Harburg
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Die Hobby-Schrauber werden abgehängt

Claus Scheffler und seine Kumpel nutzen die Motorradwerkstatt seit mehr als 30 Jahren. Auch für den Seifenkistenbau werden die Räume genutzt

Claus Scheffler und seine Kumpel nutzen die Motorradwerkstatt seit mehr als 30 Jahren. Auch für den Seifenkistenbau werden die Räume genutzt

Foto: Lars Hansen / HA

Nach mehr als 30 Jahren: Neuer Betreiber im Freizeitzentrum Nöldekestraße will die Werkstatt der Motorrad AG anders nutzen.

Harburg.  Es ist kompliziert. Auf der einen Seite: Zehn Motorrad-Enthusiasten und Hobbyschrauber, die seit Jahrzehnten gemeinsam ihrem Hobby nachgehen. Auf der anderen Seite: Der neue Hausherr ihrer Werkstatt, der einen Auftrag zu erfüllen hat, in den die Schrauber seiner Meinung nach nicht passen.

Die ehemalige Motorrad-AG des Freizeitzentrums Nöldekestraße/Mopsberg und der neue Träger des Freizeitzentrums, In Via e.V., liegen im Clinch. Die Schrauber baden anscheinend als letzte aus, was die Nöldeke­straße über Jahrzehnte versäumte.

In der Nöldekestraße gehörte die Motorradwerksatt zu den Arbeitsgemeinschaften der ersten Stunde. Als im ehemaligen Kinderheim neben der Polizeiwache Ende der 70er-Jahre ein selbstverwaltetes Jugendzentrum eröffnete, wurde auch gleich ein Teil des Kellers zum Schrauben abgeteilt. Schnell wurde aus dem rudimentär eingerichteten Raum eine semi-professionelle Werkstatt.

Mal legten die Mitglieder der AG für eine Abluftanlage zusammen, mal organisierte einer ein Schweißgerät, mal brachte jemand Werkzeug aus seinen Privatbeständen in die Gemeinschaftswerkstatt ein und vom Haus-Etat fiel auch für die Motorrad-AG etwas ab, so dass Anschaffungen möglich waren.

Kaum war das Haus eröffnet, begann es sich zu wandeln. „Stadtteilkultur“ hieß das Stichwort nun. Außer Jugendlichen kamen auch immer mehr Erwachsene in die Nöldekestraße. Allerdings plante die Stadt auch gleichzeitig am Rieckhof, um die Stadtteilkulturarbeit dorthin zu verlagern.

Mit Eröffnung des Rieckhofs sollte die Nödekestraße eigentlich geschlossen werden, allerdings wanderten nicht alle Benutzer mit ins neue Zentrum. Auch die Motorrad-AG blieb, wo sie war. Für die Nöldekestraße wurde ein neuer Trägerverein gegründet, der nun wieder Jugendarbeit betreiben sollte.

Tatsächlich erstellte der Verein ein Konzept für Stadtteil-Jugendarbeit an Nachmittagen, kooperierte mit der Jugendgerichtshilfe und erhielt sogar die Trägerschaft für ein zweites Jugendzentrum: Das FZ Sandbek.

Die alten Arbeitsgemeinschaften, die im Haus geblieben waren, machten parallel weiter wie vorher und alterten mit der Einrichtung. Allerdings brachte sich die Motorrad-AG in die Jugendarbeit mit ein: In der Nöldekestraße entstand ein Trial-Projekt. Trialmotorräder sind kleine, niedrig motorisierte Maschinen für Fahrgeschicklichkeitswettbewerbe.

Als das Freizeitzentrum 2015 als „Mopsberg“ Teil des Stadtteilzentrums „Feuervogel“ in der Baererstraße wurde, zog auch die Motorradwerkstatt um. Das Trial-Projekt wanderte zwar ins FZ Sandbek ab, die Wartung fand aber weiter in Harburg statt.

Parallel schraubten die AG-Mitglieder hier an ihren eigenen Motorrädern und entwickelten ein neues Projekt: Gemeinsam mit den Hobbytischlern aus der Holz-AG riefen sie das Mopsberg-Seifenkistenrennen ins Leben. Fahrwerk und Lenkung der Schiefebenenboliden bauten die Motorradfreaks, die Karosserie kam aus der Holzwerkstatt.

„Mit dem Mopsberg kam aber auch eine weitere neue Entwicklung“, sagt Claus Scheffler von der Motorrad-AG. „Dadurch, dass wir jetzt von der Straße aus sichtbar schraubten, kamen auf einmal auch Leute aus dem Viertel auf uns zu. Mal Jugendliche, denen wir beim Fahrrad-Reparieren halfen, mal eine Mutter, der wir den Kinderwagen-Rahmen schweißten.“

Dass im Haus selbst fast nur noch Kinder- immer weniger Jugendarbeit stattfand, nahmen die Motorradschrauber zur Kenntnis. Sie sprachen es auch an und entwickelten Projekte, wie sie ihre Kenntnisse an junge Leute im Viertel weitergeben könnten. Verwirklicht wurden diese Projekte nie.

