichen für Anteilnahme und sichtbar werdende Verbundenheit. Bischöfin Kirsten Fehrs hat dazu aufgerufen, jeden Abend ab 18.00 Uhr Kerzen in die Fenster zu stellen. Ein Licht – Symbol für das Leben und die Liebe.

Ich erinnere mich noch gut an die Lichterketten 1992. Die Brandanschläge auf Asylbewerberheime wie in Rostock-Lichtenhagen riefen mehr als Abscheu und Empörung hervor. Journalisten und kleine Bürgerinitiativen Initiierten diese Aktion als brennenden Protest gegen rechtsradikale Gewaltanschläge und Antisemitismus. Rund um die Alster versammelten sich 400.000 Menschen.

Das Licht ihrer Kerzen erhellte die dunkle Nacht. Einige kritisierten die Lichterketten als „Betroffenheitsgala“ und „Olympiade von Gutmenschen“. Ich halte das für oberflächlich und zynisch. Der Psychiater und Traumaspezialist Prof. Georg Pieper schätzt die Wirkung vom öffentlichen Kerzenentzünden und Lichterketten hoch ein. Das sei viel mehr als eine Geste der Verlegenheit.

Es bilde einen Gegenpol gegen die Gefühle von Ohnmacht, Lähmung und Hoffnungslosigkeit. Es sei heilsam, aktiv zu werden und Mitgefühl zu zeigen. Das stärke zudem die Verbundenheit mit denen, die allein sind und sich in schwerlastenden Gefühlen vergraben.

Morgen beginnt die Adventszeit. Sie ist seit je besonders geprägt durch Kerzen und ihr zunehmendes Licht. Bis zum Strahlen der vielen Kerzen am Weihnachtsbaum.

Meine Erinnerungen an Advent gehen zurück in meine Kindheit. An den Adventssonntagen kam unsere große Familie im Wohnzimmer zusammen. Als jüngster von 4 Geschwistern durfte ich die erste Kerze am Adventskranz entzünden. Für mich ein besonderer Augenblick. Die eine Kerze erhellte den dunklen Raum.

Wir hörten Geschichten, sangen Lieder und aßen Adventsgebäck. Jedes Jahr wieder. Ich spürte, wie dieses Ritual uns miteinander verband in der großen Familie. Und irgendwie war in diesen Stunden die Welt heil und das Leben schön.

Seit einigen Jahren veranstalten Kirchengemeinden und private Organisationen den „Lebendigen Adventskalender“. So auch in Neu Wulmstorf. Und das zum 10. Mal. Und immer ökumenisch. Die evangelische, die katholische und die Gemeinde der Freikirche gemeinsam. Vom 1. – 23. Dezember lädt jeweils eine Familie in ihr Haus ein.

Die erleuchteten und geschmückten Fenster weisen jeweils das Datum des Tages auf, zudem eingeladen wird. Es werden Geschichten gelesen, Lieder gesungen, Glühwein (für die Kinder natürlich alkoholfrei) getrunken.

Advent wird lebendig und führt Menschen zusammen, auch die, die allein sind oder einen lieben Menschen verloren haben. Licht ist Leben, Verbundenheit. Licht tröstet. Das Ende dieser Aktion ist am Heiligabend in den Gottesdiensten der jeweiligen Gemeinde.

Advent – Zeit des Lichts. Diese Zeit muss ja nicht für Wettbewerbe genutzt werden: „Wer hat in seinem Garten die meisten leuchtenden Elche und Rehe mit den Tausenden von kleinen Lämpchen“? Es geht auch schlichter. Und sprechender.

So mit dem Herrnhuter Advents- und Weihnachtsstern. Der ist gut 100 Jahre alt und geht von der Herrnhuter Brüdergemeine in die ganze Welt. Er symbolisiert den Stern von Bethlehem, der den drei Weisen oder den Heiligen drei Königen den Weg zum Stall und zur Krippe wies. Er wird in Teilen mit einer Anleitung zum Zusammenfügen verschickt.

Ihn und anderen Adventsschmuck selbst zu fertigen passt sehr schön in diese Zeit. Der Stern wird in die Fenster von Häusern, Gemeindezentren und in Kirchen oder in den Glockenturm gehängt. Erst am Ende des Weihnachtsfestkreises, am 2. Februar, dem Tag „Mariä Lichtmess“, wird er abgenommen. Licht ist Leben!

Neulich fiel mir das Buch des französischen Schriftstellers Jaques Lousseyran „Das wiedergefundene Licht“ in die Hände. Er war mit acht Jahren erblindet aufgrund eines Autounfalls. Er schreibt über das Licht höchst Erstaunliches:

„Ich hatte das Licht in mir… ich hatte das sehende Auge in mir. Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte. Wenn ich, anstatt mich vom Vertrauen tragen zu lassen…, an die Wand dachte, an die halb geöffnete Tür, wenn ich mir sagte, dass alle Dinge feindlich waren und mich stoßen und kratzen wollten, dann stieß oder verletzte ich mich bestimmt.

Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte die Angst. Sie machte mich blind… Wenn ich glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt.“