Harburg
Adolphsens Einsichten

Versöhnung über Gräbern – Arbeiten für den Frieden

 Helge Adolphsen war Hauptpastor des Hamburger Michels

Helge Adolphsen war Hauptpastor des Hamburger Michels

Foto: Juergen Joost

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis. Er lebt in Hausbruch. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus.

1924, sechs Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges fand die sechste Bundestagung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Hamburg statt. Im Anschluss daran begab sich die Festgesellschaft zur Gedächtnisfeier in die St.-Michaeliskirche. Im Altarraum hatte man ein Ehrengrab errichtet.

Mächtig setzte die Orgel ein, als die Fahnensektionen der Krieger- und Militärvereine, des Stahlhelms und von vaterländischen Vereinen mit 42 Fahnen zu beiden Seiten des Ehrengrabes Aufstellung nahmen. Der Präsident des Volksbundes, Oberpfarrer Siems aus Charlottenburg, sprach von der wundervollen Begeisterung, mit der die jungen Männer in den Krieg zogen – und nicht wiederkamen.

Ein Ehrengrab und 42 Fahnen im Altarraum, Kriegsbegeisterung und Heldenverehrung, alles im Namen Gottes – wie fremd ist uns das heute! Aber es gehört zur Erinnerungskultur, die Wahrheit nicht zu verschweigen.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt schon lange ein anderes Gedenken. Vor 30 Jahren war ich mit dem Volksbund und Offizieren der Bundeswehr in Verdun. An unserem Bus war zu lesen: „Versöhnung über den Gräbern. Reconcialiation sur les tombes. Arbeit für den Frieden. Travail pour la paix“.

Jeder von uns ging für sich und still über den Friedhof. Ich wanderte von Grab zu Grab derer, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Tausende von Gräbern. Nur mit Kreuzen und Namen, Geburts- und Todesdatum. Fast alle jungen Männer nur 19, 20, 21 Jahre alt geworden. Keine Ehrengräber, keine Heldenverehrung. Nur Erschrecken, Fassungslosigkeit, Verstummen.

Jedes Grab in Verdun, auf Kreta, in Russland und in weiteren früheren Feindesländern ist ein Ort der Trauer und der Scham. Jedes Kreuz darauf eine Mahnung zum Widerstand gegen Krieg und Gewalt heute. Zugleich eine Friedenserklärung gegen alle heutigen Kriegserklärungen. Die Arbeit des Volksbundes erschöpft sich nicht darin, Gräber für gefallene deutsche Soldaten anzulegen, zu pflegen und deren Angehörige dorthin zu begleiten.

Das Gedenken bezieht alle Opfer von Kriegen und Gewalt, Flucht und Vertreibung mit ein. Auch die rassisch Verfolgten, die Juden und die Roma und Sinti. Die Gestorbenen unter den 20 Millionen Zwangsarbeitern. Damit wir alle das Gedenken an die Getöteten als Verpflichtende Versöhnungsbotschaft in die Welt tragen.

Ein Bild ging um die Welt: Am 22. September 1984 stehen Helmut Kohl und François Mitterand Hand in Hand inmitten von vielen Grabkreuzen vor dem Gebeinhaus in Verdun. In dem Haus hatte man nach dem Krieg die Gebeine von 130.000 Toten, die man nicht mehr nach Person und Nationalität unterscheiden konnte, beigesetzt.

Mitterand, der im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland kämpfte, und der Deutsche, der seinen älteren Bruder in diesem Krieg verlor. Sie stehen gemeinsam vor dem mit Fahnen beider Länder bedeckten Sarg. Ein denkwürdiges Zeichen der Versöhnung! Vergleichbar mit dem Kniefall Willy Brandts vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau 1970. Versöhnung über den Gräbern und über alle trennenden Grenzen hinweg.

Aber die ewig Gestrigen sind immer noch unter uns. Die Schlussstrich-Forderer. Die, die Versöhnung für Schwärmerei halten. Die Wahrheitsverdreher und Holocaustleugner. Die, die nicht anerkennen wollen, dass Soldaten sinnlos verheizt wurden, dass der deutsche Vernichtungskrieg in Russland, die damals so genannte Entjudung Deutschlands Verbrechen sondergleichen waren und sind.

Mit nichts vergleichbar, nicht zu relativieren und schon gar nicht zu verharmlosen. Zu ihnen gehören Vertreter rechtsextremer Parteien, dumpf-dreiste Nazi-Parolen-Schreier. Auch einige der Mitglieder, Sympathisanten und Mitläufer von Pegida, dem Verein „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“, sind zu nennen. Wer die Ziele dieser Vereinigung liest, kann zum größten Teil zustimmen. Aber Papier ist geduldig.

Die Fremden- und Islamfeindlichkeit, die Hetze und die rassistischen Töne auf den Veranstaltungen – diese Sprache erinnert an die braune Zeit Deutschlands. Das schürt Ängste, nicht nur bei den Juden.

Denn gegen einige Pegida-Organisatoren sind Strafverfahren wegen Volksverhetzung anhängig, gegen einen wird wegen geplanter Anschläge auf Flüchtlingsheime ermittelt. Dieser Hass gegen Minderheiten und Fremde, das ist geistige und tatsächliche Brandstiftung. Das ist ein übersteigerter Nationalismus.

Die Botschaft des Volkstrauertages 2015: Versöhnung über den Gräbern. Versöhnung mit ehemaligen Feinden. Versöhnung mit Fremden. Versöhnung ist Arbeit für den Frieden. Frieden kann es nur mit anderen, aber niemals gegen andere geben.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis. Er lebt in Hausbruch. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus in der Regionalausgabe Harburg&Umland des Hamburger Abendblattes