Das Jugendamt hingegen wurde irgendwann darauf aufmerksam, dass das, wofür das Freizeitzentrum bezahlt wurde, dort nicht mehr stattfand. „Die Kinderarbeit, die dort stattfand, war zwar gut“, sagt Bezirksamts-Sprecherin Bettina Maack, „aber für die Arbeit mit Kindern haben wir im Phoenix-Viertel schon das Kennedy-Haus, das seine Aufgabe auch hervorragend wahrnimmt.“

Dem Verein Nöldekestraße wurde das Geld gestrichen, ein neuer Träger für das Haus gesucht. Die alten Nutzergruppen, unter anderem die Motorrad-AG, hingen in der Luft. Die Arbeitsgemeinschaft hätte mit Sack und Pack woanders hinziehen können, tat es aber nicht.

Immerhin hatte man noch die alten Konzepte in der Tasche, wie man in der Werkstatt Jugendarbeit betreiben könnte. „Monate lang wussten wir nicht, was passiert“, sagt Claus Scheffler. „Der neue Träger ließ uns nicht in die Räume.“

Damit waren die Motorradleute nicht allein: In Via, der Verein, der hier nun die Jugendarbeit macht, ließ jeden Raum, ob Saal oder Besenkammer, sorgfältig nach den Richtlinien des Arbeitsschutzes prüfen. Selbst die eigenen Projekte von In Via mussten sich zunächst Ausweichquartiere suchen. Die Hobbywerkstatt der Motorradschrauber fiel bei der Fachkraft für Arbeitssicherheit durch.

„Irgendwann rückte das Seifenkistenrennen jedoch näher und In Via wollte diese Tradition weiterführen. Deshalb sind wir angesprochen worden, ob wir die Wagen fertigmachen könnten“, sagt Claus Scheffler.

Scheffler von den Schraubern und Holzwerker Roland Röbnack nahmen die Aufgabe an. Ab dieser Zeit war Scheffler wieder regelmäßig in der Werkstatt. „Auch die Trial-Maschinen aus Sandbek habe ich hier gewartet, obwohl der neue Träger in Sandbek nicht etwa In Via, sondern der Margarethenhort ist“, sagt Scheffler.

Die Motorrad-Arbeitsgemeinschaft blieb allerdings weiterhin außen vor. Und auch Claus Scheffler wurde der Zutritt verwehrt, nachdem das Seifenkistenrennen beendet war. In Via hat eigene Pläne mit der Werkstatt: „Wir haben einen klaren Auftrag hier“, sagt Hausleiterin Sandra Kloke, „und dessen Zielgruppe ist zwischen 13 und 27 Jahre alt.“

Das trifft auf die Mitglieder der Motorrad-AG schon seit einiger Zeit nicht mehr zu. Ihre Jugend lag größtenteils in den Anfangstagen des FZ. In Via möchte die Metallwerkstatt, so heißt sie nun hausintern, in Kooperation mit der benachbarten Stadtteilschule nutzen. Dort gibt es einen Lehrer, der einen Berufsvorbereitungskurs Metall geben möchte. „Idealerweise geben die Kursteilnehmer ihr Wissen dann nachmittags ehrenamtlich an andere Jugendliche weiter“, sagt Hausleiterin Kloke.

„Peer-to-Peer“-Arbeit heißt diese honorarneutrale Kenntnisvermittlung im Pädagogenjargon. Die Werkstatt müsste dafür allerdings umgebaut werden, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Die Werkbänke dafür standen bereits vor der Tür. Welche Geräte dafür heraus sollten, kann von Hausseite aus niemand sagen.

Auf alle Fälle wären die beiden Motorradhebebühnen im Weg gewesen. Die Sandstrahlanlage, die Drehbank und die Teile-Waschanlage nehmen ebenfalls viel Platz ein. Ob alle diese Geräte auf In Via übergegangen sind, oder eigentlich noch den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft gehören, ist ebenfalls eine offene Frage, die von Gerät zu Gerät einzeln beantwortet werden muss.

Claus Scheffler intervenierte deshalb gegen den Werkstatt-Umbau, indem er sich an die Bezirkspolitik wandte. Unter anderem fand er bei Helga Stöver von der CDU Gehör. „Ich möchte, dass das Werkstattangebot im Quartier erhalten bleibt“, sagt Stöver. Sie erreichte beim Jugendamt, dass der Umbau ausgesetzt und eine Lösung gesucht wird.

Im Mopsberg wird diese wohl nicht stattfinden. In Via will die Werkstatt mit der Schule nutzen und zumindest Scheffler ist vom neuen Hausherren enttäuscht. „Die Seifenkisten durfte ich hier montieren, und danach kennt man mich nicht mehr. Das schmerzt.“

Es ist kompliziert.